Studie zum Fußball der Zukunft Werbung, Tor, Werbung, Zeitlupe, Werbung

Videobeweis, jeden Tag Bundesliga und am Saisonende ein Endspiel um die Meisterschaft - dem deutschen Fußball stehen in den kommenden Jahren drastische Veränderungen bevor. Hamburger Ökonomen haben einen Ausblick gewagt: Der Sport könnte zum Lückenfüller zwischen Werbeblöcken verkommen.

Hamburg - Ein Samstag im Jahre 2030: Der Tag des entscheidenden Play-offs um die deutsche Meisterschaft im Fußball. Das Durchschnittsalter auf den Rängen beträgt fast 50 Jahre - die Anti-Aging-Industrie hat die Sportart längst als wichtigen Werbeträger für ihre Zielgruppe entdeckt. 80.000 Zuschauer verfolgen die Partie im Stadion, Millionen andere tun es ihnen vor dem Fernseher, dem Computer oder dem Handy gleich. Zielgruppengerecht werden die Nutzerdaten ausgewertet, Werbeplätze in einer Blitzauktion im Internet meistbietend verkauft.

Ligaspiel Hoffenheim gegen Bayern: Unterbrechungen für mehr Werbung?

Ligaspiel Hoffenheim gegen Bayern: Unterbrechungen für mehr Werbung?

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Mobile Kameras am Spielfeldrand und in der Luft nehmen jedes Detail des Spielgeschehens auf und versorgen Zuschauer und Schiedsrichter mit wichtigen Informationen. Wenn eine Mannschaft mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist, kann sie einen Videobeweis fordern, was gleichzeitig für zusätzliche Spielunterbrechungen sorgt, die für Werbeeinblendungen genutzt werden können.

Für Fußballtraditionalisten dürfte diese Vorstellung ein Graus sein. Für die Experten der Berenberg Bank und des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts aber erscheint sie durchaus plausibel. In einer umfangreichen Studie haben sie detailliert die Zukunftsperspektiven der weltweit bedeutendsten Sportart analysiert und die denkbaren ökonomischen Entwicklungen in den kommenden 20 Jahren skizziert.

"Uns interessierte vor allem, wohin sich der Profifußball langfristig bewegen wird", schreiben die Autoren der Studie. "Wir haben deshalb einen Blick in das Jahr 2030 gewagt und dazu 13 Thesen entwickelt." Naturgemäß basieren solche Annahmen auf Spekulationen, schreiben die Forscher. Grundlage der Thesen seien Szenarien, die auf die vergangenen, aktuellen und absehbaren Entwicklungen in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zurückgreifen. Ihr Fazit lässt sich etwa so zusammenfassen: Im Prinzip bleiben Regelwerk und Gesetzmäßigkeiten des Spiels erhalten - doch viele Details und das Umfeld werden sich massiv verändern.

Die Neuerungen werden nach Überzeugung der Forscher in erster Linie ökonomischen Zielen dienen. Schon jetzt gilt Fußball als wichtiger Wirtschaftsfaktor und dürfte seine Bedeutung in den kommenden Jahren noch deutlich erhöhen. Bereits jetzt setzt allein die Bundesliga insgesamt 1,9 Milliarden Euro pro Jahr um - doch das Wachstumspotential schätzen die Experten sehr hoch ein. Als Beleg für ihre Einschätzung führen sie die Entwicklung in den anderen europäischen Ligen an.

Natürlich berge diese Entwicklung auch Gefahren, denn die Umsatzsteigerungen würden nicht zuletzt zu Lasten der Fußballfans gehen, die derzeit allein über Eintrittskarten 21 Prozent zu den Einnahmen beitrügen, heißt es in der Studie. Drastische Preiserhöhungen aber könnten die gewachsenen Fanstrukturen und damit eine wesentliche Geschäftsgrundlage des Fußballs zerstören.

