Stromrevolution Energieriesen errichten ersten deutschen Meereswindpark

Jedes Windrad wiegt 1000 Tonnen: Ab August wird der erste Offshore-Windpark in deutschen Gewässern gebaut. Ausgerechnet die großen Energiekonzerne finanzieren die Öko-Investition - sie wittern Milliardengeschäfte. Experten erwarten nun einen regelrechten Run auf Nord- und Ostsee.

Hamburg - Der amtliche Segen kommt von ganz oben. "Windenergie ist eine sehr wichtige Perspektive", sagt Bundespräsident Horst Köhler. Der Ökostrom sei "Energie in Versöhnung mit der Natur".

Die Branche hat die aufmunternden Worte des Staatsoberhaupts nötig. Seit zehn Jahren planen Bundesregierung und Unternehmen riesige Windparks auf dem Meer. Und trotzdem dreht sich in deutschen Gewässern kein einziges Offshore-Rad. Die Gründe: technische Schwierigkeiten, fehlendes Geld, Probleme mit dem Kabelanschluss.

In diesem Sommer könnte nun endlich der Durchbruch gelingen. In der Nordsee, 45 Kilometer nördlich von Borkum, entsteht der erste Offshore-Windpark Deutschlands. Der Name: Alpha Ventus. "Baubeginn ist im August", sagt Alpha-Sprecher Lutz Wiese SPIEGEL ONLINE. Jedes einzelne Windrad wird 1000 Tonnen wiegen - und fast so hoch in den Himmel ragen wie der Kölner Dom (siehe Grafik).

Hinter dem Projekt stehen ausgerechnet die Energiekonzerne E.on  , Vattenfall   und EWE. An Land zeigten die Unternehmen bisher kaum Interesse an Ökostrom - sie betreiben vor allem Kohle- und Kernkraftwerke. Auf dem Meer sieht das jedoch anders aus. Hier hoffen die Spitzenmanager auf ein Milliardengeschäft.

Offiziell dient Alpha Ventus nur der Forschung, an einen kommerziellen Betrieb ist zunächst nicht gedacht. Besonders groß ist das Projekt ebenfalls nicht: Gerade einmal zwölf Windräder werden aufgestellt mit einer Leistung von zusammen 60 Megawatt - das reicht bei einer guten Brise für 60.000 Haushalte.

Trotzdem könnte Alpha Ventus die deutsche Stromversorgung revolutionieren. Denn nach dem Startschuss in diesem Sommer erwarten Experten einen regelrechten Run auf Nord- und Ostsee.

Bis zum Jahr 2020, prognostiziert die Bundesregierung, werden Offshore-Windräder mit einer Leistung von 10.000 Megawatt ans Netz gehen - so viel wie zehn Kernkraftwerke. Dank Meereswind soll der Öko-Anteil am deutschen Strommix von 12 Prozent auf 20 Prozent hochschnellen. Kein anderer Energieträger hat ein solches Wachstumspotential.

Das Beste daran: Windstrom ist absolut klimaschonend - und er macht Deutschland unabhängiger von Energieimporten.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie hat in Nord- und Ostsee schon mehr als 20 Flächen zur Bebauung freigegeben. Die meisten Projekte stecken noch in der Planungsphase, doch einige Vorhaben werden immer konkreter:

  • Das Unternehmen Bard Engineering entwickelt den ersten kommerziellen Offshore-Windpark Deutschlands - rund 100 Kilometer vor Borkum. Darüber hinaus hat Bard sieben weitere Parks in der Nordsee beantragt.
  • Der US-Finanzinvestor Blackstone steigt im großen Stil in das deutsche Windgeschäft ein. Kürzlich gab das Unternehmen eine Beteiligung am Projekt Meerwind bekannt. Investitionssumme: mehr als eine Milliarde Euro. Der Windpark soll nordwestlich von Helgoland entstehen und in einigen Jahren 500.000 Haushalte mit Strom versorgen.
  • In der Ostsee sind die Pläne für den Park Baltic I am weitesten fortgeschritten. Vor der Küste von Fischland-Darß-Zingst sollen 21 Windräder aufgestellt werden.
  • Alle großen Energiekonzerne haben Interesse am Offshore-Markt bekundet. Allein EnBW   will in den kommenden fünf Jahren 260 Windräder errichten, später sind weitere 500 Anlagen geplant. Ähnlich äußerten sich E.on, RWE   und Vattenfall. Die geplanten Investitionen summieren sich auf mehrere Milliarden Euro.

