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MOBILFUNK Tabu = Tausend Bussis

Ob Liebesschwüre oder Werbebotschaften: Kein Volk verschickt so viele SMS wie die Deutschen. Für die Telefonkonzerne sind die Kurznachrichten zu einem einträglichen Geschäft geworden.
Von Frank Hornig und Klaus-Peter Kerbusk
aus DER SPIEGEL 5/2002

Tagelang kannten die Medien nur ein Thema. »Telefon-Skandal« oder die »Telefon-Wut« hießen die Schlagzeilen. »Bild« startete sogar eine Postkartenaktion, in der sich die Leser »mit Empörung« an den »sehr geehrten Herrn Dr. Sommer« wenden sollten. »Runter mit den Gebühren!« lautete die Forderung.

Eilig hängten sich Politiker an die Protestwelle an: Als »phantasielos, verwirrend und familienfeindlich« kanzelte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber die Telekom ab. »Schlimmer«, befand sein rheinland-pfälzischer Amtskollege Kurt Beck (SPD), »konnte man die Kiste nicht gegen die Wand fahren.«

Das war im Januar 1996, kurz nach dem Amtsantritt von Ron Sommer. Damals erlebte der Telekom-Chef bei der Einführung der neuen Telefontarife sein bisher größtes Debakel. Telekom-Mitarbeiter wurden angepöbelt, und das vermeintliche »Wunderkind« ("Business Week") mutierte zum Watschenmann.

Vergangene Woche braute sich neues Ungemach über Sommer zusammen - diesmal wegen der Gebühren bei der Handytochter T-Mobile. Wieder forderten Boulevardblätter: »Schluss mit Schockpreisen«. Wieder waren sich die Politiker aller Couleur einig im Sommer-Bashing.

»Die Telekom«, schimpfte die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer, »gebärdet sich wie ein Drogendealer, der seine Kunden erst anfüttert, um sie dann abzuzocken.« Auch Verbraucherministerin Renate Künast gab sich empört und drohte mit »gesetzlichen Regelungen gegen Marktmissbrauch«.

Den Anlass für das absurde Polit-Theater gaben die Preise für eine Kommunikationsform, die besonders bei Jugendlichen hoch im Kurs steht: der Short Message Service, kurz SMS.

Millionenfach zischen die elektronischen Liebesgrüße und Terminabsprachen, Witze und Befindlichkeitsbulletins ("Wie geht es Dir?« - »Mir geht es gut") durch den Äther. Und weil die Funktelegramme, eingetippt über die Handytastatur, auf maxi-

mal 160 Zeichen verkürzt werden müssen, sind sie gespickt mit eigenartigen Kürzeln wie »cu« (Tschüs), »Hase« (Habe Sehnsucht) oder »Tabu« (Tausend Bussis).

Gut 22 Milliarden Kurznachrichten, die sich mit einem speziellen Signal ankündigen, liefen im vergangenen Jahr durch die Netze der deutschen Mobilfunkanbieter - mehr als in jedem anderen Land der Welt. Allein an Weihnachten und Silvester verschickten die Deutschen jeweils rund 100 Millionen Kurznachrichten.

Das Phänomen hat inzwischen fast die ganze Welt erfasst. Nur in den USA, wo ein Großteil der Nutzer noch mit veralteten Analoggeräten telefoniert, ist die SMS-Manie wenig verbreitet. Ständig müssen die Marktforscher ihre Prognosen nach oben korrigieren. Neueste Schätzungen gehen für 2001 von einem globalen Volumen von 250 Milliarden Kurznachrichten aus.

Zehn Jahre nach dem Versand der ersten SMS hat sich die Kurznachricht per Telefon zu einem stattlichen Nebeneinkommen der Netzbetreiber entwickelt. Und das fast ohne deren Zutun, denn SMS war in keinem Business-Plan vorgesehen. Rund 15 Prozent aller Einnahmen erzielen die Handyfirmen bereits mit dem Versand von Textbotschaften - und ihr Anteil am Gewinn ist noch deutlich höher. Intern berechnen die Konzerne ihre Kosten für eine SMS nämlich nur mit fünf bis sechs Cent, während die Kunden 15 bis 20 Cent bezahlen müssen.

Trotz hoher Preise haben die Kurznachrichten die Kommunikation weltweit verändert - nicht nur die der Jugendlichen. Dichter und Autoren, von Durs Grünbein bis Else Buschheuer, haben den SMS-Stil sogar für die Literatur entdeckt. Buschheuer-Beispiel: »Sehe Sterne. Rieche faule Backenzähne«.

»Fast alle Kunden nutzen SMS«, glaubt deshalb E-Plus-Manager Wilko van der Meer. Im Schnitt, so schätzen Experten, erhält inzwischen jeder der gut 50 Millionen Handynutzer in Deutschland 30 SMS pro Monat - und nicht wenige schaffen das Durchschnittspensum sogar an einem Tag.

Oft endet die Dauerkommunikation erst, wenn das im Voraus bezahlte Guthaben der Prepaid-Karte, die in den Handys der meisten Kids steckt, leer ist. Bei Jugendlichen, die einen Vertrag abgeschlossen haben und erst am Monatsende die Rechnung bekommen, sorgt das Handy bisweilen aber auch für größere Probleme. »Fast jeder junge Erwachsene, der zu uns kommt, hat Schulden aus Mobilfunkverträgen«, berichtet etwa Bettina Heine von der Berliner Schuldnerberatung.

