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BANKIERS Stück um Stück

Ludwig Huber, Präsident der Bayerischen Landesbank, verheddert sich in der »Wienerwald«-Affäre. *
aus DER SPIEGEL 53/1987

Das Amt schien attraktiv. »Für Eigeninitiative und Dynamik«, glaubte Ludwig Huber, damals Finanzminister des Freistaates Bayern, werde er als Präsident der Bayerischen Landesbank einen »größeren Spielraum« haben.

Heute, zehn Jahre später, verdichtet sich der Verdacht, daß der christlich-soziale Staatsbanker seinen Spielraum ein wenig zu dynamisch genutzt hat - für eigene Initiativen. Dem Chef der Bayerischen Landesbank droht der Verlust des attraktiven Postens.

Die SPD-Opposition im Landtag belästigt die Staatsregierung kurz vor der Weihnachtspause mit fast einem halben Hundert Fragen zu merkwürdigen Privatgeschäften des Ludwig Huber. Die Münchner »Abendzeitung« fragte auf der ersten Seite: »Muß Landesbank-Chef Huber gehen?«

Es war eine Frau, die Huber ins Gerede brachte. Sein Problem dabei ist, daß er - so die »Abendzeitung« - »über das Herz der schönen Frau Thyssen in den Aufsichtsrat« einer Firma jener Dame geraten ist.

Dahinter steckt die Frage - wie der bayrische Finanzstaatssekretär Albert Meyer vor dem Landtag in vorsichtigem Konjunktiv formulierte -, ob es bei Huber »eine Vermischung von öffentlichem Amt und privatem Interesse« gegeben habe.

An der schönen Frau hatte Huber auf einem Gala-Empfang seines Ministerpräsidenten

Franz Josef Strauß in der Münchner Residenz zum erstenmal ein privates Interesse gefunden. Die Dame hieß damals Renate Wunderlich und war mit dem Rechtsanwalt Detlef Wunderlich verheiratet, der zu seinen Klienten Prominenz wie den Maestro Herbert von Karajan und den Industrie-Erben Friedrich Karl Flick zählen durfte.

Huber, seit 34 Jahren mit seiner Gattin Waltraud verehelicht, bezog 1985 im Wunderlich-Penthouse im Münchner Herzogpark Quartier, aus dem der Gemahl ausgezogen war.

Die außereheliche Verbindung des christlich-sozialen Bankiers, Ritter des Sylvesterordens vom Heiligen Stuhl, erregte bei seinen doppel-moralischen Parteifreunden Anstoß. Statt parteifromme Diskretion zu üben, zeigte sich Huber mit der Dame auf Staatsempfängen.

Die Beziehung hätte im vorigen Jahr fast die Verlängerung des Vertrags von Huber als Landesbank-Präsident gefährdet. Ministerpräsident Franz Josef Strauß, ein alter Jahn-Freund, und Finanzminister Max Streibl, als Aufsichtsratschef für die Landesbank zuständig, nahmen Huber ins Gebet.

Der Bankier zog aus dem Penthouse aus und vermied öffentliche Auftritte mit der strittigen Dame. Der Vertrag wurde um fünf Jahre verlängert.

Doch bald darauf, so wußte jedenfalls die »Bild«-Zeitung im vergangenen April zu melden, lebte das Paar wieder zusammen. Frau Wunderlich war inzwischen geschieden und hatte den wohlklingenden Namen ihres vorhergehenden Ehemannes Bodo Thyssen angenommen, eines Großneffen des Stahlkonzern-Gründers.

Der »Bild«-Bericht, offenbar aus CSU-Kreisen mit Interna gespickt, signalisierte allerhöchstes Mißfallen über Huber: Der Bankchef habe Strauß und Streibl bei dem damaligen Dreier-Gespräch sein Ehrenwort gegeben, sich privatim zu bessern. Treuherzig - es gab ja noch keine Barscheleien - fragte die Bild-Schlagzeile nun: »Was ist das Ehrenwort des Präsidenten wert?«

Doch richtig unangenehm wurde es für den Präsidenten erst in den letzten Wochen. Stück um Stück kam ans Licht, daß Huber und seine Freundin auch geschäftlich aufs engste liiert waren.

