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01. August 2008, 20:23 Uhr

Streit nach dem Streik

Mechaniker drohen Ver.di mit Abspaltung

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Der Lufthansa-Streik ist beendet - doch bei Ver.di brodelt es. Teile der Belegschaft reagieren mit Wut, Enttäuschung und Austrittplänen auf den Kompromiss. Vor allem die Flugzeugmechaniker denken über Alleingänge bei künftigen Arbeitskämpfen nach.

München/Frankfurt am Main – Auf den ersten Blick wirkt der Streikposten vor dem Tor der Münchener Flugzeugwerft verschlafen. Keine Musik, die aus den Boxen donnert. Ein Ver.di-Transparent "Wir streiken" hängt schlaff im Wind und zwei Dutzend Gewerkschafter sitzen auf Bierbänken unter roten Sonnenschirmen.

Streikende Lufthansa-Mitarbeiter (am Dienstag auf dem Flughafen von Frankfurt am Main):
DPA

Streikende Lufthansa-Mitarbeiter (am Dienstag auf dem Flughafen von Frankfurt am Main):

Doch der Schein trügt: Die Wut ist den Technikern sichtlich anzumerken. Lautstark diskutieren die Streikenden über die Einigung zwischen der Ver.di-Tarifkommission und dem Lufthansa-Management. Der Groll der Gewerkschafter richtet sich längst nicht mehr nur gegen Streikbrecher und die Lufthansa, sondern vor allem gegen die eigene Führung.

"Der Abschluss ist eine Frechheit", platzt es aus Barbara Grilz heraus. Einen Großteil der vergangenen zwei Jahrzehnte sei sie Gewerkschaftsmitglied gewesen. "Doch jetzt trete ich definitiv endgültig aus", sagt die 43-jährige Lufthansa-Technikerin und poltert über die Ver.di-Tarifkommission: "Menschen, die sich kaufen lassen, gibt es überall. Doch wir brauchen die hier nicht." Ver.di habe sich "über den Tisch ziehen lassen", sagt auch ein Mann neben ihr. Für das geringe Plus – laut Ver.di 4,18 Prozent pro Jahr mehr – hätte man nicht streiken müssen. "Das ist nicht einmal ein Prozent mehr als das Angebot von Ver.di", zürnt Grilz.

Am Morgen hatten sich Ver.di und die Lufthansa nach tagelangem Ausstand auf einen Kompromiss geeinigt. Die rund 34.000 Bodenmitarbeiter des Konzerns erhalten nun rückwirkend ab Juli ein Gehaltsplus von insgesamt 7,4 Prozent in zwei Stufen zuzüglich einer Einmalzahlung. Der Vertrag läuft 21 Monate bis Ende Februar 2010. Ein gleicher Abschluss wird für das Kabinenpersonal angestrebt. Den mittlerweile seit mehr als vier Tagen laufenden Arbeitskampf will Verdi spätestens ab Samstag beilegen.

Ver.di hatte ihrer Forderung von knapp zehn Prozent mit einem tagelangen Streik Nachdruck verliehen. Betroffen waren vor allem der Technikbetrieb, der Frachtverkehr und die Cateringtochter LSG. Bei Deutschlands größter Fluggesellschaft fielen hunderte Flüge aus. Zudem musste das Unternehmen Buchungsrückgänge hinnehmen, da zahlreiche Geschäftsreisende mit dem Kauf eines Flugtickets zögerten. Insgesamt habe der Ausstand Lufthansa einen "deutlichen zweistelligen Millionenbetrag" gekostet, sagte Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer.

Zudem kommen ab dem zweiten Jahr nun Mehrkosten von rund 100 Millionen Euro auf die Fluggesellschaft zu. Lauer sprach von einem Abschluss, der das Unternehmen zwar finanziell belaste, aber vertretbar sei. Auch Ver.di verbuchte die Vereinbarung als Erfolg. "Wir konnten ein Ergebnis erreichen, dass sich sehen lassen kann", verteidigte Ver.di-Verhandlungsführer Erhard Ott das Ergebnis. Nun müssten noch die Beschäftigten in einer Urabstimmung ab kommendem Mittwoch über den Vertrag abstimmen.

