Streitfall HRE Flowers fordert Regierung Merkel heraus

Er wurde als visionärer Bank-Sanierer gefeiert, bei der HRE aber hat er sich grandios verzockt - und pokert trotzdem weiter: US-Milliardär Flowers will das Übernahmeangebot der Bundesregierung nicht annehmen. Damit riskiert er einen langen Rechtsstreit und den Totalverlust.

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Berlin - Rund 400 Stunden bleiben ihm noch, dann droht Christopher Flowers der Totalverlust: Am 4. Mai, 24 Uhr, läuft das Angebot der Bundesregierung für die Aktionäre der Hypo Real Estate aus, bei Weigerung folgt die Enteignung. Rund 400 Stunden für Flowers, um eine andere Lösung zu finden.

Christopher Flowers: "Noch lange Zeit, alle Optionen zu prüfen"
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Christopher Flowers: "Noch lange Zeit, alle Optionen zu prüfen"

Denn am Freitag hatte die Finanzmarktaufsicht BaFin dem staatlichen Angebot zugestimmt, den Anteilseignern 1,39 Euro pro Aktie zu zahlen. Doch Flowers will nicht verkaufen, der US-Investor bewegt sich keinen Millimeter. Es scheint, als wolle er seinen Standpunkt bis zum Äußersten verteidigen. Ein Sprecher des Investors sagte SPIEGEL ONLINE, sein Mandant halte an der "Präferenz fest, Aktionär zu bleiben". Mit der Frist bis zum 4. Mai bleibe "noch lange Zeit, alle Optionen zu prüfen". Eine davon bleibe die Klage gegen die Enteignung, bekräftigte der Sprecher.

Der Ruf des US-Investors hat in Deutschland arg gelitten. Für seine Haltung erntet er inzwischen vielfach Spott und Unverständnis. Das war im Juni 2008 noch ganz anders: Als Flowers damals bei der HRE einstieg, wurde er von der Wirtschaftspresse als Held gefeiert, als innovativer Kopf und Grübler. Gelobt wurden sein leises Auftreten, die unscheinbare Brille, das Mathematik-Studium.

Das ist längst passé: Mittlerweile wird Flowers zumeist als Sturkopf beschrieben, als entscheidendes Hindernis für die Rettung der systemrelevanten Bank - und als gieriger Zocker, weil er von Steuermilliarden profitieren wolle.

Für den Sohn eines Marineoffiziers endet damit eine beeindruckende Erfolgsserie. Nach dem Harvard-Abschluss stieg er bereits mit 21 Jahren bei der Investmentbank Goldman Sachs ein und leitete dort ab 1986 die Beratung für Übernahmen in der Finanzindustrie.

Zwölf Jahre später gründete er seine eigene Firma und war besonders erfolgreich bei der Rettung einer japanischen Bank. 2000 stieg er bei Long Term Credit ein und sanierte das Geldhaus so radikal, dass in japanischen Medien von einem "Blutbad" gesprochen wurde. Doch Flowers hatte Erfolg: Er brachte die hochverschuldete Bank an die Börse und verzehnfachte laut Experten seinen Einsatz.

Privates Vermögen fast halbiert

Jetzt ist jedoch das Gegenteil der Fall: Denn egal, wie der Streit mit der Bundesregierung nun ausgeht - Flowers droht ein enormer Verlust. Vor zehn Monaten zahlte er noch 22,50 Euro pro HRE-Aktie. Für den Anteil von damals 24 Prozent investierten J.C. Flowers und seine Partner rund 1,1 Milliarden Euro. Nach dem aktuellen Angebot blieben davon gerade mal noch rund 70 Millionen Euro.

Privat hat er bereits einen beträchtlichen Teil seines Geldes verloren. Auf der "Forbes"-Liste der reichsten Menschen der Welt stürzte er auf Platz 799 ab, verlor fast eine Milliarde Dollar. Allerdings umfasst sein Vermögen immer noch rund 1,2 Milliarden.

Das Problem des 51-Jährigen in der Finanzkrise war die Ausrichtung seiner Investitionen: Flowers legt sein Geld ausschließlich in Banken an. Nur dort kenne er sich aus, betont er. Und in der Regel setzte er auf langfristige Beteiligungen.

Selbst Gegner von Flowers räumen ein, dass der Amerikaner relativ unverschuldet so hart von der Krise getroffen wurde. Sein Investment-Verhalten sei eher konservativ gewesen. Nun habe er einfach großes Pech gehabt.

Tatsächlich distanzierte sich Flowers in der Vergangenheit gerne von Investoren, die landläufig als Heuschrecken verschrien sind - nach einer Charakterisierung des SPD-Chefs Franz Müntefering. Er investiere langfristig, sagt Flowers, und belaste seine Firmen nicht mit hohen Schulden. Diese Aussage ist allerdings skeptisch zu beachten, da Banken sich ohnehin zum Großteil über Schulden finanzieren.

Keinen Erfolg hatte Flowers mit seinen Versuchen, die Bundesregierung zu einer Partnerschaft zu überreden: Vorschläge, wie die Investoren an Bord bleiben könnten und der Staat dennoch Rechtssicherheit habe, seien "nie ernsthaft diskutiert worden", beklagt ein Sprecher. So habe die Investorengruppe eine "schriftliche Stimmrechtsvereinbarung" vorgeschlagen, doch habe im Finanzministerium kein Interesse an einem Kompromiss bestanden.

Flowers gilt als passionierter Schachspieler. Kein Wunder also, dass er die Partie gegen den deutschen Staat nach wie vor nicht verloren gibt.



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