Der Grund für den Boom ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Besser gesagt: Seine Änderung durch den Bundestag vor wenigen Wochen. Das EEG schreibt feste Vergütungssätze für Ökostrom vor. Bisher sollte es für Windräder auf dem Meer nur neun Cent pro Kilowattstunde geben. Nach der Neuregelung bekommen die Betreiber jetzt 15 Cent. "Das zeigt Wirkung", sagt Ulf Gerder vom Bundesverband Windenergie.

Das Vorzeigeprojekt Alpha Ventus soll schon ab Oktober den ersten Strom liefern. Die zwölf Windräder stammen von den Herstellern Repower und Multibrid. In einer gitterartigen Formation werden die Anlagen aufgestellt - mit einem Abstand von jeweils 800 Metern. Dadurch nimmt der Windpark eine Fläche von vier Quadratkilometern ein, so viel wie 550 Fußballfelder.

Der Vorteil im Vergleich zu Windrädern an Land: Die Offshore-Anlagen sind von der Küste aus nicht zu sehen - Bürgerproteste sind daher nicht zu befürchten. Außerdem bläst der Wind auf dem Meer stärker und stetiger, was die Stromausbeute erhöht.

Allerdings stehen die Betreiber auch extremen Herausforderungen gegenüber: Am Standort von Alpha Ventus ist die Nordsee 30 bis 40 Meter tief, die Windräder müssen mit Stahlpfählen im Meeresgrund verankert werden. PR-Mann Wiese spricht von einer "Weltpremiere" - denn die existierenden Meeres-Windparks vor Schottland oder Dänemark stehen allesamt in seichten Gewässern.

Entsprechend hoch sind die Baukosten für Alpha Ventus: 180 Millionen Euro - rund dreimal so viel wie für vergleichbare Anlagen an Land. Die Bundesregierung schießt 50 Millionen Euro für die Forschung zu. Den Netzanschluss für 40 Millionen Euro übernimmt E.on.

Salz greift die Windräder an

Derartige Summen können nur große Kapitalgesellschaften aufbringen - vor allem wenn man an künftige Riesenwindparks denkt: Um die Ziele der Bundesregierung zu erreichen, müssen in den kommenden Jahren 20 bis 30 Milliarden Euro in Nord- und Ostsee verbaut werden. Kleinere Bürgerwindparks wie an Land haben da keine Chance.

Problematisch ist auch die teure Wartung. Laut Schätzungen macht sie auf dem Meer 20 bis 30 Prozent der Gesamtkosten aus. Immerhin müssen die Anlagen Böen mit 160 Kilometern pro Stunde aushalten - ebenso wie Wellen von 15 Metern Höhe. Hinzu kommt die salzhaltige Luft: Der dänische Hersteller Vestas musste bei seinen Windrädern immer wieder Korrosionsschäden feststellen.

Wie schwierig der Betrieb von Meereswindparks ist, zeigt ein Blick auf die Statistik: Weltweit sind derzeit Windräder mit einer Leistung von 100.000 Megawatt im Einsatz, doch nur ein Prozent davon entfällt auf das Offshore-Geschäft. Die übrigen Anlagen stehen an Land.

Ist das Ziel der Regierung zu ehrgeizig?

In Deutschland kommt der Umweltschutz hinzu: Im Nationalpark Wattenmeer erteilen die Behörden Baugenehmigungen nur sehr restriktiv. Unklar ist auch, ob die Netzbetreiber die Anschlusskabel rechtzeitig verlegen können. Um die gewaltigen Strommengen von der norddeutschen Küste in die Verbrauchszentren im Süden und Westen zu transportieren, braucht man neue Leitungen. Vielerorts regt sich jedoch Widerstand gegen den Bau von Strommasten.

Angesichts dieser Hindernisse halten Experten das Ziel der Bundesregierung für extrem ehrgeizig. 10.000 Megawatt im Jahr 2020 entsprächen beim heutigen Stand der Technik 2000 bis 3000 Windrädern. "Wir bauen zwölf Anlagen", sagt E.on-Chef Wulf Bernotat mit Blick auf Alpha Ventus. "Und wer soll die restlichen 2988 Windräder errichten?"

Auch Fritz Vahrenholt, früher Chef der Windfirma Repower, ist skeptisch. In den kommenden fünf Jahren werde Deutschland höchstens 4000 Megawatt schaffen - "wenn wir gut sind".

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.