Suezkanal fordert 916 Millionen Dollar »Ever Given«-Eigner legen Bergungskosten auf ihre Frachtkunden um

Mehr als 900 Millionen Dollar verlangt die Suezkanal-Behörde von den Eigentümern der »Ever Given«. Nun sollen sich die Inhaber der transportierten Waren an der Schadensersatzzahlung beteiligen – darunter deutsche Händler.
Beschlagnahmt: Die »Ever Given«, hier kurz nach ihrer Bergung am 29. März

Beschlagnahmt: Die »Ever Given«, hier kurz nach ihrer Bergung am 29. März

Foto: Sayed Hassan / dpa

Am Anfang ahnte Sebastian Maaß nichts Böses: Ende März, als sich dieser monströse Containerfrachter im Suezkanal quer stellte, den Verkehr durch die wichtigste Wasserstraße von Asien nach Europa tagelang blockierte und »Ever Given«-Memes die sozialen Netzwerke überschwemmten.

Damals wusste der Chef des Tübinger Onlinehandelshauses Ares noch nicht, dass seine 135 Kartons aus China voller Objektivdeckel, Kamerataschen und anderem Fotozubehör ausgerechnet auf der »Ever Given« nach Europa transportiert werden sollten. Ihm schwante nicht, dass er monate- oder jahrelang nicht an seine Ware kommen würde. Und er kam nicht auf den Gedanken, dass er obendrauf auch noch Tausende Euro für die Havarie bezahlen müsste.

Doch genau das dräut ihm nun.

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Die Hiobsbotschaft bekam Maaß am 9. April. »Die ›Ever Given‹ wird [...] von den ägyptischen Kanalbehörden festgehalten, bis die angefallene Auslösesumme von der Reederei bezahlt wird«, schrieb sein Frachtdienstleister Rhenus Logistik. »Als Reaktion hierauf hat die Reederei eine Havarie-grosse angemeldet.«

Und das bedeutet: Es wird teuer, für Maaß und alle anderen Händler, die Ware auf dem Unglücksfrachter mit seinen rund 18.000 Containern haben. Denn Ägyptens Suezkanal-Behörde fordert 916 Millionen Dollar Schadens- und Kostenersatz.

Die »Havarie-grosse« oder »Große Haverei« ist ein jahrtausendealtes Verfahren, um Schäden in der Seefahrt zu regeln. Erklären Schiffseigner in außergewöhnlichen Situationen diesen Fall, müssen sich die Eigentümer der Ladung an den Rettungskosten und weiteren entstandene Schäden beteiligen – entsprechend dem Wert ihrer beförderten Güter.

Teure Rettung: Die Suezkanal-Behörde fordert nun 916 Millionen Dollar, unter anderem wegen Rufschädigung

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Foto: - / dpa

Die von den japanischen »Ever Given«-Eignern beauftragte Londoner Anwaltskanzlei Richard Hogg Lindley hat die Betroffenen bereits aufgefordert, zu erklären, dass sie sich an einer Sicherheitsleistung beteiligen. Dies geht aus einem Schreiben hervor, das dem SPIEGEL vorliegt.

Die Kanzlei bestätigte auf Anfrage die Authentizität des Schreibens. Wenn Betroffene wie Maaß nicht ihr Einverständnis erklären, sehen sie ihre Ware womöglich nie wieder.

»Normalweise kommt man nicht raus aus der Nummer.«

Henning Jessen, World Maritime University

Juristisch können sie kaum dagegen vorgehen. »In der Regel ist die ›Havarie-grosse‹ Bestandteil der Frachtbedingungen«, sagt der Seerechtsexperte Henning Jessen von der World Maritime University in Malmö.

Diesen Schadensumverteilungsmechanismus gebe es schon seit der Antike, als Kapitäne von Frachtschiffen etwa in Stürmen Ladung über Bord werfen mussten. »Normalerweise kommt man nicht raus aus der Nummer«, sagt Jessen. »Die Ladungsversicherer müssen sich an den Schadenkosten beteiligen.«

Rund 18.000 Container sollen sich auf dem Schiff befinden. Die Eigentümer der Ware werden jetzt zur Kasse gebeten.

Rund 18.000 Container sollen sich auf dem Schiff befinden. Die Eigentümer der Ware werden jetzt zur Kasse gebeten.

Foto: REUTERS TV / REUTERS

Oder die Importeure selbst, falls sie keine solche Versicherung abgeschlossen haben – so wie auch Andrea Woyteczek, Chefin des Münchner Handelshauses Umoi.de. Sie hat einen Container voller Fitness- und Puzzlespielzeugmatten auf der »Ever Given«, Einkaufswert 20.000 Dollar. Und weil sich die Frachtkosten in den vergangenen Monaten verdreifacht hatten, hatte sie diesmal keine Versicherung abgeschlossen.

Das ärgert sie jetzt, aber es hätte noch schlimmer kommen können. Manchmal hat sie auch Ware im Wert von 100.000 Dollar auf einem Schiff.

Existenzbedrohend könne eine solche Havarie werden, warnt der Onlinehandelsexperte Mark Steier: besonders für kleinere Händler, die oft einen großen Teil ihres Kapitals in eine Ladung investiert haben. »Wer auf die Transportversicherung verzichtet, spart am falschen Ende. Jeder Händler muss seine Prozesse auf alle Risiken hin abchecken«, sagt Steier. Gerade jetzt, da der boomende globale Containerschiffsverkehr an die Grenzen seiner Kapazitäten gelange, sei das Risiko von Zwischenfällen groß.

Der Chef des Logistikhauses Mega-Log, Michael Meyer, rät dazu, genau hinzuschauen. »Man sollte die Versicherungsbedingungen gut durchlesen«, sagt er, »denn nicht zwangsläufig sind in allen angebotenen Transportversicherungen solche Schäden immer abgedeckt.«

Sebastian Maaß und Andrea Woyteczeks Geschäftspartner haben beide die von der Londoner Anwaltskanzlei verlangte Erklärung unterschrieben. Sie werden wohl bald die Sicherheitsleistung zahlen müssen. Zwar soll am 4. Mai im ägyptischen Ismailia das Berufungsverfahren der »Ever Given«-Eigner gegen die Beschlagnahmung des Schiffes starten. Aber warum sollten sich ägyptische Richter gegen die nationale Suezkanal-Behörde stellen?

»Das Verfahren kann sich bis zu zwei Jahre hinziehen«

Solange der Frachter in ihrem Gewahrsam ist, hat die Suezkanal-Behörde die bessere Verhandlungsposition. Die japanischen Eigner werden für die Freilassung daher deutlich mehr bieten müssen als die bislang kolportierten 100 Millionen Dollar. Je mehr sie offerieren, desto teurer wird es für die Frachtkunden. Und es wird dauern. »Ich habe jetzt gehört: Das Verfahren kann sich bis zu zwei Jahre hinziehen«, sagt Andrea Woyteczek.

Sebastian Maaß kann nicht bis zur Einigung warten. Er hat jetzt in China nachbestellt: exakt dieselbe Menge Fotozubehör, die auf der »Ever Given« gefangen ist. Aber diese Ersatzcharge lässt er sich erstmals per Eisenbahn schicken. Das gehe etwas schneller, erzählt er. Und: »Vom Schiffstransport habe ich gerade die Schnauze voll.«

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