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STRAHLENSCHUTZ Strahlen aus der Grube

Der Einsatz gefährlicher, radioaktiver Geräte wird kaum überwacht.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Das Ding ist gefährlich -- es kann die Haut verbrennen, zu Haarausfall führen oder Krebs erregen. Aber hantieren darf damit offenbar jeder.

Der Gammastrahler, ein mit hochradioaktivem Material arbeitendes Gerät, wird transportabel auf bundesdeutschen Baustellen für die Materialprüfung eingesetzt. Nur selten wird dabei, so stellten Arbeitsrichter in Ludwigshafen erstaunt fest, auch korrekt überwacht, ob die Prüfer hinreichend qualifiziert sind.

Der Anlaß, der diese bemerkenswerte Erkenntnis brachte, ist läppisch. Dem Unternehmer Friedhelm Wendel, 34, Inhaber einer Firma für zerstörungsfreie Materialprüfung im pfälzischen Niederkirchen, waren vier seiner sechs Leute davongelaufen. Wendel verlangte Schadenersatz, weil es für eine fristlose Kündigung überhaupt keinen Anlaß gegeben habe.

Das allerdings sahen die Beklagten ganz anders. Ihnen war der Job bei Wendel zu heiß geworden, weil es in dem Betrieb lebensgefährlich schludrig herging. Die Firma, so Hans-Jürgen S.98 Moser, einer der betroffenen Arbeitnehmer, habe »ständig gegen die Strahlenschutzverordnung verstoßen«.

Die Gammastrahler, mit denen Moser und Kollegen etwa an Gas- und Wasserleitungen die Güte von Schweißverbindungen zu kontrollieren hatten, enthalten Kobalt 60 oder Iridium 192. Deren Strahlung, doppelt so hart wie Röntgenstrahlen, geht selbst durch dicke Stahlplatten und macht Materialfehler erkennbar.

Weil die Strahlerkapsel, anders als Röntgenröhren, nicht abgeschaltet werden kann, wird sie in einem »hochsicheren« Behälter verwahrt. Dieser Behälter ist mit abgereichertem Uran, das Strahlung schluckt, ummantelt.

Bei der Arbeit (Gammagraphie) müssen Schutzabstände, beim Transport besondere Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden. Die Strahlung ist sogar so intensiv, daß sie selbst bei geschlossenem Gerät noch durch die Isolierung des Gehäuses dringt.

Der Grenzwert für die höchste zulässige Jahresdosis an Strahlen wird bei einem betriebsbereiten Gerät schon nach einer Sekunde um weit mehr als das Doppelte überschritten, wenn der Strahler mit der bloßen Hand gehalten wird.

Die gleichen Gefahren drohen überdies auch ahnungslosen Mitbürgern: Sie können, etwa bei Leitungsprüfungen mitten in dichtbewohnten Gebieten, ebenfalls den unsichtbaren Strahlen aus der Baugrube ausgesetzt sein.

Die Strahlenschutzverordnung aus dem Jahr 1976 sieht zwar strenge Sicherheitsvorkehrungen vor: Der Einsatz von Gammastrahlern ist genehmigungspflichtig, und nur fachkundige, zuverlässige Arbeiter dürfen damit umgehen. S.99

Aber um die zahllosen kleineren Firmen, die den Gammastrahler einsetzen, hat sich offenbar kaum jemand gekümmert. Firmenchef Wendel jedenfalls konnte dem Ludwigshafener Arbeitsgericht bislang nicht nachweisen, daß seine Leute exakt nach der Strahlenschutzverordnung zu arbeiten hatten.

Dafür hatte der Beklagte Moser auf elf Schreibmaschinenseiten, engzeilig, dem Gericht präzis geschildert, was Strahlenschutz in der Praxis ist: Auch bei der Gewerbepolizei ist häufig nur Kommissar Zufall im Einsatz.

Zwar müssen die Firmen jeden Transport eines Strahlers vorweg der für das Einsatzgebiet zuständigen Gewerbeaufsicht anzeigen. Kontrolle aber findet, so ein Beamter, »in nicht einmal zehn Prozent der Fälle« statt.

So hatte auch die Kolonne Wendel aus der Pfalz unbehelligt sechs Monate lang an einer Wasserleitung der Preussag durch Rheinhessen gearbeitet. Erst dann regte sich die staatliche Gewerbeaufsicht in Mainz.

Der Befund war alarmierend. »Keine der mit Durchstrahlungsarbeiten beschäftigten Personen« habe die »erforderliche Fachkunde« gehabt, stellte das Gewerbeaufsichtsamt fest und ließ den Iridiumstrahler beschlagnahmen, »da die Gesundheit der Beschäftigten und der Allgemeinheit bedroht ist«.

Daß fünf Wochen später auch Wendels zweiter Gammastrahler -- diesmal in Mannheim -- sichergestellt wurde, war wieder nur ein Zufallstreffer. Er wurde erst durch den Prozeß vor dem Arbeitsgericht Ludwigshafen bekannt.

Wendel übrigens hatte inzwischen erkannt, daß es nicht in seinem Interesse ist, wenn Einzelheiten aus seiner Betriebspraxis vor Gericht erörtert werden. Er zog seine Klage ohne Begründung zurück.

Das konnte er gut tun, denn die konfiszierten Geräte hat er längst wieder, und das Sozialministerium in Mainz erweiterte sogar seine Lizenz.

Strafe braucht Wendel nicht zu fürchten. Verstöße gegen die Strahlenschutzverordnung, erläutert der Mainzer Ministerialdirigent Erich Kirsch, seien bloße Ordnungswidrigkeiten. Mehr als Bußgeld sei da nicht drin -wie bei zu schnellem Fahren.

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