Südafrika Cup der guten Hoffnung
Für Andreas van der Horst stand die Mannschaftsaufstellung für die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land schon im Herbst 2000 fest. Der Zertifikate-Experte der Westdeutschen Landesbank (West LB) bestimmte elf deutsche Unternehmen, denen das Kicker-Spektakel besonders gute Geschäfte bescheren sollte, legte ein Zertifikat auf deren Aktienkurs auf und nannte das Ganze WM-Select-2006.
Für Anleger, die seit der Auflage am 19. Oktober 2000 dabei sind, hat sich die Vorfreude auf die WM auch finanziell gelohnt: Sie konnten ihren Einsatz mehr als verdreifachen. Ende Mai stand der Kurs des Zertifikats, das bei der Emission 102 Euro kostete und einen Tag nach dem WM-Finale ausläuft, bei knapp 360 Euro. Zum Vergleich: Wer im Oktober 2000 ein Zertifikat auf die 30 Dax-Unternehmen kaufte, liegt heute noch mehr als 10 Prozent im Minus.
"Allerdings haben im WM-Zertifikat mit Sunburst und Kinowelt auch zwei Werte eindeutig eine rote Karte bekommen", so van der Horst. Die Aktie des Fanartikelhändlers Sunburst stürzte von über 30 Euro auf aktuell 13 Cent, und von den 24,50 Euro, die Kinowelt-Aktien zum Laufzeitbeginn wert waren, sind heute nur noch 32 Cent übrig. Dafür stürmte Puma von 18 Euro auf über 300 Euro.
Anpfiff für die WM 2010
Während in Deutschland aktuell noch das WM-Fieber um sich greift, haben die Zertifikate-Häuser schon die nächste Fußball-Weltmeisterschaft im Blick. In vier Jahren, so entschied der Fußball-Weltverband im Mai 2004, findet die WM in Südafrika statt. Bereits seit Juli vergangenen Jahres können Anleger deshalb in das South-Africa-2010-Select-Zertifikat der West LB investieren und wiederum an der Kursentwicklung von elf Unternehmen profitieren. Im Januar folgte das WM-Südafrika-Zertifikat der Dresdner Bank, allerdings mit reduzierter Mannschaftsstärke: Es investiert, ebenfalls zu gleichen Teilen, nur in neun südafrikanische Unternehmen.
Darüber hinaus verfügt dieses Zertifikat über eine weitere Besonderheit: Die Dresdner Bank behält die Dividendenzahlungen der neun Unternehmen ein und nutzt diese zur Finanzierung eines zusätzlichen Hebels. Solange das Zertifikat bei Fälligkeit über dem Ausgabepreis von 100 Euro notiert, wirken sich Kursveränderungen mit einem Hebel von 1,2 aus (10 Prozent Anstieg gleich 12 Prozent Wertzuwachs). Aktuell notiert das so genannte Outperformance-Zertifikat aber unterhalb des Ausgabepreises.
Auf dem grünen Rasen und dem Börsenparkett ist Südafrika für Sportler und Anleger gleichermaßen noch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Teilweise zu Recht: Die Anhänger der "Bafana Bafana" (Zulu-Dialekt: "Unsere Jungs") stehen aktuell im Abseits und haben keinen Grund zum Jubeln. Die südafrikanische Fußballnationalmannschaft scheiterte während der Qualifikation am Team aus Ghana. Nach dem verpatzten Vorrunden-Aus beim African Nations Cup musste zudem Nationaltrainer Ted Dumitru abdanken, sodass der Kader seitdem führungslos ist. In vier Jahren ist das Team vom Kap der guten Hoffnung als Gastgeber jedoch automatisch mit dabei.
Auf dem Börsenparkett indes kann es Südafrika - im MSCI-Schwellenländer-Index mit einer Gewichtung von 10,7 Prozent immerhin auf Platz 3 der weltweiten Emerging-Market-Börsen - durchaus mit den etablierten Märkten aufnehmen. Die Börse von Johannesburg (Johannesburg Stock Exchange, JSE) liegt, gemessen an der Marktkapitalisierung, weltweit auf Platz 15 und gehört dank eines seit zehn Jahren komplett computergesteuerten Handelssystems zu den modernsten Finanzplätzen weltweit. Dort werden im Lauf einer Handelswoche mehr Aktien umgeschlagen als auf dem gesamten Kontinent in einem Jahr, und zumindest in den vergangenen drei Jahren ging es für südafrikanische Titel steil bergauf.
