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BENZIN Täter eingekreist

Ein Benzin-Test des ADAC offenbart. Mißstände an bundesdeutschen Tankstellen. Mit verschärften Kontrollen an den Zapfsäulen wollen Bund und Länder Panschern das Handwerk legen.
aus DER SPIEGEL 17/1976

Wenige Tage, bevor die Deutschen über die Autobahnen in den Osterurlaub aufbrechen. schockte »Bild« seine Leser mit der Frage: »Haben eine Million Autofahrer den Tod im Tank?«

Minderwertiges oder gepanschtes Benzin, so das Springer-Blatt, ruiniere die Motoren. Das »Killer-Benzin« werde an den Billig-Zapfsäulen eingefüllt. »Bei jeder zweiten Freien geht es«, laut »Bild«, »nicht mehr mit rechten Dingen zu.«

Die Schreckensnachricht kam vom ADAC. Gemeinsam mit dem Volkswagenwerk hatte der Auto-Klub im März an Tankstellen im ganzen Bundesgebiet Testproben gezapft. Ergebnis: Während die Prüfer Normalbenzin nicht beanstandeten, schnitten bei Super nur die großen Konzerne gut ab.

Doch die nicht konzernabhängigen Benzinverkäufer wollen den Verdacht der Panscherei nicht auf sich sitzenlassen. Sie vermuten eine neue Kampagne im Dauerkrieg der großen Markenfirmen gegen die billigere Konkurrenz der Freien. Schon unmittelbar nach der ersten Veröffentlichung hatten die Preisbrecher einen Rückgang ihrer Umsätze -teilweise bis zu 50 Prozent -- hinnehmen müssen.

In einem Fernschreiben beschwerte sich der Vorsitzende des Bundesverbandes freier Tankstellen (BfT), Rolf A. Tillmann' bei Bundesinnenminister Werner Maihofer über die »geschäftsschädigende und objektiv nicht haltbare Verallgemeinerung« in dem Test und bat um einen Termin mit allen Beteiligten.

Der Innenminister reagierte prompt und lud Vertreter des Bundesverbandes, des ADAC und des Volkswagenwerkes für Dienstag nach Bonn -- aus gutem Grund: Seit Anfang des Jahres ist ein in seinem Hause entworfenes Gesetz in Kraft, das die Autofahrer vor minderwertigem Benzin schützen soll.

Jede Tankstelle, so sieht die Novelle zum Benzin-Bleigesetz vor, muß an ihren Zapfsäulen durch eine Plakette mit der Aufschrift Din 51600 anzeigen, daß ihr Treibstoff eine Mindestqualität hat. Bringt ein Tankstellen-Halter eine Din-Plakette an, verkauft aber schlechtes Benzin, muß er nicht nur mit einem Bußgeld rechnen, sondern auch mit Betrugs-Verfahren und Schadenersatz-Klage.

Bei den Gesprächen im Innen-Ressort stellten sich rasch Zweifel an den »Bild«-Folgerungen aus der ADAC-Untersuchung ein. Die Tester ließen je 100 Proben von Normal- und Superbenzin einsammeln. Im VW-Werk aber konnten nur 83 davon chemisch analysiert werden, 39 Proben von Markenbenzin, 23 aus Supermärkten und 21 von anderen freien Tankstellen. 17 Proben waren für die Analyse nicht brauchbar.

Beim Super-Test erhielten die großen Konzerne die besten Noten. Nur in ein bis zwei Fällen gab es Zweifel an der Qualität. Auch die Stichproben von BfT-Tankstellen, die ein T im Schild führen und orangefarben ausgestattet sind, waren nicht so schlecht, wie »Bild«-Leser glauben mußten. Zwar verkaufte einer der Händler Benzin, das die vorgeschriebene Motor-Oktan-Zahl von 88 nicht erreichte, der Treibstoff lag jedoch mit 87,2 Motor-Oktan noch innerhalb der Toleranzgrenze. Ein zweiter hatte zwar Methanol zugesetzt, das vor allem als Starthilfe für Flugzeugmotoren verwandt wird, dafür aber seine Tankstelle, juristisch korrekt, nicht mit der Din-Plakette gekennzeichnet.

Schlecht schnitten vornehmlich Supermärkte und Cash-and-Carry-Läden ab, aber auch andere, nicht dem BfT angehörende Freie. Mehr als die Hälfte von ihnen führte kein einwandfreies Benzin. Entweder hatte der Kraftstoff nicht die erforderliche Motor-Oktan-Zahl, oder aber er enthielt Methanol. Bisweilen war Super ohne Hinweis mit Normal-Benzin gelängt oder Normal als Super etikettiert.

Als die Maihofer-Experten jedoch vom ADAC eine Liste der Sünder erbaten, verweigerten die Tester die gewünschte Auskunft. Immerhin sind die größten Übeltäter eingekreist. Der Verdacht richtet sich gegen vier besonders auf Supermärkte und Cash-and-Carry-Läden spezialisierte Großhandels-Firmen, die zum Teil auch über eine Kette eigener Tankstellen verfügen.

Einer von ihnen, ein bedeutender Großhändler mit einem Netz eigener Tankstellen, betreibt seine Firma im Ruhrgebiet. Ein zweiter, ebenfalls in Nordrhein-Westfalen, bedient auch freie Tankstellen, vorwiegend rheinaufwärts bis nach Süddeutschland.

Die beiden weiteren verdächtigen Pansch-Zentren: der Raum Hamburg/ Kiel, wo insbesondere Cash-and-Carry-Läden beliefert werden, und im Fränkischen.

Maihofers Beamte hoffen, auch ohne ADAC-Hilfe den Mißbrauch bald abstellen zu können. In einem Brief hat der Innenminister alle Ressort-Kollegen der Länder aufgefordert, durch gezielte amtliche Stichproben alle Tankstellen zu überwachen.

Liegen die Ergebnisse vor, versprechen sich die Bonner die größte Wirkung von der Bekanntgabe aller Tankstellen, die sich nicht an das Gesetz halten. »Dann«, so ein Fachmann aus dem Innenministerium, »ist der ganze Spuk bald zu Ende.«

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