Mitte vergangenen Jahres erwarb Frau Thyssen zum allgemeinen Erstaunen den Hendl-Konzern »Wienerwald«. Die Hähnchen-Restaurant-Kette des Österreichers Friedrich Jahn hatte Ende 1982 Vergleich anmelden müssen, als die Banken Kredite von über 250 Millionen Mark einforderten. Unter den Geldgebern war auch Hubers Institut gewesen. Die Macht übte nun ein Banken-Konsortium unter dem Namen »Svido« aus, in dem die Bayerische Landesbank durch ihren Manager Dieter Krautzig vertreten war.

Der Verkauf des Wienerwald an die Freundin eines Bankiers, der zu den Gläubigern zählte, war schon ein wenig seltsam. Einen guten Kauf hat die Dame auf jeden Fall getätigt. Das erwies sich bald bei einer weiteren Merkwürdigkeit dieses Geschäfts. Wenige Wochen nach der Übernahme der Wienerwald-Betriebe nämlich verkaufte Frau Thyssen den deutschen Teil des Konzerns an den vormaligen Besitzer Jahn für 2,5 Millionen Mark.

Gleichzeitig räumte Frau Thyssen dem Wienerwald-Gründer eine Option auf den Kauf der österreichischen Wienerwald-Betriebe zum Preis von 25 Millionen Mark ein. Den Gesamtkonzern hatte die Kauffrau für rund 15 Millionen Mark von den Banken erworben; sie hätte mithin beim Weiterverkauf an Jahn ohne Mühe runde 10 Millionen Mark einstreichen können.

Schon dieses geplante Dreiecksgeschäft war nicht ohne Pikanterie. Denn nicht zu Unrecht glaubt Jahn, daß die Svido ihm selbst, den die Banken für den Schuldigen an der Pleite ansahen, wohl kaum seinen Konzern verkauft hätte. Mit Wissen von Huber, so schildert es Jahn heute, habe er Frau Thyssen als »Strohfrau« vorgeschoben. Als »blonden Engel, der mir mein Lebenswerk zurückgibt«, pries Jahn damals die Huber-Vertraute. Und Frau Thyssen nannte Jahn einen »guten alten Freund«, dem sie helfen wolle.

Diese schöne Eintracht ist längst dahin. Frau Thyssen und Jahn streiten sich inzwischen vor den Gerichten über die Herausgabe des österreichischen Wienerwald und beschimpfen sich öffentlich in höchst unfeiner Weise (SPIEGEL 50/1987). Jahn: »Dieses Mistviech«. Thyssen: »Ein Herr Jahn kann mich nicht treffen.«

Bei seinem Kampf um den österreichischen Wienerwald sorgte Jahn für die Verbreitung von weiteren Details der Huber-Thyssen-Connection, die den Präsidenten nun in schwere Bedrängnis bringen.

Seit dem 4. Juni ist »Dr. Ludwig Huber, Bankier, Grünwald/BRD« laut Handelsregister mit 7000 Schilling (rund 1000 Mark) Kommanditist der »GGG Gilgener Gastronomie Gesellschaft m.b.H. & Co. KG.« seiner Freundin Renate Thyssen. Das sei »rein die Privatsache von Dr. Huber«, läßt der Präsident die Landesbank dazu verlauten.

Doch über die GGG ist Huber indirekt an der Wienerwald-Österreich beteiligt - also an einem Teil jenes Unternehmens, das zuvor der Landesbank einige Verluste gebracht hatte.

Gewunden sind die Erklärungen zu einem problematischen Nebenjob des Präsidenten bei seiner Renate. Am 12. Juni 1987 wurde Huber zum Aufsichtsratsmitglied der »Wienerwald Restaurants Gesellschaft m.b.H.« in Linz gewählt. Für so einen Posten braucht der Bankchef die Genehmigung des Verwaltungsrats der halbstaatlichen Landesbank.

Den ersten Gerüchten über diesen Nebenjob begegneten die Thyssen-Anwälte Anfang Dezember mit der nebligen Feststellung »Der Aufsichtsrat der österreichischen Unternehmen besteht ausschließlich aus den Herren Rechtsanwalt Dr. Franz Dannecker, München, Wirtschaftsprüfer Dr. Bernhard Herrmann, München, Bankdirektor Jürgen Peters, Hamburg, und Steuerberater Günter Kozlik, Wien.« Von Huber keine Rede.

Doch inzwischen kursierten in München schon die Handelsregister-Veröffentlichungen mit der Bekanntgabe des Huber-Aufsichtsratsmandats.

