Taxi-Verbandschef Kristan "Der Teuro hat uns den Rest gegeben"

Seit der Euro-Umstellung beklagen Deutschlands Taxifahrer drastische Umsatzverluste. Ihr Verbandschef Peter Kristan droht im SPIEGEL-ONLINE-Gespräch mit Protest-Blockaden - und wehrt sich gegen den Eindruck, die Fahrer seien selber Teuro-Profiteure.


Zähes Warten auf Kunden: "In ostdeutschen Großstädten fahren Kollegen nach zwölf Stunden mit 50 Euro Umsatz nach Hause"
AP

Zähes Warten auf Kunden: "In ostdeutschen Großstädten fahren Kollegen nach zwölf Stunden mit 50 Euro Umsatz nach Hause"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kristan, die Konjunktur lahmt, die Arbeitslosigkeit liegt höher als im Vorjahr. Ist wirklich die Konsumabstinenz der Bürger nach der Euro-Einführung schuld daran, dass Ihre Umsätze wegbrechen?

Peter Kristan: Es liegt ausschließlich daran. Die Kunden sparen mehr, gehen abends nicht mehr so viel aus, und unser Gewerbe bekommt das als Erstes zu spüren. Das Nachtgeschäft ist seit Januar drastisch eingeknickt, aber auch das Geschäft tagsüber. Es geht uns so schlecht wie nie seit Kriegsende.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist der Rückgang zum Vorjahr?

Kristan: Die nachgewiesenen Einbrüche liegen zwischen 15 und 30 Prozent, in den neuen Bundesländern teils deutlich darüber. Wie sehen es an den Auftragseingängen aller größeren Zentralen, die Daten elektronisch speichern. Wir haben auch Umfragen gemacht. Dazu kommen Aussagen von Unternehmern und Fahrern, die sagen: Die Euro-Umstellung hat uns den Rest gegeben. In ostdeutschen Großstädten fahren manche Kollegen nach zwölf Stunden mit 50 Euro Umsatz nach Hause. Davon gehen noch 70 Prozent fixe und variable Kosten runter.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie an Umsatzeinbrüchen nicht mit schuld? In Hamburg zum Beispiel ist die Grundgebühr am Jahresanfang von drei Mark auf zwei Euro gestiegen. Trotzdem haben Taxi-Verbände weitere Tariferhöhungen beantragt.

Kristan: In Hamburg sind aber die Wartezeiten an Ampeln und im Stau nicht mehr kostenpflichtig. Dadurch sind die Fahrpreise insgesamt nicht gestiegen, im Gegenteil. Taxifahrer, die nur tagsüber fahren, haben sogar weniger in der Tasche. Im Gegensatz zu manchen anderen Branchen haben wir die Preise mit der Umstellung auf den Euro um keinen Cent erhöht.

Seit Ende der sechziger Jahre haben sich unsere Kosten versechsfacht, die Preise nur verdreifacht. Wir haben die Kosten nicht umgelegt, weil wir dachten, wir bekämen dadurch mehr Fahrgäste. Das Gegenteil ist eingetreten. Vor 30 Jahren war es möglich, in einer Zwölf-Stunden-Schicht 40 besetzte Touren zu machen. Heute sind es höchstens 15. Trotzdem sagen alle, wir sind zu teuer.

SPIEGEL ONLINE: Bis ins Frühjahr haben manche Fahrer Mark-Taxameter weiter benutzt, aber in Euro kassiert.

Kristan: Auch bei uns gibt es schwarze Schafe. Selbstverständlich ist das ein Image-Schaden für die ganze Branche, weil die Presse über diese Einzelfälle entsprechend berichtet. Es gibt für mich aber keinen ehrlicheren Berufstand als den der Taxifahrer. Niemand arbeitet für so wenig Geld so lange.

SPIEGEL ONLINE: Man hat den Eindruck, dass Ihnen die aktuelle Teuro-Debatte ganz gut zupass kommt. So können Sie auf eine Branchen-Misere hinzuweisen, die ganz andere Ursachen hat.

Kristan: Dass es dem Gewerbe so schlecht geht, hat natürlich viele Gründe. Wenn die Wirtschaft hustet, hat unsere Branche Lungenentzündung. Das so genannte Steuer-Entlastungsgesetz der Regierung hat nur zusätzliche Belastungen gebracht. Zur Ökosteuer kommt hinzu, dass die Abschreibungsbedingungen für Fahrzeuge verschlechtert wurden. Mit dem 630-Mark-Gesetz wurde das Gewerbe fast in die Zwangskriminalität getrieben, weil viele Unternehmer auf Aushilfskräfte angewiesen sind.

SPIEGEL ONLINE: Viele Taxi-Unternehmer prophezeien jetzt eine Flut von Insolvenzen. Es heißt, jedem dritten Betrieb drohe das Aus.

Kristan: Eine Pleitewelle im eigentlichen Sinn wird es nicht geben. Die Kollegen, die keine Ehefrau haben, die sie über Wasser hält, werden aber notfalls ihr Taxi verkaufen. Sofern sie keine Rücklagen haben, müssen sie dann zum Sozialamt.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gibt es 53.000 Taxen, 7000 allein in Berlin. Wenn es weniger werden, wäre das, zynisch gesagt, doch eine nötige, natürliche Auslese.

Kristan: Es hat vielerorts eine verfehlte Politik der Zulassungsbehörden gegeben. Bei uns in Stuttgart wurden zwar seit 1975 nur 35 neue Konzessionen ausgestellt. In Berlin und Hamburg hat es aber keinen Konzessionsstopp gegeben, dort ist die wirtschaftliche Lage dramatischer. Und in den Neuen Ländern bekam nach der Wende bis 1993 praktisch jeder eine Zulassung, der ein Fahrzeug hatte.

SPIEGEL ONLINE: Sie planen, mit mehreren tausend Taxen in Berlin zu protestieren - aber erst Anfang September. Dann geht es Ihnen wohl vor allem um Wahlkampf.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe Herrn Schröder seit 1998, als der Entwurf des Steuerentlastungsgesetzes vorlag, drei Briefe geschrieben und keine Antwort bekommen. Beim vierten Mal habe ich eine erhalten, unterschrieben von einem Sachbearbeiter, der keine Ahnung von der Materie hatte.

Ich bin aber kein Parteimitglied und werde meine Forderungen nach einer sozial gerechten Steuerreform für das Taxigewerbe an jeden Kanzler stellen. Auch deshalb steigen wir am 12. September in Berlin gemeinsam auf die Barrikaden. Notfalls gehen wir an den Rand der Legalität und versuchen, in den Ballungszentren mit Verkehrsblockaden alle Räder anzuhalten.

Das Interview führte Matthias Streitz



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.