Kursverdopplung bis zur WM
Auch wenn es im Mai zu ersten Korrekturen an der JSE und für die größtenteils an der Londoner Börse gehandelten südafrikanischen Rohstoffunternehmen kam, herrscht nach wie vor eine positive Grundstimmung. "Wir sind auch beim aktuellen WM-Zertifikat sehr optimistisch und rechnen während der kommenden vier Jahre mindestens mit einer Verdopplung der Kurse", so van der Horst. Um fast 20 Prozent ist die West-LB-Auswahl seit Auflage des Zertifikats bis Mitte Mai schon gestiegen.
Im Vergleich zum deutschen WM-Basket ist das Risiko der bislang platzierten WM-Zertifikate ungleich höher. Neben den typischen Gefahren eines Schwellenländer-Investments wie höhere Kursschwankungen und politische Störfeuer sollten Anleger das Währungsrisiko nicht vernachlässigen. Der südafrikanische Rand ist seit 2002 um nahezu 80 Prozent gestiegen; eine sehr attraktive Zusatzrendite für Euroraum-Anleger. In den vergangenen Jahren bewegten sich die Wechselkurse aber in einem für Euro-Anleger kaum aussagekräftigen Korridor. Seit Anfang 2006 hat der Rand sogar gegenüber dem Euro rund zwölf Prozent an Wert verloren.
Am Aktienmarkt zumindest sollen die jüngsten Verluste Beobachtern zufolge nur kurzfristiger Natur sein, obwohl das Kurs-Gewinn-Verhältnis südafrikanischer Titel mit 16 oberhalb des Durchschnitts von Schwellenländeraktien liegt. Die hohen Rohstoffpreise und die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind weiter ein Garant für solide Unternehmensgewinne und steigende Aktienkurse. Schon 28 Quartale in Folge wächst die Wirtschaft am Kap zwischen drei und fünf Prozent, und ausländische Anleger investierten 2005 rund 52 Milliarden Euro in an der JSE notierte Unternehmen. "Südafrika ist durch den Rohstoff-Reichtum, ein stabiles Finanzsystem und eine starke Mittelschicht unglaublich gesegnet", sagt Stefan Böttcher. Der Investmentchef der auf Schwellenländer spezialisierten Fondsgesellschaft Charlemagne hält allerdings die Minen- und Rohstoff-Unternehmen aktuell für zu teuer. Trotzdem stellen südafrikanische Aktien, größtenteils von Finanzhäusern, mit 38 Prozent die größte Einzelland-Gewichtung des neuen Magna EMEA-Fund von Charlemagne. Das Kürzel steht für Eastern Europe, Middle East und Africa. "Die WM-Fantasie ist in vielen Kursen noch gar nicht enthalten", so Böttcher.
Anleger, die in erster Linie den Minen- und Rohstofftiteln des rohstoffreichsten Landes der Erde weiteres Potenzial bescheinigen, sollten in eins der von ABN Amro aufgelegten Indexzertifikate mit diesem Schwerpunkt investieren. Die drei Produkte ohne Laufzeitbegrenzung beziehen sich auf die entsprechenden Branchenindizes für Ressourcen, Gold und Platin.
Investieren in die Infrastruktur
Zu den Favoriten zählen Fonds- und Zertifikate-Experten neben den Banken auch Unternehmen wie Pretoria Portland Cement, Telkom South Africa und den weltweit drittgrößten Bierbrauer SAB Miller. "Besonders die bis 2010 erforderlichen Investitionen in die Infrastruktur und große Bauprojekte werden die Aktien entsprechender Unternehmen anziehen lassen", prophezeit van der Horst. Aktuell ist die geplante Schnellzugstrecke von der Hauptstadt Pretoria nach Johannesburg das Prestigeprojekt des Landes. Rund 2,6 Milliarden Euro soll der Streckenausbau für den so genannten Gautrain kosten. Weitere staatlich ausgeschüttete zwei Milliarden Euro sollen allein im laufenden Jahr in den Ausbau von Stadien, Straßen und Hotels investiert werden. Fünf der insgesamt 13 Spielstätten müssen erst noch gebaut, weitere fünf aufwändig renoviert werden. Lediglich in drei Stadien könnten schon heute zu WM-Bedingungen Spiele stattfinden.
