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AUTOINDUSTRIE Straff und korrekt

Fiat-Chef Agnelli ist einen ungeliebten Partner los: Libyens Oberst Gaddafi verkaufte die Beteiligung an Italiens größtem Privatkonzern. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Giovanni Agnelli, Chef des größten italienischen Privatkonzerns Fiat, hatte sich auf ein langes, ungestörtes Wochenende eingestellt.

Es war Freitag, der 15. August, ein Feiertag in Italien. Unerwartet klingelte im Hause Agnelli das Telephon. Abdullah Saudi war am Apparat und wollte den »Avvocato« sprechen, wie die Italiener den gelernten Rechtsanwalt Agnelli zumeist respektvoll nennen.

Nach ein paar kurzen, freundlichen Worten stellte Saudi die entscheidende Frage: »Avvocato, sind Sie bereit zu kaufen?« Agnelli wollte, nur zu gern. Es ging um das Fiat-Aktienpaket eines arg lästig gewordenen Partners.

Der Libyer Abdullah Saudi, Chairman der Arab Banking Corporation in Bahrein, fragte im Auftrag von Libyens Staatschef Muammar el-Gaddafi.

Der Oberst in Tripolis hatte vor fast genau zehn Jahren ein Fiat-Aktienpaket von zunächst 9,5 Prozent erworben. Schrittweise stockten die Libyer dann ihre Beteiligung an dem Auto-, Rüstungs- und Technologiekonzern auf 15,2 Prozent der Stammaktien auf. Sie wurden so nach der Familie Agnelli zum zweitgrößten Aktionär der Firma.

Damals, als Energiekrise, Rezession, Mißmanagement und verheerende Arbeitsbeziehungen den Fiat-Konzern an den Rand des Ruins trieben, hatte Gaddafi mit seiner Kapitalspritze »in schwieriger Situation geholfen«, wie Agnelli heute einräumt.

Der Helfer von einst entpuppte sich jedoch für die Turiner Fiat-Zentrale zunehmend als Belastung.

Fiat ist mit dem US-Konzern United Technologies verbunden. Beide Unternehmen bauen Motoren für Kampfflugzeuge, beide sind gemeinsam beteiligt an der britischen Firma Westland, einem Hersteller von Militärhubschraubern. An den Rüstungsprojekten der Konzerne wirkt das US-Verteidigungsministerium mit. Das Pentagon in Washington zählt zu den wichtigsten Auftraggebern.

Da ist, natürlich, ein Partner unbequem, der »von den USA«, so Agnelli, »als ideologischer Feind betrachtet wird«. Immerhin setzt Agnelli auch darauf, am amerikanischen SDI-Programm kräftig mitzuverdienen. Fiat-Großaktionär Gaddafi, der für die Amerikaner längst zum Reich des Bösen gehört, stand offenkundig im Wege.

»Wir können sie ja nicht zum Verkauf zwingen«, hatte der Fiat-Chef schon im Frühsommer bedauert. Damals war dem Turiner Konzern gerade wegen des libyschen Mitaktionärs sein erster US-Rüstungsauftrag - die Lieferung von 178 Schaufelbaggern an die amerikanische Marine im Wert von acht Millionen Dollar - verlorengegangen.

Als Abdullah Saudi anrief, war Agnelli daher nur zu froh: Er wußte, das war die erhoffte Stunde.

Wie vor zehn Jahren trafen sich Agnellis und Gaddafis Delegationen zu den Verkaufsverhandlungen auf neutralem Boden in Zürich. Nach »straffen, korrekten Diskussionen« verkündete am Dienstag letzter Woche Fiat-Direktor Gianluigi Gabetti die »wahrscheinlich

größte europäische Finanztransaktion überhaupt":

Für rund drei Milliarden Dollar verkauften die Libyer ihre Fiat-Beteiligung an die Familien-Holding der Agnellis, das Istituto Finanzario Industriale (Ifi). Gaddafis Engagement im Lande der ehemaligen Kolonialherren hatte sich mithin gelohnt. Seit 1976 hatte Libyen nur etwa den fünften Teil aufgebracht.

Die Ifi behielt ein Drittel des Aktienpakets, und das kostet die Agnellis keine Lira in bar. Sie finanzieren den Erwerb mit Wandelschuldverschreibungen, die sämtlich von Gesellschaften der Fiat-Gruppe gezeichnet wurden.

Den Rest reichte die Ifi an zwei große Banken zum Verkauf weiter. Die Deutsche Bank und die italienische Mediobanca sollen geeignete Käufer für Aktien im Wert von 2,1 Milliarden Dollar finden.

Daß Agnellis Wahl just auf die Deutsche Bank fiel, ist nicht verwunderlich. »Die Deutsche Bank«, begründete der Fiat-Chef in einem Interview mit der »Welt« die Entscheidung, »ist das Institut, das in diesem internationalen Kredit- und Wertpapiergeschäft das größte Gewicht, die höchste Autorität besitzt.«

Dem Frankfurter Geldkonzern kamen bei dieser Einschätzung die Erfahrungen zugute, die er erst jüngst mit dem Verkauf von Flicks Daimler-Benz-Aktien im Wert von 3,8 Milliarden Mark vorweisen konnte.

Der schnelle und reibungslose Verkauf stimmt wohl auch die Libyer froh. Der Verfall der Ölpreise hat ihre Kontostände nachhaltig beeinträchtigt. Wie bei anderen Ölstaaten leidet darunter auch die Zahlungsfähigkeit der Libyer gegenüber ausländischen Lieferanten. Das führte sogar zu gerichtlichen Verwicklungen in Italien.

Nach dem Abschied der Libyer konzentriert sich Agnellis Augenmerk nun auf einen anderen ungeliebten Fremdling: den US-Autokonzern Ford.

Ford bemüht sich, bei dem zur staatlichen Finanzholding Iri gehörenden Autobauer Alfa Romeo einzusteigen - und das müssen die Fiat-Manager als Bedrohung ihrer Vormacht im eigenen Land ansehen.

Agnelli warnte vor einer »Enteignung der italienischen Prestigemarke«. Letzte Woche kündigte der Fiat-Chef an, er werde mit eigenen Angeboten den Ford-Managern dazwischenfahren.

Phantasiereiche italienische Finanz-Analytiker spielen unterdes mit einer Idee, wie Agnelli die Ford-Leute von Alfa Romeo fernhalten könnte: Er solle ihnen ein Päckchen der libyschen Fiat-Aktien vermachen. Agnelli dazu, ganz der Europäer: »Wir werden deutsche, französische und englische Partner haben.«

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Schuldpapiere, die später in Aktien umgewandelt werden können.

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