Tata Nano Bauern stoppen das 1700-Euro-Auto aus Indien

Indiens erfolgsverwöhnter Industrie-Mogul Ratan Tata muss einen Rückschlag wegstecken: Nach tagelangen Protesten Zehntausender Landwirte und Aktivisten stoppt sein Konzern den Bau einer neuen Fabrik. Das billigste Auto der Welt, der Nano, kommt später als geplant auf den Markt.

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Hamburg - "Nein", sagt der Tata-Sprecher und seufzt, "nein, eine Markteinführung des Tata Nano im Oktober können wir nicht garantieren." Prompt überkommt ihn das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben, er hüstelt und schiebt hinterher: "Aber wir können auch nicht ausschließen, dass der Nano rechtzeitig in die Geschäfte kommt."

Er raschelt in einem Haufen Papier, bis er die gesuchte Presseerklärung in dem Stapel gefunden hat. Sicherheitshalber liest er die Antwort jetzt lieber ab. "In der aktuellen Situation erwägt die Firma, die Nano-Produktion in ein anderes der sechs Werke zu verlegen, und arbeitet einen detaillierten Plan aus, einen alternativen Ort für die Produktionsanlagen zu finden."

Die "jetzige Situation" ist ein herber Rückschlag für Tata, Indiens größten Autohersteller: Das Unternehmen hat den Bau seines nahezu fertigen Werks in Singur, im ostindischen Bundesstaat Westbengalen, gestoppt. Seit Monaten protestieren Bauern und linke Politiker gegen die Fabrik, in dem die Produktion des umgerechnet 1700 Euro kostenden Tata Nano am 1. Oktober beginnen sollte. Die Landwirte fühlen sich für ihre in Industriegebiet umgewandelten Äcker nicht ausreichend entschädigt. Es geht um 400 Hektar, mindestens 160 Hektar wollen die Bauern zurückhaben.

Den Frust der Landbevölkerung hat sich die linke Regionalpartei Trinamool Congress zunutze gemacht und zu Demonstrationen vor dem Werk aufgerufen. Vor zwei Jahren kamen die ersten Protestierenden. Mitte August ist die Gruppe der wütenden Bauern auf mehrere Tausend angewachsen. Am vergangenen Samstag räumte Tata erstmals ein, dass die Arbeit auf der Baustelle in Singur ruhe.

"Wir müssen zunächst die Lage prüfen", sagt der Sprecher und verweist auf Berichte, wonach Demonstranten das Werksgelände umstellt und Tata-Mitarbeiter verprügelt hätten. "Wir hoffen, dass sich die Lage bald klärt und wir weiterarbeiten können."

Das Thema regt ganz Indien auf, obwohl es dort häufiger Streitereien um Landenteignungen und neue Industriestandorte gibt. Aber diesmal geht es um mehr als eine Fabrik, mehr als nur um ein kleines Auto: Es geht um ein nationales Prestigeprojekt. Der Nano ist das erste indische Produkt, das, als es im Januar dieses Jahres auf der Delhi Motor Show vorgestellt wurde, es weltweit auf die Titelseiten aller großen Zeitungen schaffte. Seither ist Tata über Indien hinaus ein bekannter Konzern, der drei Monate später noch durch den Kauf von Land Rover und Jaguar für Aufsehen sorgte.

Der Tata Nano - Symbol für Indiens Aufstieg

Doch Tata ist viel mehr als ein Autoproduzent. Der Mischkonzern nennt den britischen Tetley-Konzern, das zweitgrößte Tee-Imperium der Welt, sein Eigen. Tata ist ein Stahlgigant, der Konkurrenten erfolgreich übernimmt, betreibt außerdem Luxushotels und Telekommunikationsnetze, baut Flughäfen und Kraftwerke und spielt auch in der indischen IT-Branche mit. In Indien verehren die Menschen Ratan Tata, den 70-jährigen Firmenpatriarchen und Industriellen mit Architekturdiplom aus New York, als einen Nationalheiligen.

Tata ist eine Erfolgsgeschichte, und der Nano soll, wie einst der VW-Käfer in Deutschland, das indische Wirtschaftswunder symbolisieren.

