Takafumi Horie Der Mann, der Tokios Börse blamierte

Heute stürzte Tokios Börse ab, erstmals in der Geschichte wurde der Handel vorzeitig beendet. Und alles wegen eines 33-jährigen Internet-Unternehmers, der Japans Geschäftswelt mit seinen schillernden Auftritten verschreckte. Wer ist der Mann, der Anleger in aller Welt zum Zittern brachte?


Hamburg - Zuletzt verlor Takafumi Horie buchstäblich die Bodenhaftung. Ausflüge ins All wolle er anbieten, verkündete Japans prominentester Jungunternehmer 2005 beim 56. International Astronautical Congress in Fukuoka. Binnen fünf Jahren, so der 33-Jährige, wolle er dafür sorgen, dass Weltraumtouristen zu mehrtägigen Trips in die Erdumlaufbahn aufbrechen.

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Star-Unternehmer: Aufstieg und Absturz von Takafumi Horie

Heute, knapp ein halbes Jahr später, ist Horie von der Umsetzung seiner hochfliegenden Pläne etwa so weit entfernt wie die Sonne vom nächsten Stern. Das pausbäckige Enfant terrible der japanischen Wirtschaft ist ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Von Kursmanipulation und Bilanzfälschung bei Hories Internetkonzern Livedoor ist die Rede.

Die Nachrichten über nächtliche Hausdurchsuchungen bei Livedoor und in Hories Privatwohnung lösten in den vergangenen Tagen ein Beben an der Tokioter Börse aus. Nachdem der Nikkei-Index bereits gestern Verluste verbuchte, schloss das Börsenbarometer auch heute mit einem Minus von 2,9 Prozent. Die Verantwortlichen auf dem Parkett verkürzten sogar die Sitzung um 20 Minuten. Als Grund wurde das außergewöhnlich hohe Handelsvolumen genannt.

Idol der Jugend

Für Horie wird es nun eng. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, drohen ihm Presseberichten zufolge bis zu fünf Jahren Gefängnis. Nippons Jugend würde ein Idol verlieren - und das stockkonservative Establishment der Japan AG seinen renitentesten Widersacher. Denn wie kein Zweiter polarisierte Horie mit seinem aggressiven Geschäftsgebaren in dem auf Konsens bedachten Land.

Horie scherte bereits aus, als er noch an Tokios Elite-Uni Todai immatrikuliert war. Das Literatur- und Religionsstudium brach er ab, um eine Online-Bude namens Livin' on the Egde zu gründen. Später schluckte er das malade Internetunternehmen Livedoor und baute die Firma zu einem der führenden IT-Konzerne Japans aus. Seit 2000 hat der Uni-Abbrecher nicht weniger als 20 Unternehmen gekauft. Heute verdient Livedoor sein Geld unter anderem mit Web-Aktivitäten, DVD-Verleih, Internet-Auktionen und Beratungsdiensten.

Horie scheffelte dabei Millionen und legte sich all jene Statussymbole zu, die man so als Star-Entrepreneur braucht: Ferrari, Privatjet, Luxuswohnung. Seine erste Ehe wurde geschieden, seither lebt er mit einem Model zusammen. Zudem rebelliert Horie gegen die steifen Ordensregeln der japanischen Geschäftswelt. Auf den obligatorischen Business-Anzug verzichtet er zugunsten von T-Shirt und Baumwollhose. Mit seinem offen zur Schau getragen Individualismus avancierte Horie schnell zu Liebling der Jugend. "Horiemon" nennen ihn seine Fans, nach den in Japan sehr beliebten Pokemon-Comicfiguren.

"Nutzlose Predigten alter Leute"

Sein Ruf als Online-Punk reichte Horie indes nicht. Er rüttelte an den Grundfesten des japanischen Selbstverständnisses. Mit Büchern wie "Wer Geld verdient, gewinnt" attackierte er das allgegenwärtige Kollektivdenken. Nicht weniger provokativ fielen seine Äußerungen zum Respekt vor dem Alter aus. "Das Nutzloseste sind Predigten alter Leute", verkündete er. In konservativen Zirkeln macht sich der neureiche Internetunternehmer mit solchen Aussagen wenig Freunde.

Zum offenen Krieg mit den Altvorderen kam es, als Horie im vergangenen Jahr versuchte Fuji TV zu übernehmen, den wichtigsten Privatsender des Landes. Sein Ziel: den größten Medienkonzern der Welt schmieden. In einer Blitzaktion hatte er sich im nachbörslichen Handel die Mehrheit am Radiobetreiber NBS gesichert, der wiederum große Anteile an Fuji hielt. Horie wurde damit einmal mehr seinem Ruf gerecht, rechtliche Lücken gnadenlos auszunutzen. Prompt entbrannte in Japan eine wilde Debatte über nachbörsliche Aktienkäufe.

Am Ende konnte sich Horie zwar nicht durchsetzen. Die Streitparteien einigten sich auf einen Kompromiss, der unter anderem vorsah, dass sich Fuji an Livedoor beteiligt. Dennoch hatte sich Horie einmal mehr brillant in Szene gesetzt und verbuchte die Übernahmeschlacht als PR-Erfolg.

Koizumis Attentäter

Ähnlich verlief sein Ausflug in die Politik. Im Auftrag von Japans Premierminister Junichiro Koizumi sollte er als parteiloser Kandidat, als einer der sogenannten "Attentäter", bei der Unterhauswahl im vergangenen Jahr dem Altpolitiker Shizuka Kamei den Wahlkreis abnehmen. Kamei hatte zuvor in Koizumis Partei den Widerstand gegen die geplante Privatisierung der Post organisiert. Zwar unterlag Horie gegen den 68-Jährigen, dennoch förderten die Wahlkampfauftritte seinen Rebellenruf.

Hories Gegner müssen am Ende der Verzweiflung nahe gewesen sein. Jede vermeintliche Schlappe münzte der Jungunternehmer in einen Sieg um. Umso größer dürfte die Freude über den aktuellen Skandal sein. Die alte Garde wittert das Ende der Erfolgsstory. "Das Establishment schlägt nun zurück", meinte dann auch ein westlicher Diplomat in Tokio nach den nächtlichen Hausdurchsuchungen.

Sollten sich die Vorwürfe gegen Horie bestätigen, steht neben seinen Weltraumreisen wohl ein weiteres Projekt vor dem Aus. So wollte der Millionär demnächst eine CD mit selbst gesungenen Liedern über seine Karriere auf den Markt bringen. Auf dem Tonträger wollte er unter anderem den Song "Hero" zum Besten geben. Glaubt man der japanischen Presse, ist die CD-Veröffentlichung angesichts der laufenden Ermittlungen in Gefahr.

Jörn Sucher



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