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04. Januar 2010, 11:40 Uhr

Stromproduktion im Garten

Mein Haus, mein Auto, mein Windrad

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Windkraftwerke müssen keine Monster sein - mit Mini-Modellen für den Hinterhof kann jetzt jeder selbst Energie erzeugen und Geld verdienen. Erste Stromriesen investieren in den Markt: Sie rüsten sich für einen Boom der Kleinkraftwerke.

München - Wolfgang Zwick ist ein Energiekonsument der Zukunft. Er saugt nicht nur Elektrizität aus der Leitung, er produziert auch welche selbst - und speist sie in die Netze ein. Marketing-Profis nennen Menschen wie Wolfgang Zwick "Prosumenten": Produzenten-Konsumenten.

Der 51-Jährige aus dem ostfriesischen Hesel hat sich eine Windmühle hinters Haus gestellt. Zehn Meter ist sie hoch, unter idealen Bedingungen schafft sie eine Leistung von einem Kilowatt. Dazu kommen zwei kleine Anlagen mit 600 und 150 Watt, die Zwick im Testlauf betreibt. Insgesamt produziert er jährlich mindestens 500 Kilowattstunden Strom.

Und Zwick ist nicht der einzige Prosument in Deutschland: 4000 Windanlagen zwischen einem halben und fünf Kilowatt Leistung drehen sich quer durch in Republik in Gärten und Feldern. Andere Hausbesitzer montieren sich Solarzellen aufs Dach oder lassen sich von Unternehmen wie Lichtblick gasbetriebene Blockheizkraftwerke in den Keller einbauen.

Die Energieproduktion dezentralisiert sich zusehends. Immer mehr Verbraucher erzeugen selbst Energie und verdienen Geld daran - und die Windenergiebranche hofft auf einen Wachstumsmarkt. Bestenfalls könnten Verbraucher im kommenden Jahrzehnt bis zu 700.000 neue Mini-Windanlagen aufstellen, sagt Thomas Endelmann, Sprecher des Bundesverbands Kleinwindanlagen.

Technisch steht dem Mini-Windrad-Boom nichts im Weg. Die Anlagen sind einfach zu installieren, wartungsarm und vergleichsweise leise. Auch die Auswahl ist groß: vom Bastel-Bausatz mit wenigen Dutzend Watt Leistung bis zur 20-Kilowatt-Anlage mit einer Nabenhöhe von 25 Metern gibt es technisch ausgereifte Lösungen zu kaufen.

RWE Innogy spekuliert auf steigende Nachfrage

Die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind indes weniger gut. Zurzeit erhalten private Windmüller neun Cent pro Kilowattstunde, die sie in die Netze einspeisen - so viel bekommen auch die Betreiber kommerzieller Windparks. Solarstrom wird dagegen mit bis zu 43 Cent pro Kilowattstunde vergütet. Die Windbranche hält das für ungerecht, schließlich kosten kleine Windsysteme ungefähr so viel wie kleine Photovoltaik-Anlagen: rund 3000 Euro pro Kilowatt.

"Momentan ist der Betrieb einer Kleinwindanlage nicht wirtschaftlich", sagt Endelmann. Die Systeme sollten seiner Ansicht nach mit der nächsten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gesondert gefördert werden, durch einen Investitionszuschuss oder eine erhöhte Einspeisevergütung.

Klein ist bisher auch der Absatzmarkt. Finanziell lohnten sich Mini-Anlagen im Moment nur für Häuser, die weit weg von Stromnetzen stünden, sagt Windmüller Wolfgang Zwick.

Der Energieerzeuger RWE Innogy spekuliert allerdings darauf, dass die Nachfrage rasch steigt. Die Erneuerbare-Energien-Sparte des Konzerns hat sich im Sommer 2008 am britischen Kleinwindanlagen-Hersteller Quiet Revolution beteiligt. Er hat eine fünf Meter hohe Sechs-Kilowatt-Anlage entwickelt, die für die dezentrale Versorgung von Neubaugebieten eingesetzt werden soll - überall dort, wo sich Photovoltaik-Anlagen wegen geringer Sonneneinstrahlung nicht lohnen.

Bürokratische Hemmnisse werden abgebaut

Damit der Absatz der Mini-Windräder steigt, muss sich allerdings auch politisch noch eine Menge tun. Die Auflagen für kleine Windturbinen sind derzeit in weiten Teilen Deutschlands noch ähnlich streng wie für große Anlagen mit einer Nabenhöhe von hundert Metern.

Menschen wie Wolfgang Zwick, die sich ein Windrad in den Garten bauen, müssen unter anderem die Anlagen- und Fundamentstatik prüfen und sich Schatten-, Schall-, Vogel- und mitunter sogar Fledermaus- und Hamstergutachten ausstellen lassen. "So viel Bürokratie schreckt viele Interessenten ab", sagt Michael Heyde, Chef von Heyde Windtechnik.

Hinzu kommen regionale Unterschiede bei den Vorschriften. "Es fehlt an bundesweit einheitlichen Vorgaben, die auf die besonderen Bedingungen beim Betrieb kleiner Windräder zugeschnitten sind", sagt Verbandssprecher Endelmann.

Die Regionalisierung hat allerdings auch Vorteile. Bundesländer, die die Mini-Windräder fördern wollen, können schnell reagieren. So ist es in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und dem Saarland mittlerweile erlaubt, Windräder mit einer Höhe bis zu zehn Metern ohne Genehmigung zu errichten - sofern die Anlage innerhalb der überbaubaren Grundstücksfläche installiert wird und die Nachbarn nicht stört. Auch Schleswig-Holstein arbeitet zurzeit an einem Erlass, der das Aufstellen der kleinen Windräder deutlich vereinfachen soll.

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