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WÄHRUNG Stimmung vermasselt

Der internationale Geldhandel mißtraut der Deutschen Mark, die zusehends an Tauschwert verliert.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Alles, alles ist in bester Ordnung: Im Auftrage seines Kanzlers befand Regierungssprecher Arnim Grünewald, jedes Gerede über eine Abwertung der Deutschen Mark sei »unrealistisch«. Bankenpapst Hermann Josef Abs sekundierte: Es sei »verantwortungslos«, S.26 die Mark als schwach hinzustellen. Und für Manfred Lahnstein schließlich, den designierten Kanzleramts-Chef, sind die jüngsten Ereignisse an den Devisenmärkten sowieso »absurdes Theater«.

Unrealistisch, verantwortungslos, absurd -- so einfach ist das also. Devisenhändler, heißt es, spielen immer mal wieder verrückt; mit Vernunft habe der anhaltende Kursrutsch der Mark wenig zu tun. Das beste jedenfalls sei, das Gerede über die Mark höre endlich auf.

Doch das Geraune läßt sich nicht per Verordnung abstellen. Alles amtliche Beschwichtigen hilft nicht: Die Deutsche Mark ist im Gerede, das Vertrauen ist angeknackst. »D-Mark im Herbst«, sinnierte die »Welt« melancholisch.

An Wert verloren hat die bis vor kurzem so prächtig-protzig dastehende Valuta ja nicht nur gegenüber dem Dollar, den die Reagan-Hausse bis vorigen Freitag auf 1,96 hochjubelte und der gegenüber dem Jahresbeginn 13 Prozent dazugewann.

Billiger geworden ist die Mark auch gegenüber vielen europäischen Währungen, gegenüber dem boomenden Briten-Pfund etwa, das im Wert um fast 20 Prozent stieg, gegenüber der Schweden-Krone (acht Prozent) oder dem französischen Franken (1,7 Prozent).

Solche Wertveränderungen mögen jenen als grotesk erscheinen, die allein in Rechnung stellen, was mit den jeweiligen Währungen zu kaufen ist. Rundum, in England etwa oder in Frankreich, galoppieren die Preise zweistellig, während die bundesdeutsche Inflationsrate bei fünf Prozent hängt.

Wenn es also allein danach ginge, was eine Währung im Inneren wert ist, müßte die Mark eher teurer als billiger werden.

Doch die Deutschen erfahren nun, daß nicht allein die Kaufkraft einer Währung den Preis bestimmt. Der Kurswert richtet sich schließlich auch danach, wieviel von einer Devise angeboten, wieviel nachgefragt wird. Und bei der Deutschmark überwiegt seit Monaten das Angebot.

Das hat, gewiß, mit den höheren Zinsen in Europa und Amerika zu tun: Höhere Zinsen -- bei Dollar-Anlagen gegenwärtig rund 16 Prozent gegenüber gut neun in der Bundesrepublik -- locken deutsche und ausländische Anleger von der Mark weg.

Doch die üppigen Zinssätze, die ja auch früher die Mark nicht in den Keller drücken konnten, erklären die Schwäche nicht allein. Weitaus gewichtiger erscheint ein Phänomen, das vielen Bundesbürgern offenbar immer noch nicht ins Bewußtsein gerückt ist: In diesem Jahr werden die Westdeutschen rund 28 Milliarden Mark mehr für ausländische Güter und Dienste ausgeben, als sie selbst im Ausland verkaufen.

Die Bundesdeutschen, die über Jahrzehnte hinweg ihren Devisenschatz quasi naturgesetzlich immer höher auftürmten, haben sich unter die Minusmacher eingereiht. Und tüchtig, wie sie sind, setzten sie sich gleich an die Spitze: Die Bundesrepublik brilliert gegenwärtig mit dem größten Leistungsbilanzdefizit unter den westlichen Industriestaaten.

Das Milliarden-Loch hat mehr als statistischen Wert. Es belegt unzweideutig, so Bundesbank-Vizepräsident Helmut Schlesinger, »daß die Bundesrepublik außenwirtschaftlich über ihre Verhältnisse lebt«. Oder, direkter: daß die Westdeutschen so manche Italienreise oder so manches Japan-Auto nicht mehr mit Geld bezahlen, das sie in diesem Jahr im Ausland verdienen.