Aus diesem Grund setzt auch die Fondsgesellschaft Franklin Templeton außergewöhnlich stark auf südafrikanische Immobiliengesellschaften. Mit 11,6 Prozent des Portfolios seines Global Real Estate Fund ist Manager John Foster aktuell am Kap investiert, während der Vergleichsindex des Fonds, der S&P Global Reit, südafrikanische Unternehmen lediglich mit 0,5 Prozent berücksichtigt. "Dieser Markt bietet einen Wert, der bisher noch überhaupt nicht erkannt wurde", so Foster.
Auch die Afrikaner hat das WM-Fieber gepackt: Jüngsten Umfragen der südafrikanischen Unternehmensberatung Grant Thornton zufolge gehen 85 Prozent der Südafrikaner davon aus, dass die WM Arbeitsplätze schaffen werde. Mit rund 160.000 neuen Jobs rechnet Grant Thornton. "Die WM ist ein wichtiger Impuls für die südafrikanische Wirtschaft", sagt auch Goolam Ballim, Volkswirt der südafrikanischen Standard Bank.
Deutsche Fondsanleger haben nur wenige Möglichkeiten, vom Wachstum Südafrikas in vollem Umfang zu profitieren. Zwar finden sich in breit aufgestellten Emerging-Market-Fonds durchaus Aktien afrikanischer Unternehmen, und auch die in den vergangenen Jahren sehr erfolgreichen Minen-, Gold- und Rohstofffonds kommen an einem Investment in die großen Fördergesellschaften Anglogold, Harmony oder Goldfields nicht vorbei. Eine vergleichsweise breite Produktpalette an Länderfonds, wie es sie für den brasilianischen oder indischen Aktienmarkt gibt, bieten die in Deutschland tätigen Fondsgesellschaften jedoch nicht an.
Allerdings haben Anleger die Möglichkeit, in einen Klassiker zu investieren: Der UBS (CH) Equity South Africa ist bereits seit 58 Jahren auf dem Markt. Der Afrika-Senior der Schweizer Großbank UBS wird in Deutschland jedoch nicht aktiv vertrieben. Für Anleger bedeutet das jedoch keinen Nachteil, die Gesellschaft bewirbt ihr Produkt nur nicht. Zu Unrecht, denn im Laufe der vergangenen fünf Jahre stieg der Wert des in Dollar geführten Fonds auf Euro-Basis um durchschnittlich 16,8 Prozent pro Jahr. In den vergangenen zwölf Monaten legte er um umgerechnet 13,8 Prozent zu und liegt mit dieser Entwicklung knapp drei Prozentpunkte hinter dem EMIF South Africa der belgischen Gesellschaft KBC Asset Management, dem zweiten für deutsche Anleger erhältlichen Fonds.
Rohstoffe und Finanzen gefragt
Beide Fonds setzten mit rund 21 Prozent ihres Portfolios auf Aktien von Rohstoffunternehmen, gefolgt von Finanzwerten (UBS: 17,9 Prozent, KBC: 19,0 Prozent). Identisch sind mit dem Chemieriesen Sasol und der Standard Bank auch die beiden größten Positionen. "Wir bevorzugen Unternehmen, die vom Ausbau der Infrastruktur und dem gestiegenen Konsum profitieren", begründet auch hier Mark Roggensinger die Aufstellung des Fonds. Der UBS-Manager ist ebenfalls davon überzeugt, dass die WM-Fantasie noch nicht in den Kursen enthalten ist.
Unklar indes bleibt, wer in vier Jahren für die südafrikanischen Kicker auf der Trainerbank sitzen wird. Der heimische Fußballverband wünscht sich den England-Coach Sven-Göran Eriksson, dessen Vertrag mit den Briten noch bis Ende der aktuellen WM läuft. Damit sich auch beim Sport die Hoffnungen am Kap erfüllen, sollen die Funktionäre sogar bereit sein, das üppige Gehalt von jährlich rund sechs Millionen Euro an den gebürtigen Schweden zu zahlen.