Ausgerechnet jetzt, einen Monat vor Produktionsbeginn, wankt dieses Symbol des Aufstiegs. Seit dem 24. August, heißt es in der Tata-Zentrale in Mumbai (Bombay), würden sich angesichts der bedrohlichen Stimmung in Singur immer weniger Mitarbeiter zur Arbeit trauen. Ratan Tata drohte vergangene Woche, sollten die Proteste andauern und eine Produktion in Westbengalen nicht möglich sein, werde er die Investition von 350 Millionen Dollar in das Werk in Singur abschreiben und einen neuen Standort suchen - was später als "alternativer Ort für die Produktionsanlagen" in die Pressemitteilung Eingang fand. "Ich kann meinen Managern und Mitarbeitern nicht zumuten, an einem Ort zu arbeiten, an dem sie Gefahr laufen, geschlagen zu werden", sagte Tata.

Prompt lud ihn der Regierungschef des Bundesstaats Maharashtra ein, doch in der westindischen Industriestadt Pune, nahe Mumbai, zu investieren, wo unter anderem auch Daimler Chart zeigen und Volkswagen Chart zeigen ihre Werke haben.

Für Westbengalen, ein wirtschaftlich schwaches und infrastrukturell wenig entwickeltes Bundesland, wäre ein Abschied Tatas verheerend. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, aus Verzweiflung über die Ankündigung Tatas, die Produktion in Singur vorerst zu stoppen, nahm sich am heutigen Mittwoch der Vater von zwei jungen Tata-Mitarbeitern das Leben. Der Mann war selbst Tagelöhner bei Tata.

Die Kommunisten, die in dem Bundesland regieren, fördern seit langem die Industrieansiedlung in der Region. Die Regierung hatte den Bauern das Land, um das jetzt gestritten wird, abgekauft und an Tata verpachtet. Sie hatte jedoch nicht mit den Querschüssen von noch weiter links, vom Trinamool Congress, gerechnet.

Analysten an der Börse in Mumbai rechnen nun mit einer Produktionsverzögerung des Nano von mindestens einem Jahr, sollte Tata Chart zeigen tatsächlich den Produktionsstandort verlagern. Dies sei nicht nur ein Schaden für Tata und für Westbengalen, sondern für den ganzen Industriestandort Indien, sagen sie - und hoffen auf eine baldige Lösung des Problems.

Ex-Kricket-Kapitän wirbt für Standort Singur

Mehrere Größen aus Wirtschaft und Industrie springen Tata zur Seite. Die Unruhen in Singur seien "kontraproduktiv für das Wirtschaftswachstum Indiens und für Indiens globales Image", sagt der Großindustrielle Mukesh Ambani, einer der reichsten Männer des Landes und Chef von Reliance Industries. Selbst Sourav Ganguly, früherer Kapitän der indischen Kricket-Nationalmannschaft und in Indien so beliebt wie Michael Ballack in Deutschland, schaltete sich am Dienstag in den Streit ein und rief dazu auf, Tata zu unterstützen. "Das Nano-Projekt ist der Beginn einer Ära in Westbengalen", sagte er. Der Kleinwagen würde die Zukunftsaussichten für das Land und für die Jugend revolutionieren. Ohne das Werk in Singur aber würde Westbengalen zu einem "dunklen Fleck" auf der Landkarte werden.

Plötzlich bemüht sich auch der linke Trinamool Congress um versöhnlichere Töne. Parteichefin Mamata Banerjee betont jetzt, sie wolle das Tata-Werk in Singur doch auch. Die Regierung von Westbengalen und die Führung von Tata müsse nur mit den Bauern über eine faire Entschädigung verhandeln. "Wir sind bereit, zu reden", sagt sie jetzt häufig.

Ob das Tata-Management sich nun endgültig für oder gegen Singur entscheidet, will der Sprecher nicht prophezeien. "Es existiert noch kein beschlossener Plan B, also können die Leute in Singur noch hoffen", erklärt er. Vielleicht, sagt er und weist darauf hin, dass es sich hier um seine persönliche Meinung handelt, müsse man Westbengalen noch eine Chance geben.