»Wir haben«, klagt Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, »von der Substanz gelebt, denn das Defizit in der Leistungsbilanz ist zum weit überwiegenden Teil aus unseren Devisenreserven finanziert worden.«

Diese Reserven waren Anfang des Jahres rund 90 Milliarden Mark nach offiziellen Angaben wert, bei Bewertung der Goldschätze zu aktuellen Marktpreisen noch einiges mehr. Doch allzu lange läßt sich davon nicht zehren: Seit Anfang dieses Jahres schrumpfte der stolze Schatz um 21 Milliarden Mark.

Besonders irritierend für die feinnervigen Geldhändler ist das Tempo, in dem die deutsche Leistungsbilanz in die roten Zahlen rutschte. Noch 1978 wies die Bundesbank ein Plus von 17,5 Milliarden Mark aus.

Binnen 24 Monaten verschlechterte sich mithin das bundesdeutsche Außenbudget um 45 Milliarden Mark. »Ein solcher Umschwung«, sagt ein Zürcher Devisenhändler, »vermasselt die Stimmung total.«

Für die absehbare Zukunft sind schwarze Zahlen nicht mehr zu erwarten. Etwa die Hälfte der 45 Milliarden Mark, um die sich die Bilanz in den letzten zwei Jahren verschlechterte, kassierten die Ölstaaten ab. Niemand aber rechnet damit, daß die Opec-Fürsten gönnerhaft Preissenkungs-Aktionen veranstalten werden.

Wenig wahrscheinlich auch ist, daß die Deutschen weniger Geld für Auslandsreisen und ausländische Produkte auswerfen werden. In diesem Jahr verjubelten sie im Ausland dreimal soviel wie Anfang der siebziger. Die 61 Millionen Bundesbürger geben inzwischen mehr für Auslandstourismus aus als die 220 Millionen US-Amerikaner.

Ähnlich imponierend sind die Steigerungsraten für importierte Waren. Für ausländische Enderzeugnisse -- Maschinen oder Autos, Textilien oder Möbel -- geben die Bundesbürger heute doppelt so viel aus wie 1975. Besonders irritierend: Auf vielen heimischen Fertigwarenmärkten, die lange Zeit fest in deutscher Hand waren, haben sich die Ausländer inzwischen sicher eingenistet.

Bundesbanker wie Regierende geben sich dennoch zuversichtlich, daß sie im nächsten Jahr mit einem geringeren Minus davonkommen. Die gegenwärtigen Schätzungen liegen bei 20 Milliarden Mark, dies allerdings unter Bedingungen, von denen auch die Manager der Notenbank wissen, »wie unsicher sie sind« (Pöhl).

Zum einen soll der Welthandel (und damit der devisenbringende deutsche S.28 Export) um gut zwei Prozent wachsen -- angesichts der überall zu ortenden Talfahrt eine kühne Hoffnung. Und zum anderen soll das Öl im nächsten Jahr keine neuerlichen Preissprünge machen -- angesichts des heißen Kriegs am Golf eine geradezu verwegene Annahme.

In jedem Fall -- ob das Defizit nun 20 oder 30 Milliarden beträgt -- bleibt den Deutschen auch 1981 nichts anderes, als noch mal vom Gesparten in Frankfurt zu zehren. Nur wenn die Bundesbürger weniger einführen oder wenn es gelingt, noch mehr deutsche Produkte im Ausland loszuschlagen, dürfte auf lange Sicht die Bilanz wieder ins Lot geraten.

Für die Devisenprofis sind solche Perspektiven nicht gerade ermutigend. Sie planen ziemlich kurzfristig; ein Land, das die eiserne Reserve angeht, erscheint ihnen als Anlageplatz nicht sonderlich geeignet. Kapitalkräftige Ausländer handeln daher gegenwärtig nach der Devise »Abwarten, wie es weitergeht« (ein Frankfurter Banker) und schaufeln ihr Geld nach New York oder London.

Um den schon ziemlich tief gesackten Markkurs nicht noch tiefer abrutschen zu lassen, kauften die Devisenhändler der Frankfurter Bundesbank in der ersten Novemberwoche mehrere Milliarden Mark ihrer eigenen Währung auf. Verkehrte Welt: Auch die US-Notenbank, deren Dollar die Bundesbank einst massenweise aufgekauft hatte, stützt nun den Markkurs mit Hilfskäufen. Die französische Regierung verkündete Zinssenkungen, um die Flucht aus der Mark zu bremsen.

Die Ausverkaufsstimmung hielt dennoch an: Vorigen Donnerstag und Freitag sausten deutsche Aktien und Anleihen im freien Fall nach unten. Die meisten Verkaufs-Orders waren von Ausländern gekommen.

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