Streit um Schrempp-Rücktritt Finanzaufsicht greift Daimler an - Anleger frohlocken

Drei Wochen lang soll DaimlerChrysler im Jahr 2005 geheim gehalten haben, dass Konzern-Chef Schrempp zurücktreten wird - zum Schaden von Aktionären. Seit die Finanzaufsicht BaFin die Vorwürfe erhoben hat, frohlocken Anleger - sie hoffen auf Schadenersatz.
Von Tim Höfinghoff

Hamburg - Als DaimlerChrysler  -Chef Jürgen Schrempp seinen Abgang am 28. Juli 2005 verkünden ließ, schnellte der Aktienkurs des Unternehmens um mehr als zehn Prozent nach oben. Nicht schlecht, dieser Gewinnzuwachs für Aktionäre, die ihre DaimlerChrysler-Papiere nicht abgestoßen hatten.

Andere Anleger, die längst verkauft hatten, zogen hingegen verärgert vor Gericht: Sie wollen Schadenersatz von DaimlerChrysler wegen entgangener Kursgewinne. Ihnen sei ein Schaden von sieben Millionen Euro entstanden. Der Vorwurf: Der Konzern habe die Rücktrittsankündigung lange geheim gehalten und die Anleger nicht rechtzeitig informiert.

Unterstützung gibt es für die Kläger durch die Finanzaufsicht BaFin. In einem nun bekannt gewordenen Brief vom 13.09.2005 an die Staatsanwaltschaft Stuttgart, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, teilte die Aufsichtsbehörde mit: "Spätestens seit dem 10.07.2005 lag eine Insiderinformation vor." Die Entscheidung, dass Schrempp zum Ende des Jahres 2005 sein Vertragsverhältnis beende, sei "hinreichend wahrscheinlich" gewesen. Schon 18 Tage vor der Rücktrittsmeldung hätten Mitarbeiter "die Entscheidung administrativ umgesetzt" - sie hätten an Texten für die Presse gefeilt und Briefe an die Mitarbeiter vorbereitet.

"Das BaFin-Schreiben stützt unsere Auffassung, dass die Insiderinformation nicht erst am 28. Juli vorgelegen hat, sondern schon viel früher", sagt der Anwalt Klaus Rotter, der 100 Kläger vertritt, zu SPIEGEL ONLINE. Wenn das Gericht der Auffassung der BaFin folge, "wird es für DaimlerChrysler sehr eng werden".

Autobauer droht Bußgeld in Millionenhöhe

Der Autobauer vertritt hingegen die Meinung, dass die endgültige Entscheidung über den Abgang von Schrempp erst auf der Aufsichtsratssitzung am 28. Juli gefallen sei. "Wir sind der Überzeugung, dass wir unserer Informationspflicht voll genügt haben", sagte eine DaimlerChrysler-Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE. Von möglichen Schadenersatzzahlungen will der Konzern nichts wissen. Am 15. Februar wird das Oberlandesgericht Stuttgart in einem Musterverfahren entscheiden.

DaimlerChrysler hat nicht nur Ärger wegen der Aktionäre. Bleibt die BaFin bei ihrer Meinung, die sie per Brief bereits im September 2005 an die Staatsanwaltschaft mitteilte, droht dem Autokonzern ein Bußgeld in Höhe von einer Million Euro - wegen Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz. Erst kürzlich hatte BaFin-Chef Jochen Sanio kritisiert, dass die Staatsanwaltschaft eine "nachlässige Haltung" bei der Verfolgung illegaler Insidergeschäfte an den Tag lege. Solche Äußerungen der BaFin in der Öffentlichkeit sind eher unüblich.

Der Brief der BaFin "ist für DaimlerChrysler eine schlechte Nachricht", urteilt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Anleger müssen informiert werden" und es sei entscheidend, wann man als Anleger erfährt, wann der Vorstandschef zurücktritt. Ob DaimlerChrysler wirklich seine Informationspflichten verletzt habe - darüber will der Anlegerschützer nicht mutmaßen. Doch eines sei sicher: "Die Möglichkeiten der Anleger steigen, Schadenersatzforderungen durchzusetzen."

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