Steuerskandal Samsung-Anklage erschüttert Koreas Wirtschaftswelt

Aufruhr in Südkorea: Der Patriarch des Parade-Konzerns Samsung wird wegen Steuerhinterziehung angeklagt - und das von Firmenclans beherrschte Land ist in seinen Grundfesten erschüttert. Viele Koreaner fordern den Abbruch der Untersuchungen, sie fürchten wirtschaftliche Folgen.


Hamburg - Immerhin: Die Schande, in Handschellen abgeführt zu werden, bleibt Lee Kun Hee erspart. Eine Verhaftung des Samsung-Chefs und der anderen beschuldigten Manager des Konzerns würde in dem Unternehmen zu "erheblichen Störungen" führen, erklärte der leitende Ermittler die Nachsicht. Doch schon die Klage gegen Lee und neun weitere Samsung-Führungskräfte ist eine kleine Revolution der Justiz.

Demonstranten fordern im April den Abbruch der Untersuchungen gegen Samsung-Chef Lee: Sie fürchten die Folgen für die Wirtschaft
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Demonstranten fordern im April den Abbruch der Untersuchungen gegen Samsung-Chef Lee: Sie fürchten die Folgen für die Wirtschaft

Sicher, von den spektakulären Vorwürfen gegen Lee und seine Entourage ist nicht mehr viel übrig geblieben, obwohl eigens ein Sonderermittler für den Skandal eingesetzt worden war. Ausgelöst hatte die Untersuchungen der ehemalige Samsung-Hausjurist Kim Yong-chul, der nach seinem Ausstieg bei Samsung 2004 eines Tages aus dem Nähkästchen plauderte.

Von betrügerischer Buchführung, Steuerhinterziehung, Schmiergeldern und Unterschlagung erzählte er. Firmenchef Lee habe Abgeordnete, Staatsanwälte und Richter bestochen. Im Konzern gebe es dafür einen eigenen Safe mit umgerechnet etwa fünf Milliarden Euro Bargeld. Dem ehemaligen Präsidenten Roh Moo Hyun - der ausdrücklich mit dem Anspruch angetreten war, die Korruption im Land zu bekämpfen - habe Lee die Wahl mit einem stattlichen Geldgeschenk zusätzlich versüßt.

Der sagenhafte Safe wurde allerdings nie gefunden, auch für viele andere Vorwürfe fanden sich keine Belege. Die jetzt eingereichte Klage beschuldigt Lee der Hinterziehung von umgerechnet rund 72 Millionen Euro Steuern. 1200 Konten habe der 66-Jährige unter anderen Namen für Aktientransaktionen genutzt.

Eine lächerliche Summe - aber mit politischer Brisanz

Im Vergleich zu Lees Gesamtvermögen von über fünf Milliarden Euro oder in Relation zum Siemens-Schmiergeldskandal wirkt die Summe fast lächerlich. In Südkorea sorgt die Anklage jedoch für Wirbel. "Samsung steht nicht über dem Gesetz" titelte eine südkoreanische Tageszeitung angesichts der Razzien bei dem Großkonzern überrascht. Tatsächlich scheinen Unternehmen wie Samsung, Hyundai oder SK oft im rechtsfreien Raum zu agieren. Die traditionell von einem Clan beherrschten "Chaebols", wie die gigantischen Mischkonzerne genannt werden, "sind wie Kraken", sagt eine Koreanistik-Dozentin einer deutschen Universität: "Sie haben ihre Tentakel überall." Aus Angst vor der Wut ihrer Landsleute will sie nicht mit Namen genannt werden.

Samsung ist das beste Beispiel: Lees Vater, Lee Byung Chull, gründete den Konzern als Handelsfirma für getrocknetes Obst, später machte er in Zucker, dann in Textilien. Heute hat Samsung 59 Tochterunternehmen in allen möglichen Sparten, darunter ein Wertpapierhaus, Kaufhäuser, Hotels und ein Vergnügungspark. Und das obwohl Lee in den neunziger Jahren schon Firmenteile abgestoßen und sich verstärkt auf das Elektronikgeschäft konzentriert hat. Nach eigenen Angaben bestreitet Samsung rund 20 Prozent von Südkoreas Exporten.

