Tarifpolitik Fleischkonzerne machen Weg frei für Mindestlohn

Seit Jahren steht die Fleischbranche wegen schlechter Bezahlung und des massiven Einsatzes von Werkverträgen am Pranger. Damit soll jetzt Schluss sein: Die großen Fleischkonzerne wollen gemeinsam einen Mindestlohn durchsetzen.

Schlachterei: Weg frei für Mindestlohn in der Fleischbranche
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Schlachterei: Weg frei für Mindestlohn in der Fleischbranche


Bei einem Treffen heute Vormittag machten die vier großen Schlachtkonzerne von Schwein und Rind - Danish Crown, Tönnies, Westfleisch und Vion - den Weg frei für einen Mindestlohn. Die Vertreter der sogenannten Rotfleisch-Branche einigten sich darauf, gemeinsam mit den Geflügelzerlegern - der sogenannten Weißfleisch-Branche - eine Tarifgemeinschaft zu bilden und Verhandlungen mit der Gewerkschaft NGG über einen Mindestlohn aufzunehmen.

Zugleich wollen sie einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen schreiben und darum bitten, dass die Branche in das Arbeitnehmerentsendegesetz aufgenommen wird. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass der Mindestlohn dann für allgemeingültig erklärt werden kann und in allen Betrieben gilt - nicht nur für die eigentlichen Schlachtbetriebe, sondern auch für Werkvertragsunternehmen. Zudem wollen sich die Unternehmen auch auf einen Verhaltenskodex verpflichten, der die Arbeits- und Lebensbedingungen der ausländischen Arbeitnehmer regelt, wie etwa die Unterbringungsstandards.

Eingeknickt ist damit der größte Schlachtkonzern Deutschlands, die Tönnies-Gruppe. Deren Chef, Clemens Tonnies, hatte vor eineinhalb Wochen eine Eingiung mit den anderen drei großen Konzernen für einen tariflichen Mindestlohn unmittelbar vor der geplanten Verkündigung platzen lassen. Konzernchef Clemens Tönnies hatte dies damit begründet, dass er sich nicht mit der Gewerkschaft NGG an einen Tisch setzen wolle, weil die Gewerkschaft falsche Medienberichte über ihn und sein Unternehmen lanciert habe. Noch am vergangenen Freitag hatte Tönnies im SPIEGEL klar gestellt, dass er für den Mindestlohn eine brancheninterne Lösung ohne die NGG anstrebe. Hinter dieses Konzept hatte er bei der Sitzung am heutigen Dienstag auch die Konkurrenten bringen wollen, scheiterte aber. Stattdessen schloss er sich nun deren Linie an, die auf einen Ausgleich mit der Gewerkschaft zielt.

Arbeitsministerin begrüßt Einigung

"Die Bildung einer Tarifgemeinschaft der Fleischwirtschaft ist ein entscheidender Schritt in Richtung eines tariflichen Mindestlohns", sagt Arbeitsministerin von der Leyen. Dies sei ein Signal, dass die Mehrheit anständiger Arbeitgeber in der Fleischwirtschaft nicht länger hinnehmen wolle, dass eine Handvoll schwarzer Schafe die ganze Branche mit Dumping-Methoden unter Preisdruck setze und ihr ein Schmuddel-Image anhefte.

Seit Monaten begleitet das Arbeitsministerium einen Branchendialog von Vertretern der Unternehmen und der NGG. "Ich begrüße deshalb sehr, wenn jetzt Arbeitgeber und Gewerkschaften in Verhandlungen über einen Mindestlohntarifvertrag für die Fleischwirtschaft eintreten", sagt von der Leyen. Sie werde sich insbesondere dafür einsetzen, dass ein neuer Branchenmindestlohn nach dem Arbeitnehmerentsendegesetz für allgemeingültig erklärt werden kann. Allerdings kann erst der neugewählte Bundestag die Branche in das Arbeitnehmerentsendegesetz aufnehmen, weil dafür das entsprechende Gesetz vom Parlament geändert werden muss.

In Deutschland haben die fünf größten Unternehmen der Fleischindustrie einen Markanteil von etwa zwei Drittel im Bereich Schlachten und Zerlegen. Sie bewerkstelligen dies allerdings nur zu einem kleinen Teil mit eigenem Personal, das im Wesentlichen in den Bereichen Buchhaltung oder Logistik eingesetzt wird. Das Schlachten und Zerlegen übernehmen vor allem Arbeitnehmer von Subunternehmen. Viele der Arbeitskräfte kommen über Werkverträge aus Ungarn, Bulgarien, Rumänien und Polen.

Wie viele es tatsächlich sind, lässt sich nur schätzen. Von den etwa 23.000 Beschäftigten im Bereich Schlachten sollen im vergangenen Jahr rund 8000 aus dem Ausland gekommen sein.



insgesamt 18 Beiträge
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ichbinschlau 10.09.2013
1. Frage an SPON
Wie hoch soll denn nun der Mindestlohn sein?
urdemokrat 10.09.2013
2. Positiv !
Gut für die Arbeitnehmer. Auf das Ergebnis darf man allerdings gespannt sein, zumal dieses Vorhaben mit einem tariflich ausgehandelten Mindestlohn den Intentionen der Regierung entspricht. Auf den so ausgehandelten Mindestlohn darf man gespannt sein. Vermutlich nicht 8,50 €.
Questionator 10.09.2013
3.
Sieht jetzt arg nach Fracksausen und Wahlhilfe aus...
spon-facebook-10000655515 10.09.2013
4. mindestlohn
typisch.. wenn die firmen es einsehen ist "mindestlohn" eine "gute" sache. Und sonst streubt sich die CDU seid Jahren dagegen... hauptsache sie verlieren nicht ihre Förderungen... Ach .. ein echt erbärmlicher haufen ar*kri*er im Bundestag...
Mertrager 10.09.2013
5. Sicherer Weg
Dies ist ein zuverlässiger Weg, die kleineren Marktteilnehmer in der Branche zu beseitigen. Aber die Politik kst ja nun energisch bestrebt, die Zahl der Gewerbetreibenden auf wenige Konzerne zu reduzieren. Also ein logischer Schritt auf einem langen Weg in die Staatswirtschaft. - Wer das für übertrieben hält, sollte sich den jetzigen Staatsanteil an der Wirtschaft vor Augen führen. Wenn ich es mir richtig gemerkt habe, liegt er bei etwas über fünfzig (>50) Prozent.
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