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BAYERN Studien am Comer See

aus DER SPIEGEL 31/1956

Eine 17köpfige bayrische Trachtenkapelle hatte am Morgen des 9. Mai dieses Jahres auf dem Bahnhof zu Herrsching am bayrischen Ammersee Aufstellung genommen. Ein Sonderzug aus der Landeshauptstadt München wurde erwartet, der hohe bayrische Prominenz in das kleine Städtchen brachte. Die Herren aus der Landeshauptstadt sollten der Taufe eines neuen Passagierschiffes für den Verkehr auf dem Ammersee das festliche Gepräge geben.

Die geladenen Prominenten, an ihrer Spitze der bayrische Wirtschaftsminister Dr. Otto Bezold, der Finanzminister Zietsch und der oberbayrische Regierungspräsident Dr. Mang, begaben sich bald nach ihrer Ankunft zum See, wo die Schiffstaufe vonstatten gehen sollte.

Minister Dr. Bezold hielt die Festrede, die Gattin des Ministers durfte mit der obligaten Sektflasche das schmucke Schiff taufen. Zur Freude des kleinen Städtchens nannte man es: »Herrsching«. Der Abt des Klosters Andechs, Professor Dr. Hugo Lang, schloß mit der Weihe des Seefahrzeugs die offizielle Zeremonie ab. Frohgelaunt ob der Tatsache, daß die Feier so würdig verlaufen war, kletterten die Prominenten auf die »Herrsching«, um die Jungfernfahrt mitzuerleben.

Als das Schiff ablegte, schwankte es jedoch so bedenklich hin und her, daß sich die am Ufer Zurückgebliebenen bald Sorge machten, ob die »Herrsching« ihre Gäste auch wohlbehalten wieder zurückbringen würde. Obgleich bei der Jungfernfahrt alles gut ging, war die Sorge der Zuschauer berechtigt: Bis zu jenem Tage hatten sich die verantwortlichen Fachleute der Deutschen Bundesbahn, der die Aufsicht über die Schiffahrt auf dem Ammersee obliegt, nicht dazu verstehen können, das von der Landesregierung in Dienst gestellte neue Schiff abzunehmen und zum Verkehr zuzulassen.

Dabei hatten die Anwohner des Voralpensees jahrelang darauf warten müssen, daß die Landesregierung ihr Versprechen einhält und endlich die vier alten Raddampfer, die seit König Ludwigs Zeiten auf dem Ammersee kreuzen, durch moderne Dieselmotorschiffe ersetzt. Im letzten Jahr endlich war es so weit: Die Deggendorfer Werft und Eisenbau GmbH in Niederbayern, die zum Gutehoffnungshütte Aktienverein gehört, bekam von der Regierung den Auftrag, für den Verkehr auf dem Ammersee ein Dieselmotorschiff zu bauen.

Zunächst machten sich der Direktor der Deggendorfer Werft und der für maritime Dinge zuständige Ministerialdirektor des bayrischen Wirtschaftsministeriums auf die Reise, um am Comer See die letzten Ergebnisse italienischer Schiffbaukunst zu studieren; denn ein modernes Schiff sollte es werden, darüber war man sich allerorten einig. Zu ihrer Begleitung nahmen die beiden Italienreisenden noch einen Münchner Architekten mit, von dem man allerdings noch nie gehört hatte, daß er sich auch dem Schiffbau verbunden fühlt.

Schon im Dezember konnten die Anwohner des Ammersees den Schiffsrumpf bewundern, als er von Polizei eskortiert auf einem Speziallastzug der Bundesbahn anrollte; drei Tage hatte er vom niederbayrischen Deggendorf zum Ammersee gebraucht. Dort wurde der Rumpf seinem Element übergeben und von einem Dampfer in den Hafen von Stegen geschleppt. Dort sollten die letzten Montagen vorgenommen werden.

Von ein paar Bäumen und Lichtmasten abgesehen, an denen der Rumpf auf der schwierigen Landfahrt hängen geblieben war, war die Geschichte des 25 Meter langen Motorschiffes bis dahin ohne jeden Zwischenfall verlaufen. In der Nacht zum 13. Januar jedoch - die Arbeiter hatten gerade die Dieselmotoren eingebaut und die Decksaufbauten fertiggestellt - begann die »Herrsching« vor den Augen des entsetzten Nachtwächters gegen vier Uhr morgens plötzlich zu sinken und sackte so schnell auf Grund, daß die eilig alarmierten Werftarbeiter das Unheil nicht mehr verhindern konnten.

Als nach vier Tagen die »Herrsching« mit Hilfe mehrerer Krähe an Land gehievt und einer hochnotpeinlichen Untersuchung unterzogen wurde, stellte sich heraus, daß ein Konstruktionsfehler am Bodenventil die Ursache für den programmwidrigen Unterwasser-Stapellauf war. Die Ingenieure nahmen nun nicht etwa mißtrauisch noch einmal die gesamten Konstruktionspläne unter die Lupe, sondern ließen optimistisch die Arbeit fortsetzen. Kurz nach Ostern war ihr Werk vollendet: Stolz und schnittig lag die »Herrsching« im See - getreu dem Vorbild, das die Schiffsbaumanager auf dem Comer See ausfindig gemacht hatten.

Nun konnten die Fachleute der Deutschen Bundesbahn an Bord klettern, um sich von der soliden Qualität des neuen Schiffes zu überzeugen. Nach mehreren Testfahrten jedoch waren sie von dem Ergebnis ihrer Untersuchungen einigermaßen entsetzt: Statt - wie geplant - 240 Personen konnte das Schiff nämlich nur 160 aufnehmen, statt 24 Kilometer pro Stunde legte es nur 20 zurück.