Die Telekom bestreitet solche Probleme. Nur bei 143 unter Millionen jugendlicher Vertragskunden, so T-Mobile-Sprecher Stephan Althoff, habe die Firma ein Inkasso-Büro einschalten müssen, um offen stehende Rechnungen einzutreiben.

Noch stellen private Botschaften den Löwenanteil der Kurznachrichten. Allmählich gewinnen aber kommerzielle Angebote immer mehr an Gewicht. Allein mit dem Versand individueller Klingeltöne, die ebenfalls als SMS verschickt werden, machte die Branche im vergangenen Jahr rund 50 Millionen Euro Umsatz.

Kräftige Zuwachsraten verzeichnen auch Werbebotschaften und News-Abonnements, bei denen der Kunde stets die neuesten Nachrichten, Wetterberichte oder Stauinfos erhält. Neben solchen Massendiensten experimentieren Firmen mit so kuriosen Angeboten wie der Single-Kontaktbörse oder der Soap per SMS.

Selbst Dienste für besondere Zielgruppen fehlen nicht. So verschickt die Internet-Firma Zappybaby »Schwangerschafts-SMS«. Dazu gibt die Kundin zunächst die Dauer ihres Monatszyklus an und wird dann per SMS benachrichtigt, wenn die fruchtbaren Tage beginnen. Auch für Frauen, die nicht schwanger werden wollen, ist gesorgt. Sie können sich von der Berliner Firma Yoc täglich an die Einnahme der Pille erinnern lassen.

Für mehr Aufsehen sorgte jedoch eine andere Yoc-Aktion. Per SMS konnten Handynutzer entscheiden, ob ein nagelneuer Porsche von einem Kran in die Tiefe stürzen oder verlost werden sollte. 78 000 tippten ihr Votum ins Netz: 53 Prozent stimmten für den Crash des Luxusflitzers.

So viel Anteilnahme macht auch den Werbeagenturen Mut, ihre Botschaften aufs Handy zu bringen. Umfragen nach Testläufen von Nestlé und Procter & Gamble brachten erstaunlich hohe Erinnerungswerte.

Nicht nur seriöse Firmen setzen auf SMS. Zunehmend erhalten die Handynutzer auch dubiose Angebote für Horoskope, Hotelgutscheine oder Telefonsex. Die Empfänger sollen eine der teuren 0190er-Nummern anrufen. Und viele fallen darauf rein. »Bei einer großvolumigen Aktion mit einer Million SMS«, schätzt Frank Stöcker von der Technologiefirma Brodos, könnten »dubiose Anbieter bis zu 175 000 Mark verdienen«.

Doch die Zeiten für das schnelle Geld sind schlechter geworden. Denn Ende vergangenen Jahres haben die Netzbetreiber die SMS-Preise für Großabnehmer drastisch erhöht. Zwar mussten daraufhin viele Internet-Firmen, die einen kostenlosen SMS-Versand vom PC aufs Handy ermöglichten, ihr Angebot einstellen. Doch der Zorn der Kunden hielt sich in Grenzen.

Umso überraschender für die Branche kam nun die Aufregung über die angebliche »SMS-Abzocke« ("Bild") der Telekom. Denn die neuen Tarife hatte T-Mobile bereits am 10. Januar bekannt gegeben. Damals schlug das Thema kaum Wellen. »Neuer Handy-Preiskampf bahnt sich an«, bemerkte etwa die »Welt«, denn bei den meisten Tarifen hatte die Telekom-Tochter die Preise gesenkt.

Gleichzeitig sollte der Gebührenwirrwarr bei den SMS-Tarifen beseitigt und auf 19 Cent pro Kurznachricht vereinheitlicht werden. »70 Prozent der Kunden«, versichert T-Mobile-Chef René Obermann, »würden davon profitieren.« Nur bei einigen Tarifen, die wegen ihrer relativ hohen Grundgebühr vor allem von Geschäftsleuten gewählt werden, ergab sich eine drastische Erhöhung um 140 Prozent. Und die löste dann, stöhnt Obermann, den »Sturm im Wasserglas« aus.

Anders als vor sechs Jahren wollte Sommer sich diesmal nicht als Watschenmann hergeben. Unmissverständlich machte er deshalb bei der Vorstandssitzung am Montag vergangener Woche seine Meinung über die »kurzsichtige Taktik« der Marketingstrategen deutlich und forderte Mobilfunk-Vorstand Kai-Uwe Ricke auf: »Wir müssen die Wutwelle sofort stoppen.«

Erst nach langer Diskussion wurde die Zauberformel gefunden: »Wir führen die neuen Tarife ein, aber die alten bleiben weiterhin gültig«, verkündete Sommer.

Nur bei der Konkurrenz löste der vermeintliche Rückzieher Kopfschütteln aus. »Mir ist schleierhaft«, meint ein Vodafone-Manager, »warum sich Sommer so leicht dem Druck der Politik beugt.«

Dabei ist der Grund für den Schmusekurs klar. Noch im Laufe des Jahres will Sommer den Telekom-Ableger an die Börse bringen, um endlich die gewaltige Schuldenlast des Konzerns verringern zu können - Affären stören da nur.

FRANK HORNIG, KLAUS-PETER KERBUSK

* Mit NRW-Bauminister Michael Vesper.

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