Südkorea Allianz-Mitarbeiter streiken seit 120 Tagen - Gewerkschafter verhaftet

Krach in Korea: Hunderte Mitarbeiter der dortigen Allianz-Tochter streiken seit 120 Tagen, 87 Filialleiter wurden sogar gefeuert. Zur Hauptversammlung nach München an diesem Mittwoch kommen nur zwei koreanische Gewerkschafter - andere wurden vor der Abreise verhaftet.

Hamburg - Das neue Vergütungssystem bei der Allianz Leben in Südkorea stößt bei den Mitarbeitern auf wenig Gegenliebe. Seit dem 21. Januar 2008 gilt, dass ihr Gehalt nach einer individuellen Bewertung ihrer Leistung erhöht wird.

Seither befinden sich rund 800 Mitarbeiter der südkoreanischen Allianz-Tochter im Warnstreik, anfangs auch noch 167 Filialleiter. Nach Angaben des Konzerns arbeiten in dem Unternehmen in Korea rund 10.000 Berater, etwa 350 Sachverständige und 380 Unternehmensagenten. Allianz Leben ist mit rund 1,3 Millionen Kunden der viertgrößte Versicherer des Landes. Die koreanische Firmengewerkschaft "Allianz Life Korea Union" (ALKU) behauptet, die Geschäftsführung habe "ohne Achtung des Arbeitsgesetzes die Tarifregelung geändert und sie somit willkürlich eingeführt". Niemand habe mit den Arbeitnehmern gesprochen.

Es ist der längste Arbeitsausstand in der Versicherungsbranche Koreas.

"Wir werden unseren Warnstreik fortsetzen, solange die Verantwortlichen bei Allianz Leben Korea sich nicht mit uns an einen Tisch setzen", sagt ein ALKU-Helfer zu SPIEGEL ONLINE. "Ich wünschte, man wüsste beim Mutterkonzern Allianz SE, wie man mit uns in Korea umgeht."

Die Lage eskaliert - erst wurden nach Informationen der "Korea Times" 87 Filialleiter entlassen, nachdem sie ein Ultimatum, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, verstreichen ließen. Die anderen 84 streikenden Manager folgten der Aufforderung der Geschäftsführung und blieben deshalb von einer Kündigung verschont.

Festnahmen vor der Abreise nach Deutschland

Jetzt wurden auch noch der ALKU-Chef und seine zwei Stellvertreter nach Gewerkschaftsangaben verhaftet. An der Allianz-Hauptversammlung in München können sie daher nicht teilnehmen. Der Vorwurf: wirtschaftsschädigendes Verhalten. Südkoreanischem Strafrecht zufolge rechtfertigt das durchaus Festnahmen. "Wir gehen davon aus, dass die Allianz Leben massiv Druck bei der Staatsanwaltschaft gemacht und die Festnahmen durchgesetzt hat", sagt ein mit den Vorgängen vertrauter Beobachter.

Tatsächlich ist nach ALKU-Angaben die Zahl der Vertragsabschlüsse in Südkorea wegen der Arbeitsniederlegungen allein im Februar um 31,5 Prozent gesunken. Es komme zudem verstärkt zu Kundenbeschwerden, da Servicepersonal nicht zu erreichen sei.

In der Konzernzentrale in München wundert man sich über die Proteste in Fernost. "Uns ist bekannt, dass einige Mitarbeiter in Südkorea streiken. Aber über das neue Gehaltssystem haben wir seit zwei, drei Jahren gesprochen. Im vergangenen Jahr wurde darüber konkret verhandelt, doch die Gewerkschaft hat es abgelehnt, sich daran zu beteiligen - trotz 20 Gesprächsangeboten. Es verwundert, wenn es jetzt heißt, wir seien nicht bereit zu Gesprächen."

Nach Angaben aus der Münchner Allianz-Zentrale wurden die Gehälter der koreanischen Mitarbeiter bereits in den vergangenen drei Jahren erheblich erhöht - erst um 14, dann um 11,5 und schließlich um 7 Prozent. "Beim neuen Gehaltssystem bleiben die bestehenden Löhne unangetastet. Es geht nur darum, dass die Erhöhungen künftig individuell nach Leistung erfolgen, nicht mehr pauschal."

Die ALKU hält an ihrem Vorwurf fest, die koreanische Geschäftsführung sei zu Gesprächen nicht bereit - erst recht nicht, seitdem sich sogar Südkoreas Präsident Lee Myung Bak in den Streit im März eingeschaltet und die Allianz aufgefordert hat, die Streikenden zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Lee, so die Kritik der Gewerkschaft, sei ein wirtschaftsfreundlicher Politiker, der versuche, sein Versprechen, für mehr ausländische Direktinvestitionen zu sorgen, einzulösen. Da passten Warnstreiks koreanischer Arbeitnehmer bei einem deutschen Unternehmen nicht ins Bild.

Zwei Koreaner wollen Flugblätter verteilen

Im Februar lehnte es der Allianz-Vorstand in München nach Angaben der Gewerkschaft Ver.di ab, mit einer eigens aus Südkorea angereisten Delegation von Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern zu reden. "Lediglich ein paar Arbeitnehmervertreter aus dem Aufsichtsrat hörten sich an, was die Asiaten zu sagen hatten. Geschehen ist seither nichts, was ihnen genützt hätte", heißt es aus aus Ver.di-Kreisen, die die Vorgänge in Südkorea aufmerksam verfolgen.

Zwei ALKU-Mitglieder haben sich trotz der Verhaftung ihrer Kollegen auf den Weg nach Deutschland gemacht und wollen an diesem Mittwoch vor der Hauptversammlung Flugzettel verteilen. Sie hoffen, dass sich jemand vom Allianz-Vorstand für ihre Sorgen interessiert.

Auf offene Ohren dürften sie kaum stoßen. "Der Streit", erklärt eine Konzernsprecherin auf Nachfrage, "muss in Korea gelöst werden. Dort sitzen die Verhandlungspartner, nicht in München." Über die Ausgestaltung der Vergütung könne man in Korea sicher noch reden - nicht aber über das Gehaltssystem generell. "Das ist beschlossene Sache."

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