Die peinlichste Entdeckung aber machten die Prüfer der Bundesbahn, als sie feststellten, daß die »Herrsching« hinten zu wenig und vorn zu viel Gewicht hatte und dadurch nicht voll seetüchtig war. Auch in der prächtigen Kommandokanzel entdeckten sie einen häßlichen Fehler: Obwohl sie vornehmlich aus Glas besteht, fehlt dem Kapitän doch die nötige Aussicht, um feststellen zu können, wie er die Landungsstege am besten anlaufen kann. Die Herren von der Bundesbahn hatten genug gesehen und lehnten die Abnahme ab.

Vierzehn Tage später - die Taufe hatte inzwischen stattgefunden - gelangte die peinliche Angelegenheit zum erstenmal an die Öffentlichkeit, als die Bundesbahn, vertreten durch Bundesbahn-Oberbaurat Stadlinger, trotz weiterer Testfahrten bei ihrer Weigerung blieb. Das Wirtschaftsministerium machte in einer Reihe von Presseerklärungen die Werft für die Mängel verantwortlich, während die Werft ihrerseits dem Ministerium vorwarf, durch dauernde Abänderungswünsche eine einwandfreie Konstruktion unmöglich gemacht zu haben.

Danach wurde es um die mit einem Kostenaufwand von 260 000 Mark erbaute »Herrsching« ruhig. Offensichtlich hofften die Beteiligten, die unangenehme Angelegenheit in aller Stille besser regeln zu können. Sie unternahmen zu diesem Zweck mit 30 Zentnern Ballast im Heck und zwei in den Boden der Führerkanzel eingelassenen Zusatzfenstern ausgedehnte Probefahrten.

Der Fall wurde - sehr zum Unmut des Wirtschaftsministeriums - wieder an die Öffentlichkeit gezerrt, als sich der Haushaltsausschuß des bayrischen Landtags in der letzten Woche mit dem kopflastigen Schiff beschäftigte. Die Abgeordneten waren besonders böse auf Wirtschaftsminister Dr. Bezold, weil einige von ihnen an der von Bezold veranstalteten Jungfernfahrt der »Herrsching« teilgenommen hatten und noch nachträglich sozusagen um ihr Leben hatten bangen müssen, als die Mängel der »Herrsching« bekannt wurden.

Was er mit ihnen vorgehabt habe, als er sie zu diesem Unternehmen einlud, wollte der Ausschußvorsitzende Eberhard, CSU, von Minister Bezold wissen, und Finanzminister Zietsch von Bayerns SPD fügte ärgerlich hinzu: »Die gleiche Frage muß auch ich Ihnen stellen, ich war nämlich mit meiner ganzen Familie dabei!«

Ballast im Heck

Der in die Enge getriebene Minister äußerte kleinlaut, auch ihn habe man ja erst nach der Einweihung von dem »kleinen Kalkulationsfehler« unterrichtet. Und was diesen Fehler betreffe, könne man weder das Wirtschaftsministerium noch die Werft verantwortlich machen.

Selbstverständlich, versicherte Bezold seinen unmutigen Parlamentskollegen, werde alles geschehen, um die »Herrsching« doch noch seetüchtig zu machen. »Sie dürfen nicht übersehen, daß so ein Schiff schwierig zu bauen ist«, sagte der Wirtschafts- und Verkehrsminister des Landes Bayern, der vordem als Senatspräsident beim Oberlandesgericht München wenig Gelegenheit hatte, seine Bildung um seemännische Kenntnisse zu bereichern.

Jetzt gutachte über die »Herrsching« zunächst einmal ein Schiffbau-Experte. Erst danach entscheide sich, ob das Schiff noch einmal in die Werft nach Deggendorf gebracht und dort verlängert werden soll oder ob es auf dem Ammersee verbleiben darf. Auf einen Prozeß könne es das Ministerium aber vorerst nicht ankommen lassen, weil die Werft ein unterstützungsbedürftiger Grenzlandbetrieb sei und einen solchen Prozeß nicht tragen könne. Außerdem müsse man abwarten, ob es der Werft vielleicht nicht doch noch gelinge, das Schiff in Ordnung zu bringen. Er werde sich auf jeden Fall weigern, den vollen Betrag von 260 000 Mark zu bezahlen.

In der Hitze der Parlamentsdebatte kam ein Umstand nicht zur Sprache, der die Abgeordneten noch nachdenklicher hätte stimmen müssen. Die Fehlkonstruktion der »Herrsching« ist nämlich nicht die erste Panne, die sich die Werft Deggendorf geleistet hat. Das vor einigen Jahren in Dienst gestellte Motorschiff »Utting«, das die Werft ebenfalls im Auftrag des Wirtschaftsministeriums konstruiert hatte war ebenfalls kopflastig. Das Malheur wurde jedoch seinerzeit nicht bekannt, sondern in aller Stille mit 100 Zentnern Ballast behoben. Diese Tatsache hinderte das Ministerium jedoch nicht, auch die »Herrsching« in Deggendorf bauen zu lassen.

Auch eine andere Panne ist bisher der Öffentlichkeit verborgen geblieben: Angesichts des Baues der »Herrsching« hatten die Schiffbauexperten nichts Eiligeres zu tun, als den altehrwürdigen Dampfer »Andechs« aus dem Verkehr zu ziehen und abzuwracken.

Das vorläufige Ergebnis ist demnach, daß der Ammersee durch den Neubau der »Herrsching« um ein Schiff ärmer statt reicher geworden ist.

Schiffstaufe-Festredner Bezold

Keiner ist verantwortlich

Kopflastige »Herrsching": Die Bundesbahn entdeckte Fehler

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