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Banken Sündhaft teuer

Die Berliner Privatbank Löbbecke hat große Probleme mit ihrer EDV. Werden dadurch die Zinsen der Kunden falsch berechnet?
aus DER SPIEGEL 29/1994

Günter Follmer läßt sich gern als aufstrebender und kundenfreundlicher Bankier feiern. »Prompt, flexibel und individuell« reagiere die Berliner Privatbank Löbbecke & Co. auf die Wünsche der Kunden, sagt der Chef.

Bei soviel Service blieb der Erfolg nicht aus: »Kaum eine andere Bank«, behauptet Follmer, 57, »hatte in den vergangenen Jahren ein vergleichbares Wachstum.« Das expansive Geldhaus, lobt Mitinhaber Follmer, sei »die schönste Bank in Berlin«.

Ganz so heil ist die Welt in dem traditionsreichen Unternehmen nicht, bei dem seit einigen Jahren italienische und österreichische Kreditinstitute das Sagen haben. Gravierende Mängel in der Datenverarbeitung der Bank sorgen intern immer wieder für Ärger. Möglicherweise haben sogar die Kunden darunter zu leiden.

Weil sie keine andere Möglichkeit sahen, die Mißstände zu beseitigen, schrieben Löbbecke-Angestellte an das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen. Durch Fehler in der EDV, heißt es in ihrem Brief, würden »unter bestimmten Voraussetzungen die Zinsen falsch berechnet«. Besonders betroffen seien davon die Jahresabschlüsse bei den Spar- und Festgeldkonten.

Das Risiko für die Bank ist offenbar ziemlich gering. Kaum ein Kunde rechnet seine Kontoauszüge detailliert nach. Korrigiert würden die falschen Zinsen aber nur bei den Kunden, die sich beschweren, behaupten Löbbecke-Insider in ihrem Beschwerdebrief an das Amt.

Die Probleme der 1761 in Braunschweig gegründeten Privatbank mit der neuen Technik sind hausintern seit langem bekannt. Wirtschaftsprüfer und Kontrolleure des Prüfungsverbands deutscher Banken bemängelten den Zustand der Löbbecke-EDV immer wieder.

Schon bei den Abschlußprüfungen für die Jahre 1991 und 1992 kritisierten die Wirtschaftsprüfer die Datenverarbeitung der Privatbank. Noch härter urteilten dann die Experten des Prüfungsverbands deutscher Banken. Das unabhängige Gremium kontrolliert in unregelmäßigen Abständen die internen Zustände bei den Mitgliedern des Einlagensicherungsfonds der Banken.

»In sämtlichen von uns geprüften Bereichen waren gravierende Beanstandungen zu treffen«, notierten die Verbandsprüfer im Dezember 1993 in ihrem Abschlußbericht über die »Prüfung der EDV-Organisation« bei Löbbecke. Dabei ging es keineswegs nur um Peanuts wie etwa zu klein dimensionierte Feuerlöscher, offen verlegte Kabelstränge oder zu lasche Zutrittskontrollen zum Rechenzentrum in der Berliner Fasanenstraße.

Besonders irritiert waren die Prüfer darüber, daß es »keine ausreichenden und klaren Regelungen« gibt, um die »Buchführungspflichten sicherzustellen«. Sie fanden »schwerwiegende Mängel« bei der Datensicherung und zu lasche Schutzmaßnahmen, um das EDV-System vor unberechtigtem Zugriff abzuschotten.

»Erhebliche Bedenken« kamen den Prüfern auch an anderen Stellen. So war zum Beispiel die »ordnungsgemäße Verarbeitung beziehungsweise Buchung der Tagesgeschäfte« aus den Unterlagen »nicht nachvollziehbar«.

Am 4. Mai 1993 wies die Bank zum Beispiel bei den Tagesumsätzen eine Differenz zwischen Soll und Haben von immerhin »200 Millionen Währungseinheiten« aus. Solche und andere Ungereimtheiten, behaupten Löbbecke-Angestellte, seien stets durch einseitige Buchungen geradegebogen worden.

Obwohl die haarsträubenden Probleme mit der EDV hausintern bald nicht mehr zu übersehen waren, wurden die Mißstände zunächst nur schleppend beseitigt. Statt dessen schoben sich der für die EDV zuständige Geschäftsführer Paul Schweickardt und die Chefs der Datenverarbeitung gegenseitig die Schuld zu.

Zwischen 1991 und 1993 mußten zwei EDV-Leiter und ein Chefprogrammierer das Haus an der Fasanenstraße verlassen. Doch an den eigentlichen Problemen änderte sich nichts. Deshalb wandten sich Löbbecke-Angestellte kürzlich an das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen.

Die Berliner Behörde bestätigte den Eingang des Schreibens. Es sei »nicht in den Papierkorb geworfen worden«. Allerdings seien die geschilderten Zustände »für das Amt nicht neu«.

Bankchef Follmer kann die Verärgerung seiner EDV-Mannschaft »gut verstehen«. Schweickardt, der im Februar dieses Jahres die Bank verlassen hat, habe im Umgang mit den Problemen »nicht das nötige Fingerspitzengefühl« besessen.

Von gezielten Bilanzmanipulationen allerdings will Follmer, der im Nebenberuf in Berlin als Honorarkonsul von Monaco tätig ist, nichts wissen. »Wenn das stimmt, werden wir Konsequenzen ziehen.«

Schuld an dem ganzen Ärger sei allerdings nicht die Bank, sondern das von einer Frankfurter Software-Firma entwickelte Programmpaket. Die Software, die speziell auf die Anforderungen kleinerer Banken zugeschnitten ist, hatte Follmer 1991 »auf Empfehlung des Bankenverbandes« eingeführt.

»Das sündhaft teure Programm«, schimpft der Honorarkonsul, »war noch nicht richtig ausgereift.« Daß dadurch auch die Zinsen der Kunden falsch berechnet wurden, hält er allerdings für »ganz und gar unwahrscheinlich«. Nur in einem Fall sei ein »Verdacht aufgekommen, der sich aber nicht bestätigt hat«.

Als Problem erwies sich auch das schnelle Wachstum der Bank. Immerhin steigerte Follmer die Bilanzsumme in den vergangenen zehn Jahren von 102 Millionen auf 5,3 Milliarden Mark. Statt einer Schalterhalle betreibt die Löbbecke-Bank nun sieben Filialen in sechs Städten.

Mit den immer komplexer werdenden Anforderungen, meint Follmer, hätten die Software-Ingenieure in Frankfurt kaum mithalten können. Inzwischen seien allerdings alle Probleme beseitigt. »Jetzt könnten wir jede Prüfung bestehen«, sagt Follmer.

Doch die Software, mit der die Berliner solche Schwierigkeiten hatten, wird nicht nur bei Löbbecke eingesetzt. »Mindestens 50 andere Banken in Deutschland«, weiß Follmer, »verwenden das gleiche Programm, und die sind bei der Fehlersuche noch längst nicht so weit wie wir.« Y

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