Streik bei U-Bahn und Bus So bewegt sich Berlin

Zu Fuß, mit dem Rad oder per Anhalter: Viele Berliner lassen am sechsten Streiktag die S-Bahn links liegen und suchen sich alternative Fortbewegungsmittel. Stefan Schultz hat die Streik-Geschädigten einen Morgen lang begleitet.


Berlin - Stau und Gehupe auf den Straßen, gähnende Leere in den U- und S-Bahnen: An Tag sechs des BVG-Streiks blieb das befürchtete Chaos in Berlin aus. Viele Züge konnten nach der gestrigen Einigung zwischen Bahn und Lokführern noch rechtzeitig von Not- auf Normalbetrieb umgetaktet werden. Doch ohnehin war es in den öffentlichen Verkehrsmitteln ziemlich leer. "Am S-Bahnhof Friedrichstraße war lange nicht so wenig Betrieb", sagt ein Polizist, der extra für den befürchteten Ausnahmezustand herbeordert wurde. "Wir vermuten, dass viele das schöne Frühlingswetter nutzen und zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind."

Frauke Mahrt-Thomsen, 65, ist so ein sportiver Mensch, hat für die Streik-Zeit den Drahtesel gesattelt. Seit letzten Mittwoch tritt die Bibliothekarin tapfer in die Pedale. Für die Fast-Pensionierte ist der Ausstand doppelt ärgerlich: Drei Wochen hat sie noch zu arbeiten. "Die hätte der BVG ruhig noch warten können", findet sie.

Dass trotz des Streiks nicht jeder aufs Rad umsteigt, sieht man an der Fahrradstation Friedrichstraße. "Für März ist der Absatz ganz ordentlich", sagt der Verkäufer. "Von einem Streik-Boom ist aber nichts zu spüren." Der Mann glaubt zu wissen, woran das liegt: "Der Berliner ist von Natur aus renitent", sagt er. "Motto: Mir kann keener, aber mir könn' se alle."

Die meisten, zumindest, können Autofahren. Auf den Ringstraßen rund um die Berliner Innenstadt stockt der Verkehr gegen 7 Uhr heftig. "Im Berufsverkehr ist auf den Straßen die Hölle los", schimpft Taxifahrer Martin. "Da geht's manchmal weder vor noch zurück." Er selbst macht indes das Geschäft seines Lebens. "Ich habe gestern vier Stunden lang versucht, mir einen Kaffee zu kaufen und bin vor lauter Arbeit nicht dazu gekommen", sagt der Mann.

Wem Taxifahren zu teuer und Radfahren zu anstrengend ist, der kann immer noch per Anhalter fahren. An Ampeln und Kreuzungen reihen sich seit Ende der Woche die Großstadt-Tramper, heben die Daumen Richtung Straße und bemalte Schilder in die Höhe. "Tiergarten" steht in bunten Lettern auf einem geschrieben, "Alexanderplatz" auf einem anderen.

Marcus, 23, steht seit etwa 20 Minuten an der Torstraße. Auf seinem Schild steht "Weißensee". "So lange wie heute habe ich in den letzten Tagen nicht gewartet", sagt der Berufsschüler. "Per Anhalter kommt man zurzeit ziemlich flott voran." Halten die Autos nicht freiwillig, geht man eben in die Offensive. Freundlich lächelnd klopft Marcus gegen die Windschutzscheibe eines an der roten Ampel wartenden Corsas.

Die Tür geht auf, Marcus steigt ein, der Corsa brettert los.



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