Grundlegende Umwälzungen seien deshalb in den Bereichen zu erwarten, die das Werbeumfeld betreffen. Die entscheidenden Impulse lieferten dabei die technologischen Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnik. Leistungsfähige Datenleitungen werden den Zuschauern ganz neue Perspektiven auf das Spiel ermöglichen und damit gleichzeitig die Attraktivität des Produkts Fußball erhöhen. In der Folge dürften Einnahmen aus TV-Rechten sprunghaft steigen, schreiben die Forscher. "Pay-TV und Pay-per-View werden ebenso wie die Nutzung neuer Medien zunehmen."

Gleichzeitig stehen den Schiedsrichtern künftig Wege offen, das Spielgeschehen noch einmal über eine Videoaufzeichnung zu rekapitulieren, bevor sie eine möglicherweise spielentscheidende Sanktion aussprechen. Doch die Wissenschaftler halten auch hier den Effekt für das Werbeumfeld für eine stärkere Antriebsfeder für Veränderungen als die Gerechtigkeit auf dem Spielfeld. Denn die Minuten, in denen sich das Schiedsrichterteam zur Entscheidungsfindung vor den Bildschirm zurückzieht, könnte man trefflich für Werbeeinblendungen nutzen.

Da aber Unterbrechungen für jede Kleinigkeit das Spiel aus dem Rhythmus bringen würden, gehen die Experten davon aus, dass ein Vetorecht - jede Mannschaft könnte drei Unterbrechungen pro Spiel fordern - die wahrscheinlichste Variante wäre. So bliebe auch noch genügend Raum, um den Gegnern des Videoentscheids entgegenzukommen: Aus deren Sicht nämlich tragen nicht zuletzt die Fehlentscheidungen maßgeblich dazu bei, die Diskussionen nach dem Spiel anzuheizen und so die Erinnerung wachzuhalten.

Einfacher schon dürfte sich die Neuorganisation des Spielplans durchsetzen lassen. Künftig, so erwarten die Autoren der Studie, werde wohl jeder Wochentag zum Bundesliga-Tag werden. Denn auf diese Weise hätten die Fans nicht nur die Gelegenheit, die Spiele ihres Lieblingsvereins zu betrachten - die Zahl der Zuschauer pro Spiel ließe sich auf diese Weise deutlich steigern.

Als sicher gilt für die Experten allerdings auch, dass der Kampf um die zu erwartenden Mehreinnahmen härter wird: Die gemeinsame Vermarktung der Fußballrechte durch die Deutsche Fußball Liga (DFL) dürfte den Kampf kaum überstehen. Die Polarisierung der Liga mit einigen wenigen Vereinen, die auf Sieg abonniert sind und sich die teuersten Kader leisten können, und dem Rest werde sich kaum auf freiwilliger Basis vermeiden lassen, schreiben die Forscher. Und selbst verbindliche Regeln dürften den Effekt allenfalls abmildern.

Damit entsteht aber auch das Problem, dass der Wettbewerb sehr langweilig wird, weil der Meister schon mehrere Spiele vor Saisonende feststeht. Deshalb dürften die Befürworter einer Play-off-Runde wohl zunehmend Rückenwind bekommen. Angesichts der eng gesteckten Spielpläne sei dies allerdings nur sehr schwierig zu organisieren. Womöglich komme es aber eines Tages zu einer Endrunde mit vier Mannschaften, die in zwei Spieltagen auszuspielen wäre. Die Prognose der Forscher: "Die Deutsche Meisterschaft wird im Jahr 2030 durch ein Endspiel im Anschluss an die Bundesliga-Saison entschieden. Wirtschaftlich ist die Lösung sehr interessant, für die Zuschauer würde ein zusätzliches Spannungsmoment geschaffen. Für alle Beteiligten ein Gewinn."

Für die Fußballspieler dürften die sich abzeichnenden Änderungen wohl erheblichen Zusatzstress mit sich bringen, denn die Spielpläne für die nationalen und internationalen Wettbewerbe werden immer dichter. Finanziell profitieren dürften davon in erster Linie die Topstars und Publikumsmagneten. Die leistungsschwächeren Spieler müssen sich dagegen auf eine unsichere Zukunft gefasst machen - in der sie etwa als "Ergänzungsspieler" einem ligaweiten Pool angehören und gegebenenfalls für verletzte Stammspieler einspringen. "Für Ergänzungsspieler und ältere Profis dürfte die Luft dünner werden."

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