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akademik 11.01.2008
1.
Zitat von sysopFür viele Asiaten ist es ein Traum, der Chef des Weltklimarats spricht von einem Alptraum: Das indische Billigauto Tata Nano wird, den CO2-Ausstoß Indiens erhöhen. Wird der Kleinwagen zum Desaster für den Klimaschutz?
Was ich an dem Auto nicht verstehe ist, dass es bei einem 33-PS-Motor glatte 5 Liter verbraucht und das bei dem leichten Gewicht.
Moewi 11.01.2008
2.
Zitat von sysopFür viele Asiaten ist es ein Traum, der Chef des Weltklimarats spricht von einem Alptraum: Das indische Billigauto Tata Nano wird, den CO2-Ausstoß Indiens erhöhen. Wird der Kleinwagen zum Desaster für den Klimaschutz?
Lieber sysop! Ich weiss nicht, ob ich angesichts einer solchen Frage lachen lachen oder weinen soll. Die PÖHSEN Asiaten! Wollen doch tatsächlich Autofahren - wo kommen wir denn da hin? DAs sollen die mal schön lassen - sind ja auch viel zu viele! Ausserdem sieht es viel mehr nach Urlaub aus, wenn "die" auf Fahrrädern oder Kutschen unterwegs sind. [/ironie] Solange "wir" Westler auf unseren Messen nichts besseres auf unseren Messen ausstellen können, als das hier (http://de.cars.yahoo.com/automesse/detroit-motorshow/) sollten wir klimaproblematisch den Rand halten und ganz ganz kleine Brötchen backen. Ach - da ist ja ein Hybridwagen als Feigenblatt dabei... Nett anzuschauen diese SUV-Monster. Aber nur, wenn man wenig Grips hat und sich um Energieerhaltungssätze einen Dreck schert. Immerhin will eine ruhende träge Masse stehenbleiben - und eine grosse träge Masse entsprechend nachdrücklicher. Aber wenn der Fahrer will, muss sie sprinten - die Masse. Und das ist doch der letzte Schrei oder? Geländewagen die auch Sportautos sind. Mein Verstand flüstert mir zwar, dass das zwei physikalisch völlig unterschiedliche Welten sind, die nichts miteinenaderzu tun haben - aber wer bin ICH schon... Auch das "kleine" Einser-Cabrio - 300 PS: GEIL! Mein Gott: so potent konnte man schon lange nicht mehr durch die Tempolimits der Welt cruisen. Quasi ein MUSS auf dem grössten Automarkt der Welt: Nordamerika/Europa. Ach so, die Asiaten sind ja unser Problem, tschulligung - hab ich vergessen... Neenee, DIE dürfen das nicht. Und schon gar nicht so ein billiges Teil. Sind ja viel zu viele, die machen unser Klima kaputt. Öhm - Nebenbemerkung: Die grössten CO2-Schleudern sind DEUTSCHE Braunkohlekraftwerke. Da predigt man der Welt jahrzehntelang westlichen Lebensstil und wenn die Werbung fruchtet herrscht blankes Entsetzen. Gut, dass wir den Teufel in Gestalt eines asiatischen Automobils ausgemacht haben! - Halleluja dann ist UNSER Verbrauch (http://www.bpb.de/wissen/L5CN0Z,,0,Verbrauch_von_Prim%E4renergie_nach_Regionen.html) (bitte in Relation zur Bevölkerungszahl setzen!) ja nicht mehr der Rede wert. Herr, schmeiss Hirn vom Himmel...
Albedo4k8, 11.01.2008
3.
Zitat von sysopFür viele Asiaten ist es ein Traum, der Chef des Weltklimarats spricht von einem Alptraum: Das indische Billigauto Tata Nano wird, den CO2-Ausstoß Indiens erhöhen. Wird der Kleinwagen zum Desaster für den Klimaschutz?
Eher zum Megaflop selbst wenn der Kaufpreis fuer europaische Verhaeltnise extrem guenstig aussieht mit dem Antriebskonzept ist relativ schnell Ende angesagt spaestens an der leeren Zapfsaeule in Indien.
Horst Ziegler, 11.01.2008
4. Autos für alle - weltweit ?
Wenn die Bürger in aller Welt Autos fahren, dann bricht unsere Ökosphäre zusammen. Wenn wir aber bestimmten Ländern vorschreiben wollten, welche Verkehrsmethoden sie umsetzen sollten, dann würde den westlichen Gesellschaften ÖKO-Imperialismus vorgeworfen. Der Indische Volkswagen kommt. Das Nanodesaster auch. Die Antwort darauf wäre eine bevölkerungspolitische. Rückführung des Einwohnerbestandes von 1 Mrd. auf 0,5 Mrd wäre die Ultima Ratio. Alles anderes wären graduelle Maßnahmen, die das Desaster nur "optimieren".
Günther_Glamsch 11.01.2008
5.
Wer hier von Deutschland aus Menschen in Indien vorschreiben will, was sie ökologisch zu tun und zu lassen haben, gehört meiner Meinung nach in die Geschlossene eingewiesen. Die Welt geht irgendwann sowieso unter. Ob mit oder ohne "Nano".
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