Ob die enttäuschten Münchener den Abschluss dann absegnen, erscheint indes fraglich. So wie Mechanikerin Grilz grollen viele der Arbeiter, die an diesem Nachmittag wohl zum letzten Mal am Streikposten vor der Flugzeugwerft ausharren. "Das Ergebnis war keinen Streik wert. Denn wegen der hohen Inflation bleibt da nicht viel übrig", ist auch Roy Ronti überzeugt. Der Mann mit Hard Rock Cafe-T-Shirt und langen Haaren ist seit mehr als zwei Jahrzehnten bei Ver.di.

Während er noch überlegt, "ob er austreten will", steht für Ralf Glöß sein Entschluss, die Gewerkschaft zu verlassen, bereits fest. "So einen guten Abschluss", habe er noch nie gesehen, ruft er zum Gelächter der Umherstehenden in die Runde. Glöß schimpft: "Die Ver.di-Führung hat sich einlullen lassen." Keiner der Versammelten ist zufrieden mit dem Verhandlungsergebnis.

Besonders auf Ver.di-Chef Frank Bsirske, der während die Mechaniker vor dem Werkstor schwitzten, angeblich auf Lufthansa-Kosten First Class in die Südsee flog, sind viele der Streikenden nicht gut zu sprechen. "Moralisch gesehen ist das eine Frechheit", sagt der 28-jährige Timo Demeter. Josef Held, 42, der nach eigenen Angaben, "leider seit 20 Jahren bei Ver.di war", tun die vielen Nichtmitglieder, die in großer Zahl mitgestreikt haben, Leid. Sie erhalten kein Ausfallgeld von der Gewerkschaft.

Bei keiner Mitarbeitergruppe der Lufthansa war die Streikresonanz so hoch wie bei den Technikern – in München beteiligten sich laut Ver.di fast 100 Prozent dieser Gruppe am Arbeitskampf. Dittmar Dengl ist einer davon. "500 Euro hat mich der Streik gekostet. Das hole ich erst nach Jahren wieder rein", sagt der 29-Jährige, der bei keiner Gewerkschaft ist. "Und alles nur, weil ich aus Solidarität zu den anderen mitgestreikt habe."

Auch wenn nicht jeder seine Austritts-Ankündigung in der ersten Wut wahr machen dürfte, könnte bei den Technikern – einer der letzten Gewerkschafts-Domänen beim Flugbetrieb – die Ver.di-Phalanx bald bröckeln. Noch sieht man nur vereinzelt Sweatshirts mit dem Schriftzug "A.R.T.E" einer Splittergewerkschaft namens "Aircaft Releases by technichals engineers". "Doch wir wachsen stark an", sagt Rainer Metzger von A.R.T.E. Für die Zukunft will der Berufsverband laut Metzger "Abschlüsse, so hoch wie bei den Piloten oder Lokführer erzielen".

Bei Ver.di weiß man um den Unmut an der Basis. Die örtlichen Funktionäre stellen sich bei einer Versammlung am Nachmittag direkt neben dem Streikposten den kritischen Fragen der Mitarbeiter. Das Zelt ist wegen der Rekordtemperaturen an den Außenseiten offen. Die Stimmung ist dennoch aufgeheizt. "Wir wollen, dass ihr uns eure Meinung sagt", ruft der Münchner Ver.di-Chef Heinrich Birner den Versammelten zu. Doch zunächst hallt lautes Gelächter durch das Zelt, als Birner die Ergebnisse der Verhandlungen vorliest.

"Ihr habt das Recht mit Nein zustimmen", sagt der Ver.di-Mann mit Blick auf die Urabstimmung. Doch warnt er vor den "politischen Folgen". Zudem werde sich wohl die nötige 25-Prozent-Mehrheit aller Mitglieder für eine Beendigung des Streiks aussprechen. Denn andere Teile des Lufthansa-Personals, etwa am Check-in, seien mit dem Ergebnis "sehr zufrieden".

Birner berichtet von den anderen Flughäfen. "In Stuttgart, Hamburg und Frankfurt sind die Techniker ebenfalls stinksauer", sagt er. Pläne, in Zukunft die Technik bei den Tarifverhandlungen getrennt von den anderen Lufthansa-Bereichen zu führen werden deshalb diskutiert. "Die Technik hat gezeigt, dass sie streikfähig ist. Wir sollten deshalb in Zukunft getrennt von den anderen Bereichen verhandeln", sagt ein Funktionär. Die Menge applaudiert. "Das ist eine gute Idee. Bleibt abzuwarten, was dabei rauskommt", sagt ein Gewerkschaftsmitglied.

Mit Material von Reuters

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