Strauchelnder Energieriese Börsengang von EDF wird zur Zitterpartie

Der Börsengang des Energiekonzerns EDF wäre beinahe schief gegangen. Um den Aktienkurs vor dem Absturz zu retten, griffen offenbar die Konsortialbanken massiv ein. Dabei war die Aktie von fast fünf Millionen Anlegern gezeichnet worden - ein Rekord in der französischen Börsengeschichte.


Paris - Auch vom Wert her war die Emission, die dem Unternehmen rund sieben Milliarden Euro einbringt, die größte in Frankreich überhaupt. Zusammen mit vergünstigten Mitarbeiteraktien für eine Milliarde Euro hatte Paris den Verkauf von 15 Prozent an dem Konzern genehmigt, der nun mit über 58 Milliarden Euro an der Börse bewertet wird und damit Nummer eins unter den Energiekonzernen in Europa ist. Die verbleibenden 85 Prozent will der Staat bis auf weiteres behalten.

Die an der Emission beteiligten Banken mussten jedoch nach Einschätzung von Experten massiv eingreifen, um zum Börsendebüt des Staatskonzerns ein Abrutschen unter den Ausgabekurs von 32 Euro für Privatanleger zu verhindern. Stunden vor dem Börsenstart heute Nachmittag hatten Händler massenhafte Verkaufsaufträge vor allem von Kleinanlegern registriert und zunächst Kursverluste von rund 20 Prozent vorhergesagt. Bis eine halbe Stunde vor Börsenstart stand das Papier noch rund 12,5 Prozent im Minus. Dann setzte offenbar eine massive Intervention der Konsortialbanken ein.

"Die Banken, die den Börsengang organisiert haben, versuchen den Preis oben zu halten, um Gewinne auszuweisen", sagte Aktienstratege Pierre Sabatier vom Handelshaus JCF Facset zu dem kleinen Plus für Privatanleger zum Handelsstart. "Denn ein Kursminus wäre für den Staat eine Katastrophe." Auch Robert de Vogüe, Chef der Finanzhäuser Malmy Finance und Arkeon Finance, erklärte, es sei "undenkbar, dass der französische Staat und die Banken den Kurs unter den Ausgabepreis sinken lassen. Sonst werden die Kleinanleger bei anderen Privatisierungen die Flucht ergreifen."

Die Intervention der Konsortialbanken konnte allerdings nur drohende Verluste wettmachen. Bei Börsenschluss schloss die Aktie exakt auf dem Ausgabekurs für Privatanleger von 32 Euro. Damit waren die Privatanleger noch gerade im grünen Bereich, institutionelle Investoren, die 33 Euro für das Papier zahlen mussten, verbuchten dagegen ein deutliches Minus von rund drei Prozent.

Zu teuer und zu unsicher

Die Profianleger hatten sich bei dem Börsengang von Anfang an äußerst zurückhaltend gezeigt. Analysten warfen dem französischen Staat vor, den Preis für die Aktie von Europas größtem Stromanbieter zu hoch angesetzt und damit die institutionellen Anleger wie Fonds und Versicherungen verschreckt zu haben. Dazu kämen Unsicherheitsfaktoren wie die anstehenden Entsorgung vieler EDF-Atomkraftwerke in den nächsten Jahrzehnten.

Bereits am Freitag hatten Händler darauf verwiesen, dass der Börsengang im Vorfeld im Wesentlichen von Privatanlegern "gerettet" worden war. So hatte Paris deren Anteil an den ausgegebenen EDF-Aktien kurzfristig auf 60 Prozent hochgesetzt. An institutionelle Investoren wurden damit nur noch 40 Prozent verkauft - statt zunächst geplanter 50 Prozent.

Viele Privatanlegern hofften offenbar auf schnelle Gewinnmitnahmen, nachdem der Börsengang des Schwesterkonzerns Gaz de die France (GDF) vor vier Monaten ein voller Erfolg geworden war. Damals hatte die GDF-Aktie am ersten Tag um mehr als ein Viertel zugelegt. JCF-Stratege Sabatier sagte dazu, viele Privatleute hätten EDF in einer ähnlichen Hoffnung nun nur gezeichnet, um schnell wieder zu verkaufen. Er geht davon aus, dass der EDF-Kurs dank der Intervention der Konsortialbanken in den "nächsten zwei bis drei Tagen" relativ stabil bleiben werde. Für die Zeit danach zeigte er sich skeptisch.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.