Streik-Eklat Arbeitgeber werfen IG Metall Rechtsbruch vor

Der Streik begann bei VW, dann legten auch Stahlkocher ihre Arbeit nieder: Seit der Nachtschicht versucht die IG Metall im Osten, die 35-Stunden-Woche durchzudrücken. Die Arbeitgeber kündigten überraschend an, gegen die Urabstimmung zu klagen - eine Premiere in der deutschen Geschichte.




Streik bei VW in Mosel: Die Gewerkschaft reagiert empört auf die Drohungen der Arbeitgeber und wirft ihnen "Brunnenvergiftung" vor
AP

Streik bei VW in Mosel: Die Gewerkschaft reagiert empört auf die Drohungen der Arbeitgeber und wirft ihnen "Brunnenvergiftung" vor

Dresden - Insgesamt sollen in dieser Woche mindestens 12.000 Beschäftigte streiken, nach Planungen der IG Metall werden mindestens 15 Unternehmen betroffen sein. Begonnen hat der Streik mit der Nachtschicht in Chemnitz im VW-Motorenwerk. Mit Tagesanbruch traten auch Arbeiter in weiteren elf Betrieben der Metall-Industrie in Sachsen in den Ausstand. Daneben ist auch die ostdeutsche Stahlindustrie betroffen.

Der Präsident des Verbandes Sächsischer Metall- und Elektroindustrie (VSME), Bodo Finger, hat mit einem überraschenden Manöver auf den Start des Ausstandes reagiert und das Klima verschärft. Finger warf der IG Metall vor, sie führe einen rechtswidrigen Streik. Es gebe erhebliche Zweifel, ob das Ergebnis der Urabstimmung nach allgemeinen demokratischen Regeln zu Stande gekommen sei. Deshalb wolle der Verband gegen die Urabstimmung klagen.

Damit könnten die sächsischen Metallarbeitgeber - wenn sie Erfolg haben - sogar Geschichte schreiben. Eine solche Klage sei in der deutschen Tarifgeschichte einmalig, sagte ein Sprecher von Gesamtmetall in Köln.

Die Arbeitgeber ärgert vor allem eines: An der Urabstimmung der IG-Metall in der vergangenen Woche hat aus ihrer Sicht nur eine kleine Minderheit der insgesamt 125.000 Beschäftigten der sächsischen Metall- und Elektroindustrie teilgenommen. Aufgerufen waren 16.000 IG-Metall-Mitglieder in 85 Betrieben. 11.513 gaben ihre Stimme ab, 9.601 votierten für einen Streik, wie die IG Metall am vergangenen Freitag bekannt gab. Aus Sicht Fingers ist das Verfahren nicht überprüfbar. Alles sei intern geschehen - und im Übrigen habe es auch keine Wählerverzeichnisse gegeben.

Der Verbandspräsident sagte, man müsse untersuchen, "ob wir das Diktat einer kleinen Minderheit akzeptieren müssen". Er sprach von Missbrauch der Tarifautonomie. Geklagt werden soll vor dem Arbeitsgericht in Frankfurt am Main, dem Hauptsitz der IG Metall. Die Gewerkschaft wies die Vorwürfe als bewusste Irreführung zurück. Einer Klage sehe man gelassen entgegen, sagte eine Sprecherin.

Die IG Metall will mit dem Arbeitskampf erreichen, dass die derzeit in Ostdeutschland geltende 38-Stunden-Woche dem Westniveau von 35 Stunden angeglichen wird. Die Arbeitgeber sehen hierdurch 20.000 Arbeitsplätze gefährdet. Die IG Metall erwartet dagegen, dass durch die Arbeitszeitverkürzung 15.000 Stellen geschaffen werden können.

Die ostdeutsche Metall- und Elektroindustrie zählt etwa 310.000 Beschäftigte, davon 120.000 in Sachsen. In der ostdeutschen Stahlindustrie sind rund 7000 Menschen beschäftigt.



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