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KÜCHENHERDE Strahlende Zukunft

Später als Japaner und Amerikaner entdecken die Deutschen ein neues Küchengerät: Mikrowellen-Herde kommen in Mode. *
aus DER SPIEGEL 3/1985

In Deutschlands Küchen tut sich was: Die Elektroindustrie steht, sagt Bauknecht-Manager Dieter Gallist, »am Anfang eines neuen Durchbruchs«.

Jahrelang waren die Bundesbürger mit dem Trio aus Kühlschrank, Elektroherd und Waschmaschine zufrieden. Die Firmen klagten über gesättigte Märkte und durften lediglich ein neues Gerät liefern, wenn das alte kaputt war.

Doch seit Anfang 1984 steigt in der Bundesrepublik der Verkauf einer Küchenmaschine rapide an, die anderswo schon längst in Mode ist: der Mikrowellen-Herd.

In diesem Jahr, so hoffen die Firmen, werden sich weit mehr als 200 000 Deutsche von den Vorteilen der Mikrowelle, nämlich Zeit- und Energieersparnis, überzeugen lassen. »Allmählich«, kommentiert Siemens-Sprecherin Rita Plötz den Trend, »macht sich unsere jahrelange Aufklärungsarbeit bezahlt.«

Zunächst kam das Interesse der Kundschaft für die Hersteller ziemlich überraschend. Denn die Mikrowellen-Herde sind keine Neuheit mehr.

Der Elektroriese Siemens zum Beispiel beschäftigt sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit dem elektronischen Kochen. Dabei werden Elektrowellen erzeugt, die den in der Medizin verwendeten Kurzwellen ähnlich sind. Sie erzeugen Schwingungen und damit Reibung im Innern der Speisen. Auch ohne Zugabe von Fett oder Wasser brennt von außen nichts an; allerdings kann ein zu lange bestrahltes Gericht von innen her schwarz werden.

Schon die erste von Siemens 1957 gebaute Kochkiste funktionierte prächtig. Das Gerät hatte nur einige Nachteile: Es wog zwei Zentner, benötigte einen Wasserkühler und kostete 7000 Mark. Da die Siemens-Manager diesem Monstrum keine Absatzchancen gaben, verschwanden die Pläne für mehr als ein Jahrzehnt in der Ablage.

Zu Beginn der siebziger Jahre entdeckten japanische Elektrokonzerne von neuem die Möglichkeiten der Mikrowelle. Die auf normale Herdgröße geschrumpften Geräte, die im Laden zwischen 500 und 2000 Mark kosten, verkauften sich bald in Japan und Amerika wie von selbst. In den USA wurden 1983 mehr als sechs Millionen Herde abgesetzt; in Japan steht das Gerät inzwischen in fast jedem zweiten Haushalt.

Die Erfolge lockten auch die deutsche Industrie. Nach einer Prognose aus dem Hause Siemens sollten Ende der siebziger Jahre jährlich bereits mehr als 120 000 Geräte abgesetzt werden.

Vor allem die steigende Zahl berufstätiger Hausfrauen, so das Kalkül der Marktforscher, müßte Interesse an einem Gerät haben, das die Kochzeit drastisch reduziert. So ist zum Beispiel eine tiefgefrorene Suppe in etwa vier Minuten zubereitet, ein Pfund Kartoffeln ist in rund zwölf Minuten gar. Zudem hält die Mikrowelle die Vitamine besser im Gemüse als ein herkömmlicher Kochherd.

Trotz der Vorteile ging die Rechnung der Marktforscher nicht auf. In Deutschland dauerte es mehr als sieben Jahre, bis die ersten hunderttausend Mikroherde abgesetzt waren.

Eßgewohnheiten und ein ganzer Schwall von bösen Legenden behinderten den Verkauf. Die Geräte wurden für alle möglichen Gesundheitsschäden, »von der Verbrennungsgefahr bis zur Impotenz« (Gallist), verantwortlich gemacht. Heute gelten die elektronischen Küchenhelfer allgemein als sicher.

Doch nicht allein die hartnäckigen Vorurteile stoppten die Mikrowelle in der Bundesrepublik. Hinderlich war auch, daß viele Herde in der Anfangszeit technisch noch nicht ausgereift waren. So erhitzten viele Geräte die Speisen zwar schnell und billig - aber oft nicht gleichmäßig. Da konnte es vorkommen, daß die Pizza in der Mitte schon gar war, am Rand aber noch kalt.

Ein weiterer Nachteil ist systembedingt: Eine knusperige Kruste oder eine goldgelbe Bräunung der Speisen ist mit der Mikrowelle nicht möglich. »Unser Geschmack und das Auge«, heißt es selbstkritisch in einem Siemens-Prospekt, »kommen bei dieser Zubereitung zu kurz.«

Der Mikrowellen-Erfolg in Deutschland begann deshalb auch erst, als es den Herstellern gelang, diesen Nachteil durch die Kombination von schneller Reibungshitze und konventioneller Heißluftzubereitung zu beseitigen.

So bieten Siemens und Bosch, die auf dem Hausgeräte-Sektor eng zusammenarbeiten, seit kurzem unter den Bezeichnungen »Microwelle plus« und »Gourmet« Herde an, die Mikrowelle und Backofen oder Infrarotgrill in einem Gerät vereinen. Damit läßt sich backen, braten und grillen. Die Speisen werden wie gewohnt braun, aber schneller gar.

Andere Firmen arbeiten ebenfalls an solchen Kombigeräten. Bauknecht-Manager Gallist prophezeit den Kombis eine »strahlende Zukunft«, obwohl sie deutlich teurer sind als Standardgeräte.

Von der plötzlichen Popularität der Mikrowelle profitieren derzeit vor allem die Japaner. Elektrokonzerne wie Matsushita, Hitachi, Toshiba oder Sharp produzieren das Gros der hierzulande verkauften Geräte. Außer einer Philips-Fabrik in Schweden und dem Siemens-Bosch-Beginn gibt es in Europa bislang keine eigene Mikrowellen-Fertigung.

Das wird nun anders. Der italienische Elektrokonzern Zanussi will in England einen Betrieb errichten. Auch die Bosch-Siemens-Gruppe ist dabei, in ihrem Werk in Traunreut am Chiemsee eine Mikrowellen-Produktion einzurichten.

Noch ist die unter strenger Geheimhaltung arbeitende Abteilung sehr klein und auch auf Bauteile aus Ostasien angewiesen. Doch der Weg ist unverkennbar. »Wir haben«, erklärt Siemens-Sprecherin Plötz die Zukunftshoffnungen, »in Traunreut großzügig auf Zuwachs gebaut.«

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