Streikdrohung Metallbranche steuert auf harte Tarifrunde zu

Die Arbeitgeber bieten 2,1 Prozent mehr Lohn und eine Einmalzahlung, IG-Metall-Chef Huber findet das "zum Kotzen": In der Metallbranche liegen die Positionen der Tarifparteien unüberbrückbar weit auseinander - nun droht eine Streikwelle. Erste Protestaktionen sind schon für den Freitag geplant.


Hamburg - Im Tarifkonflikt der Metallindustrie haben die Arbeitgeber am Abend des Donnerstags ihr erstes Angebot vorgelegt: Es sieht im Gesamtvolumen 2,9 Prozent mehr Geld vor, wie der Verhandlungsführer von Südwestmetall, Jan Stefan Roell, sagte. Er sprach von einem "Signal der Fairness und Verantwortung in einer außergewöhnlichen Situation".

Protest der Metaller: Arbeitgeber-Angebot zurückgewiesen
DPA

Protest der Metaller: Arbeitgeber-Angebot zurückgewiesen

Der baden-württembergische IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann wies die Offerte postwendend zurück. "Das Angebot ist eine Mogelpackung", sagte er in Fellbach. Er drohte mit Warnstreiks, falls bei den Gesprächen in den anderen Bezirken am Freitag keine Einigung erzielt werde.

Roell sagte, die Lohnerhöhung setze sich aus einer Einmalzahlung von 0,8 Prozent für November und Dezember zusammen. Die Gehälter sollen vom 1. Januar 2009 an dann um 2,1 Prozent erhöht werden. Die Laufzeit gab Roell mit 14 Monaten an. Der Arbeitgeberchef sagte: "Wir wollen Unternehmen und Beschäftigten in dieser Lage eine verlässliche Planungssicherheit geben." Er sprach zudem von einem "Signal der Fairness und Verantwortung in einer außergewöhnlichen Situation". Sachsens Metallarbeitgeber signalisierten die Bereitschaft, das Angebot mitzutragen.

IG Metall fordert "mindestens eine Vier vor dem Komma"

Gewerkschafter Hofmann sagte dagegen: "Das bringt uns einer Lösung des Konfliktes keinen Schritt näher." Er berücksichtige keinerlei Impulse für die Binnenkonjunktur. Die Gespräche für die 800.000 Beschäftigten im Südwesten sollen voraussichtlich am 11. November fortgesetzt werden. Die Friedenspflicht läuft in der Nacht auf Samstag ab.

IG-Metall-Chef Berthold Huber hatte zuvor die Vorlage eines diskussionsfähigen Angebots verlangt. Huber bezifferte zudem erstmals die Erwartungen der Arbeitnehmer. Es müsse mindestens eine Vier vor dem Komma stehen: "Darunter würde ich es sowieso nicht machen", sagte er der "Stuttgarter Zeitung". Das jetzige Angebot bezeichnete er in der "Bild"-Zeitung als "unanständig", weil es für die Arbeitnehmer Reallohnverlust bedeute.

Die Gewerkschaft ist mit der Forderung nach acht Prozent mehr Geld für die insgesamt 3,6 Millionen Beschäftigten der deutschen Schlüsselindustrie in die Verhandlungen gegangen. Die Arbeitgeber haben Lohnerhöhungen über drei Prozent bereits als schwierig bezeichnet.

Erste Warnstreikaktionen sind laut IG Metall bereits in der Nacht auf Samstag quer durch die Republik geplant, in der um Mitternacht die Friedenspflicht ausläuft. Ab Montag sollen die Aktionen dann bundesweit in zahlreichen Betrieben stattfinden, nach und nach sollen auch die Großen der Branche einbezogen werden; darunter voraussichtlich auch die Automobilkonzerne und ihre Zulieferer, die derzeit von den Auswirkungen der Finanzkrise getroffen werden. Huber drohte, bereits am Montag darauf, dem 10. November, könne der IG-Metall-Vorstand eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik beschließen.

"Sind wir jetzt die letzten Idioten?"

"Ohne Arbeitsniederlegungen sehe ich keine Lösung", sagte er. Es werde eine Warnstreikwelle geben, "wie sie die Republik selten erlebt hat". Er finde es "zum Kotzen, dass nicht nur die Steuerzahler, sondern auch noch die Beschäftigten über Lohnverzicht für den Casino-Kapitalismus geradestehen sollen", sagte Huber. "Nachdem Milliarden verzockt worden sind und nachdem der Staat für diese Geschichten mit 500 Milliarden Euro bürgt und direkte Finanzhilfen fließen, fragen sich unsere Leute zu Recht: Sind wir jetzt die letzten Idioten?" Außerdem sei eine gute Lohnerhöhung ein großes Nachfrageförderungsprogramm, sagte der Gewerkschaftschef.

Der Arbeitgebermetall Gesamtmetall warnte dagegen vor dem Verlust tausender Jobs, sollte die IG Metall bis zum Ende der Tarifverhandlungen an ihrer Acht-Prozent-Forderung festhalten. Die Bankenkrise verstärke derzeit einen Abschwung, "den unsere Betriebe in dieser Geschwindigkeit seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben", warte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser zuletzt.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sprach sich trotz Finanzkrise für Lohnerhöhungen aus. Die Schere zwischen Einkommens- und Vermögensentwicklung sei in den vergangenen Jahren immer weiter auseinandergegangen. "Ich halte Lohnerhöhungen auch in der derzeitigen Entwicklung nicht nur für vertretbar, sondern auch für richtig", sagte er.

kaz/AP/dpa/Reuters



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