Stückpreis 1500 Euro Ministerium rüstet Büros mit Luxusstühlen aus

2,25 Milliarden Euro muss der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon in diesem Haushaltsjahr einsparen. Ob Heer, Luftwaffe oder Marine - kaum ein Bereich der Streitkräfte kommt ungeschoren davon. Umso mehr Ärger bereitet die Luxussanierung des Ministeriums selbst.


Aeron-Bürostuhl: Design-Prädikat vom Museum of Modern Art
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Aeron-Bürostuhl: Design-Prädikat vom Museum of Modern Art

London - Der Aeron von Hermann Miller ist der Rolls Royce der Bürostühle. Materialien, Verarbeitung, Ergonomie - alles vom feinsten. Das New Yorker Museum of Modern Art belohnte den Stuhl sogar mit einem Preis für herausragendes Design und nahm ihn in seine Sammlung auf.

Der Aeron gefiel auch den Einkäufern des britischen Verteidigungsministeriums. Sie bestellten gleich für jeden der 3150 Mitarbeiter einen davon. Qualität hat natürlich ihren Preis, immerhin kostet ein Aeron 1000 Pfund, umgerechnet rund 1500 Euro, doch das nahmen die Beamten in Kauf.

Dass die Anschaffung gerade jetzt bekannt wurde, kommt für Hoon mehr als ungelegen. Am 21. Juli nämlich will der Verteidigungsminister die Streichliste für die Streitkräfte im Parlament vorlegen. Am letzten Tag vor der Sommerpause, so Hoons Kalkül, werde sich der Aufschrei in Grenzen halten. Noch ist zwar nicht jedes Detail der von einer unabhängigen Expertenkommission ausgearbeiteten Sparmaßnahmen bekannt, doch einige Details lassen bereits erkennen: Diesmal geht es ans Eingemachte. So muss die Royal Navy auf sieben Schiffe verzichten und wird damit zum ersten Mal seit dem 17. Jahrhundert kleiner sein als die französische Marine. Das Heer soll um vier Bataillone verkleinert werden und die Royal Air Force wird fünf ihrer Basen schließen müssen.

Der Verteidigungsexperte der Liberalen, Paul Keetch ist empört: Zwar sei die Sanierung des Ministeriums durchaus notwendig gewesen, doch die Entscheidung für den Kauf der Aeron-Stühle sei "ein Witz", sagte er dem "Daily Telegraph". "Das Verteidigungsministerium setzt seine Prioritäten falsch, wenn es 1500 Euro für exklusive Bürostühle ausgibt, während die britischen Soldaten im Irak ihre Stiefel selbst kaufen müssen."

Den Vorwurf der Geldverschwendung will das Ministerium aber nicht auf sich sitzen lassen. Zunächst einmal sei ein Rabatt vereinbart worden, über den er allerdings nicht sprechen dürfe, sagte ein Sprecher am Montag. Außerdem sei erwiesen, dass die Aerons eine deutlich höhere Lebensdauer hätten als herkömmliche Stühle. Und zuletzt, so der Sprecher, seien angesichts der besonderen Ergonomie des Aeron auch weniger Arbeitsausfälle wegen Rückenleiden zu erwarten.



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