Doch der Einfluss der Chaebols begründet sich nicht allein in ihrer schieren Größe - sondern in engen Banden mit der Politik, die einst noch der Diktator Park Chung Hee flocht. Er garantierte den großen Familienunternehmen in den sechziger Jahren angenehme Geschäftsbedingungen, verhinderte Gewerkschaften und baute allerlei Importhindernisse auf. Dafür lenkten die Konzerne hohe Investitionssummen in politisch wünschenswerte Projekte. Die guten Kontakte brachen auch nach der Demokratisierung des Landes nicht ab.

Skandale oder ab und an aufflammende Korruptionsvorwürfe überstanden die koreanischen Manager dank des politischen Schutzes so meist weitgehend unbeschadet. Bis 1996 erstmals Anklage gegen mehrere Konzernchefs und Politiker wegen Bestechung erhoben wurde. Ein absoluter Tabubruch. Doch Lee kam mit einer vergleichsweise milden Haftstrafe weg, die auch noch ausgesetzt wurde. Im Interesse des Wirtschaftswachstums, wie die Richter offen eingestanden.

So lautet oft die unverblümte Begründung für den schonenden Umgang mit den Manager-Größen. Noch in den sechziger Jahren gehörte das Land zu den Armenhäusern der Welt. Für den rasanten Aufbau der blühenden Exportindustrie sind Teile der Bevölkerung der Wirtschaftselite noch heute dankbar. Deshalb wurden auch die aktuellen Untersuchungen des Sonderermittlers im Falle Samsung teils von wütenden Protesten begleitet, bei denen der sofortige Abbruch gefordert wurde.

Trotzdem hat sich seit der Währungskrise Ende der neunziger Jahre auch der Druck auf die südkoreanische Führung erhöht, Ordnung in das undurchsichtige Geflecht der Chaebols zu bringen. "Damals haben der Internationale Währungsfonds und andere Geldgeber ihre Kredite an die Forderung nach mehr Transparenz geknüpft", erklärt die Korea-Kennerin.

So wurde es für den Samsung-Clan 2005 noch einmal eng: Da gab es plötzlich Ermittlungen, weil Samsung-Unternehmen 1996 Wandelanleihen an Lee Jae Yong - den Sohn des Firmen-Patriarchen - für einen Bruchteil ihres eigentlichen Wertes verkauft hatten. Lee Senior entzog sich den peinlichen Untersuchungen mit einer mehrmonatigen Reise in die USA, weil er sich ohnehin medizinischen Untersuchungen unterziehen musste. Als er zurückkam spendete er 800 Millionen Dollar für soziale Zwecke und gelobte Besserung. Büßen mussten zwei andere Samsung-Manager, die wegen der damaligen Vorgänge verurteilt wurden.

Der Chef des inzwischen unter einem Schuldenberg zusammengebrochenen Daewoo-Gruppe, Kim Woo Choong wurde dagegen im Mai 2006 höchstpersönlich wegen schweren Betrugs, Bilanzfälschung und anderen Vergehen zu zehn Jahren Haft verurteilt. Und auch Hyundai-Chef Chung Mong Koo wurde zur Verantwortung gezogen: Drei Jahre Haft lautete das Urteil für ihn im vergangenen Februar wegen Bestechung und Unterschlagung.

Allerdings sind auch die aktuellen Versuche von Politik und Justiz, für mehr Transparenz zu sorgen, allenfalls halbherzig - und laufen oft nach dem Motto: Zwei Schritte vorwärts, einer zurück. Ex-Daewoo-Chef Kim wurde so inzwischen im Zuge einer Sonderamnestie begnadigt. Die Haftstrafe gegen Hyundai-Chef Chung wurde ausgesetzt. Lee hat also gute Chancen, auch diesmal weitgehend unbescholten aus dem Skandal herauszukommen. Im Zweifel heißt es eben noch immer: Im Namen der Wirtschaft, anstatt im Namen des Volkes.



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