Finanzstaatssekretär Meyer kam mit dem Durcheinander nicht zurecht und beantwortete die Landtagsanfrage der SPD mit dem Hinweis, Huber sei nie Aufsichtsrat beim Wienerwald gewesen. Sein Finanzminister Streibl mußte noch am selben Tag einräumen, daß er den Register-Auszug sehr wohl kenne. Die Lesart hieß nun, Huber habe dieses Amt »nie ausgeübt«.

Der Präsident hatte seinem Aufseher eine raffinierte Erklärung für das unerlaubte Nebenamt geliefert. Er habe Frau Thyssen darauf hingewiesen, »daß die Ausübung einer Aufsichtsratstätigkeit der Genehmigung des Verwaltungsrats der Bayerischen Landesbank bedarf«. Diese Genehmigung hat Huber nach eigenem Bekunden nie beantragt.

War er nun Aufsichtsrat oder nicht? Irgendwie schon, er stand ja so im Register in Österreich. Eigentlich aber nicht, er hatte ja keine Erlaubnis dafür in Deutschland. Diesen Spagat fand der SPD-Oppositionschef Karl-Heinz Hiersemann schlicht »absurd«.

Von seiner Freundin Renate ließ sich der »sehr geehrte Herr Dr. Huber« am Tag vor der Landtagsdebatte schriftlich bestätigen, er habe am 11. August mitgeteilt, daß er sein »Amt endgültig nicht annehmen« könne. Ob ihn dabei wirklich die Skrupel an der Legitimität des Nebenjobs überwältigt haben, ist ungewiß. Denn inzwischen scheinen die zarten Bande zwischen dem hübschen Paar wirklich zu einer »guten Freundschaft« geläutert zu sein. Frau Thyssen ist mittlerweile mit dem Münchner Mercedes-Händler Ernst Henne verbandelt.

Hubers Aufseher Streibl ist jedenfalls mit den Erklärungen seines Parteifreundes, den er nie sonderlich gern hatte, noch nicht zufrieden. Bis zum 30. Dezember soll der Präsident noch einmal über sein Wienerwald-Engagement Auskunft geben - diesmal »umfassend«.

Doch statt einer Antwort kam zunächst einmal eine ominöse Drohung. »Warum soll ich unter Ausnahmerecht stehen?« fragte Huber scheinheilig in einem Schreiben an die »Süddeutsche Zeitung«. »Andere waren beteiligt oder sind noch beteiligt an Gesellschaften z.B. in Luxemburg, in der Schweiz, in Liechtenstein. Ich habe auch keine Provisionen kassiert!«

Für eingeweihte CSU-Mitglieder brauchte der Präsident nicht deutlicher zu werden. Beim eifrigen Studium der Bücher im Wienerwald-Büro seiner Freundin Renate könnte Huber zum Beispiel auch auf Unterlagen über eine spezielle Wienerwald-Firma in Liechtenstein mit dem Namen »Transcommerce« gestoßen sein.

Das Unternehmen, das offiziell Gastronomie-Anlagen an Wienerwald-Betriebe vermietete, hatte zahlreiche sehr stille Teilhaber aus dem einstigen Freundeskreis des stramm konservativen Jahn. Der »Bundesgeflügeladjutant«, wie der Hendl-König damals bei CSU-Freunden hieß, war immer gern bei diskreten Geldanlagen behilflich.

Und der Hinweis auf die »Provisionen« ist nun der Gipfel der Frechheit. Huber spielt damit auf den umlaufenden CSU-Klatsch an, der Parteichef Strauß persönlich habe für die Vermittlung eines Leasing-Geschäftes zugunsten des wiederauferstandenen Wienerwald-Herrschers Jahn ein Vermittlungshonorar vereinnahmt. Mit dieser Andeutung ist der Präsident wohl vollends zu weit gegangen.

Eine Anfrage des bayrischen FDP-Vorsitzenden Manfred Brunner dazu wies der Staatsminister Edmund Stoiber empört zurück: »Die Frage nach Geschäften gegen Provision, die den Vorwurf eines Verstoßes von Mitgliedern der Staatsregierung gegen Artikel 57 der bayrischen Verfassung enthält, ist beleidigend.«

In der Tat. Der Artikel 57 lautet: »Der Ministerpräsident, die Staatsminister und die Staatssekretäre dürfen ein anderes besoldetes Amt, einen Beruf oder ein Gewerbe nicht ausüben.«

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