Tamoxifen Wichtiges Brustkrebsmedikament nicht lieferbar

Bis zu 130.000 Frauen und Männer in Deutschland könnten betroffen sein: Das Mittel Tamoxifen zur Behandlung von Brustkrebs wird offenbar kaum noch produziert – aus Preisgründen.
Mammografie bei einer Frau in Leipzig

Mammografie bei einer Frau in Leipzig

Foto: BSIP / Universal Images Group via Getty Images

Die Versorgungslage mit einem wichtigen Arzneimittel zur Behandlung von Brustkrebs spitzt sich zu. Bereits seit vergangenem Jahr ist der mittlerweile patentfreie Wirkstoff Tamoxifen nur eingeschränkt in bestimmten Dosierungen lieferbar.

Nun warnt auch der Lobbyverband Pro Generika, dass ein »Versorgungsengpass bei Tamoxifen für die kommenden Monate« nicht ausgeschlossen werden könne. Geschätzt bekommen rund 120.000 bis 130.000 Patientinnen und Patienten pro Jahr in Deutschland Tamoxifen und sind somit potenziell vom Engpass betroffen.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) teilt gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften mit, dass seit Januar 2022 bei Tamoxifen-Präparaten mehrerer Firmen »nahezu vollumfänglich ein Lieferengpass« bestehe. Davon seien zum jetzigen Zeitpunkt rund 85 Prozent des Marktes betroffen.

Seit Oktober 2021 meldet der Anbieter Heumann Ausfälle wegen eines Produktionsproblems; vor gut zwei Wochen kam Hexal hinzu und meldete Schwierigkeiten bis Ende des Jahres. Am selben Tag folgte das Pharmaunternehmen Aliud mit einer Engpass-Meldung – die Firma ist eine Tochter des Bad Vilbeler Herstellers von Nachahmermedikamenten Stada.

Mehrere Ursachen

Der Hintergrund der Engpässe ist nicht vollständig geklärt. Eine mögliche Erklärung sei laut DGHO ein Anstieg der Verschreibungen seit dem ersten Quartal 2020 im zeitlichen Zusammenhang mit den Lockdown-Maßnahmen aufgrund der Covid-19-Pandemie in Kombination mit einer geringen Flexibilität in den Herstellungsprozessen.

Pro Generika sagt, dass einige Zulieferer für Tamoxifen die Produktion eingestellt hätten. Nun müssten Unternehmen nach Alternativen suchen, was jedoch »Monate bis Jahre« in Anspruch nehme. Es würden sich nur noch wenige Zulieferer an der Produktion von Tamoxifen-Präparaten beteiligen, weil dies unrentabel sei. Der Preis, den die Arzneimittelhersteller von den Krankenkassen für eine 100er-Packung Tamoxifen erhielten, liege laut Pro Generika bei 8,80 Euro.

»Zu diesem Preis ist eine wirtschaftliche Produktion ohne Verluste kaum mehr möglich und eine resiliente Lieferkette schon gar nicht«, sagt Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika. Er fordert bei lebenswichtigen Arzneimitteln, für deren Produktion es bloß noch eine Handvoll Unternehmen und Zulieferer gibt, Instrumente wie Preismoratorium, Festbeträge und Rabattverträge rechtzeitig auszusetzen, bis sich wieder mehr Unternehmen an der Versorgung beteiligten.

Auch beim Wirkstoff Epirubicin, der ebenfalls unter anderem bei der Therapie von Brustkrebs eingesetzt wird, gab es bereits Lieferengpässe. Diese wurden unter anderem damit begründet, dass eine Produktion an manchen Standorten nicht kostendeckend sei. Der deutsche Hersteller Aqvida sagte damals dem SPIEGEL, die Herstellungskosten für Epirubicin lägen bei mehr als 14 Euro für 50 Milligramm, allerdings würden nur etwas mehr als zwölf Euro von den Kassen bezahlt werden. Daher produziere man das Mittel nicht.

Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie verweist auf die Möglichkeit, Tamoxifen in einer anderen Dosierung zu geben und empfiehlt auch alternative Therapien. Allerdings wird betont, dass darunter mit einer »erhöhten Nebenwirkungs- und Abbruchrate« zu rechnen sei.

Das Fachblatt »Arzneimitteltelegramm« hält es für »unrealistisch«, nennenswerte Mengen Tamoxifen über Importe zu erhalten, da »auch in anderen Ländern von einer binnenmarktorientierten Bedarfsplanung auszugehen« sei.

Tamoxifen wurde zuerst im Jahr 1962 synthetisiert. Eingesetzt wird es unter anderem zur Behandlung von Brustdrüsenkrebs. Tamoxifen blockiert das Hormon Östrogen im Körper. Weil Krebszellen auch hormonabhängig sind und durch Östrogen stimuliert werden können, sprechen diese ebenfalls auf den Wirkstoff an.

Lieferengpässe gehören seit Jahren zum Alltag in der Medizin in Deutschland. Unter anderem sind globale Lieferketten dafür mitverantwortlich. Vor allem der wachsende Kostendruck, insbesondere bei patentfreien Generika, hat die Pharmaindustrie in die Abhängigkeit von Herstellern in Billiglohnländern getrieben.

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