Tarifeinigung Breites Lob für Metallkompromiss

"Ordentlich", "ausgewogenes Ergebnis", "Zeichen der Vernunft": Jubel löst der Pilot-Tarifabschluss in der Metallindustrie nicht aus. Zufrieden aber sind Ökonomen, Arbeitgeber - und auch IG-Metall-Chef Huber. Dabei muss er mit Unmut an der Basis rechnen.


Sindelfingen - "Es ist kein Ergebnis, das uns in Euphorie fallen lässt", räumte IG-Metall-Chef Berthold Huber bei der Vorstellung des Tarifvertrags ein. Angesichts der "historisch schwierigen Lage" im Zuge der Finanzmarktkrise sei es jedoch ordentlich. Huber scheint indes jedoch mit Kritik von Seiten der Basis zu rechnen: Rein vorsorglich zur Beschwichtigung betonte er seine Zweifel, ob mit einem Arbeitskampf mehr erreicht worden wäre.

IG-Metall-Chef Huber, Arbeitgeberchef Kannegiesser: 4,2 Prozent plus
DDP

IG-Metall-Chef Huber, Arbeitgeberchef Kannegiesser: 4,2 Prozent plus

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser sagte, mit dem Kompromiss hätten die Tarifparteien bewiesen, dass sie "auch in schwierigen Zeiten handlungsfähig sind". Er sprach von einem "ausgewogenen Ergebnis", das von Gesamtmetall einstimmig zur Übernahme empfohlen worden sei.

Arbeitgeber und IG Metall hatten mit der Einigung in letzter Minute Streiks in der wichtigsten deutschen Branche abgewendet. Nach einem fast 23-stündigen Verhandlungsmarathon vereinbarten beide Seiten am Mittwoch in Sindelfingen eine zweistufige Entgelterhöhung von insgesamt 4,2 Prozent, Einmalzahlungen sowie die Möglichkeit für Sonderregelungen in den Betrieben.

Streik in letzter Minute abgewendet

In der vergangenen Woche hatten sich 550.000 Beschäftigte an bundesweiten Warnstreiks beteiligt und den Druck auf die Arbeitgeber erhöht. Die IG Metall hatte ursprünglich acht Prozent mehr Geld gefordert, die Gegenseite bot 2,1 Prozent plus Einmalzahlungen. Mit der Einigung konnte der erste Streik in der deutschen Schlüsselindustrie seit sechs Jahren im letzten Moment noch abgewendet werden.

Teile des Tarifpakets können wirtschaftlich schwache Unternehmen mit Zustimmung des Betriebsrats flexibel gestalten. So soll der Beginn der zweiten Erhöhungsstufe unter bestimmten Bedingungen um bis zu sieben Monate verschoben werden können.

In der zurückliegenden Tarifrunde hatte die IG Metall 6,5 Prozent mehr Lohn gefordert und bei guter Konjunktur Erhöhungen in zwei Stufen um 4,1 und 1,7 Prozent durchgesetzt. Die Mitglieder hatten den Abschluss als zu niedrig kritisiert, weil wegen der Inflation nur wenig davon übrig blieb.

Schweißer an Stahlrohren: Einigung in letzter Minute
AP

Schweißer an Stahlrohren: Einigung in letzter Minute

Anders als bei den Tarifabschlüssen in den vergangenen Jahren waren die Beteiligten jedoch bemüht, die Ausgewogenheit des Abschlusses in den Mittelpunkt zu stellen. Keine Seite beanspruchte den "Sieg" für sich - ein Zeichen dafür, dass man überschäumende Emotionen auf jeden Fall vermeiden wollte.

Schöne und kritische Seiten

Für die Beschäftigten bringe der Abschluss nicht nur schöne, sondern auch "kritische" Seiten mit sich, sagte etwa Baden-Württembergs IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann. Es sei jedoch verhindert worden, dass die Mitarbeiter von der guten Unternehmensentwicklung 2008 "abgekoppelt" würden. Von einem "guten Tag" sprach auf der anderen Seite auch Südwestmetall-Chef Jan Stefan Roell. Den Tarifparteien sei es gelungen, einen "besonders schwierigen Konflikt" zu lösen, auch wenn man nicht von einem "moderaten" Abschluss sprechen könne. Beide Seiten seien an ihre Grenzen gegangen. Allerdings wollte Roell nicht ausschließen, dass es zu einem Arbeitsplatzabbau in der Branche als Folge der Lohnerhöhungen kommen könnte.

Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, bezeichnete die Einigung als ein "Zeichen der Vernunft". Der Tarifabschluss könne dazu beitragen, die Folgen der Finanzmarktkrise und der Konjunkturabschwächung zu begrenzen. Nach Ansicht des Hauptgeschäftsführers des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, Hannes Hesse, ist es den Arbeitgebern gelungen, "die IG Metall in einer extrem schwierigen Situation für eine Lösung zu gewinnen, die den Realitäten in der Branche einigermaßen gerecht wird".

Nach der Einigung signalisierten bereits mehrere Bezirke, in den jeweiligen kommenden Verhandlungsrunden eine Übernahme des Abschlusses zu erwirken. Der Bezirk Frankfurt teilte vor einer Sitzung der Tarifkommission mit, es sei "ein Ergebnis, das die IG Metall mit gutem Gewissen unterzeichnen kann". Bezirkschef Armin Schild sagte, er werde empfehlen, das Ergebnis für die rund 430.000 Beschäftigten der Branche in Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Thüringen möglichst schnell zu übertragen. Für Nordrhein-Westfalen kündigte die Gewerkschaft einen Tag vor der vierten Verhandlungsrunde an, dass die Übernahme des Ergebnisses für die rund 700.000 Beschäftigten im Land beraten werden soll.

Ökonomen begrüßen flexiblen Abschluss

Auch unabhängige Ökonomen schätzen den Abschluss überwiegend als vernünftig ein. "Die Flexibilisierung im Abschluss ist zu begrüßen, denn der Metall- und Elektroindustrie stehen schwere Zeiten ins Haus", sagte Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Er verwies auf die Automobilindustrie, die bereits unter der Konjunkturabkühlung leide. Der Maschinenbau werde die Folgen der Rezession mit Verspätung zu spüren bekommen.

"Das scheint mit ein relativ vernünftiger Abschluss zu sein", sagte Stefan Mütze, Volkswirt der Helaba. "Das ist ein eher moderater Abschluss", sagte Ralph Solveen von der Commerzbank mit Blick auf die einsetzende Rezession.

Die Einigung von Sindelfingen soll Modellcharakter für die anderen Tarifbezirke haben. Die Vorstände von Gesamtmetall und IG Metall empfahlen den Abschluss allen anderen Tarifbezirken zur Übernahme.

mik/Reuters/ddp/dpa



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