Streikfolgen Abfallalarm auf der Reeperbahn

Seit im Öffentlichen Dienst der Arbeitskampf tobt, bleibt der Müll in Hamburg liegen. Besonders dramatisch ist die Situation auf der Reeperbahn, die Amüsiermeile versinkt im Abfall. Die dortige Gastronomie schlägt nun angesichts der hygienischen Verhältnisse Alarm.

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Hamburg - Ein Augenschmaus ist die Hamburger Reeperbahn derzeit sowieso nicht. Die Amüsiermeile wird renoviert und ist eine einzige große Baustelle. Erschwerend kommt jetzt jedoch der allgegenwärtige Müll hinzu. Der Ausstand der Stadtreinigung in der Hansestadt hat den Kiez in eine Abfallhalde verwandelt.

Müllplage auf der Reeperbahn: "Das ist richtig heftig"
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Müllplage auf der Reeperbahn: "Das ist richtig heftig"

Seit dem 14. Februar beteiligt sich der Entsorgungsbetrieb in Hamburg am Streik der Gewerkschaft Ver.di gegen die Arbeitszeitverlängerung im Öffentlichen Dienst. Nun bleiben Abfallsäcke liegen, werden Mülleimer nicht geleert und die Straßen nicht gefegt. Die Folgen des Arbeitskampfes sind in der Hansestadt an kaum einem Ort so gut zu besichtigen wie auf St. Pauli.

Am Montagabend stapeln sich auf den Gehwegen rosa Müllsäcke. An der Reeperbahn und in den Seitenstraßen gibt es zahlreiche Kneipen, Bars und Restaurants. Die Gastronomie erzeugt viel Abfall, der sich jetzt vor Sexshops und Striplokalen anhäuft. Einige Beutel sind aufgeplatzt, der Inhalt verteilt sich um die Minideponien. Es stinkt trotz niedriger Temperaturen. Im Sommer wäre längst Katastrophenalarm ausgerufen worden.

Wut auf Ver.di

Nicht viel besser sieht es in den Seitengassen aus. In der Davidstraße preisen die Damen vom horizontalen Gewerbe ihre Dienste in Mitten der Müllkatastrophe an. Papier weht über das Kopfsteinpflaster. Deutlich zu sehen sind die Spuren des vergangenen Partywochenendes, die noch kein Straßenkehrer beseitigt hat. Im Bordstein sammeln sich Pappbecher. Unter den Sohlen knirscht das Glas zerbrochener Flaschen und Gläser.

Die Kiez-Anrainer sind angesichts des Szenarios verstört. "Das ist richtig heftig. Wir versinken hier im Müll", sagt Jörg Vogel, Barkeeper im Sommersalon, einem Club direkt an der Reeperbahn. Dass die Stadt keinen Notfallplan hat, macht den 28-Jährigen ratlos: "Ich komme aus München, dort kennen wir so etwas nicht." Verständnis für die Streikenden hat Vogel dennoch. "Die müssen doch immer mehr arbeiten für immer weniger Geld", sagt der Gastronom.

Gegenüber, auf der anderen Seite der Reeperbahn, gibt man sich weniger versöhnlich. "Dass man so etwas durchgehen lässt, ist unmöglich", klagt die Mitarbeiterin eines Striplokals. Mitglieder der Gewerkschaft Ver.di, können bei ihr nicht auf Nettigkeiten hoffen. "Die haben keine Existenzberechtigung mehr", schimpft sie und fügt hinzu: "Die Reeperbahn ist doch das Aushängeschild der Stadt."

Angst vor Rattenplage

Ähnlich sieht es Ahmad Shuk Azani, der weiter unten an der der Straße ein Restaurant betreibt. "Der Müllstreik ist eine Katastrophe. Das schreckt die Touristen ab", klagt der Bistrobesitzer, während er eine Portion Lammfleisch mit Pommes bei seinem Koch in Auftrag gibt. Den Weg vor seinem Geschäft kehre er mittlerweile selbst, erzählt Azani. Seinen Müll stapelt er, soweit es geht, im Hinterhof. Dennoch macht sich der Chef keine Illusionen über die Folgen: "Das ist schlecht fürs Geschäft."

Was die Wirte am Kiez mittlerweile vor allem umtreibt, ist die Angst vor einer Rattenplage. Zwar hat weder Barkeeper Vogel noch Restaurantbesitzer Azani bislang einen Nager gesehen. Dennoch fürchten beide, dass die Tiere irgendwann auf der Reeperbahn spazieren gehen. "Die Ratten freuen sich doch", klagt Vogel.

Ein schnelles Ende des Streiks zeichnet sich indes nicht ab. Gestern scheiterte eine erste Verhandlungsrunde zwischen den Streitparteien. Ver.di und die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) wollen Mitte März die Spitzengespräche fortsetzen. Für den Kiez gibt es dennoch Hoffnung. Nachdem sich die Streikleitung zuvor auf der Reeperbahn persönlich ein Bild gemacht hatte, lenkten die Gewerkschafter ein. Gestern gab Ver.di bekannt, dass in den kommenden Tagen "die gröbsten Verunreinigungen und Müllberge" auf beseitigt werden.



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