Teil II "Lauter kleine Haffas"


Rausch der Tiefe: Firmen am Neuen Markt
DER SPIEGEL

Rausch der Tiefe: Firmen am Neuen Markt

Ganze Branchen brechen zusammen: Noch vor einem Jahr sonnten sich die Medienunternehmen in der Gunst der Aktionäre. Mit deren Geld gingen sie in Hollywood auf Einkaufstour und kauften Filme zu Mondpreisen. Nun kämpfen die meisten Unternehmen ums Überleben.

Gleich zehn Multimedia-Dienstleister sind im Neuen Markt vertreten, Firmen wie Kabel New Media und Pixelpark galten bis vor kurzem als Perlen der New Economy. Auch sie gingen mit dem Geld der Aktionäre shoppen. Nach dem Ende der Internet-Euphorie müssen sich die Highflyer von einst fragen lassen, ob ihre Dienste in Zukunft noch jemand braucht.

Viele Unternehmen leiden unter massiven Liquiditätsproblemen. Zum Beispiel die Schwarzwälder Software-Firma Bäurer: Beim Aufbau des Unternehmens erledigte die Frau des Firmengründers Heinz Bäurer jahrelang die Buchführung am Küchentisch. Der etwas hemdsärmelige Umgang mit den Zahlen war nicht weiter schlimm, der Mittelständler behielt den Überblick und machte Gewinn.

Dann brach mit dem Börsengang ein Geldsegen über Bäurer herein, der den Mann so wie viele Unternehmer am Neuen Markt überforderte. Ein externer Finanzvorstand wurde geholt, um endlich ein professionelles Rechnungswesen aufzubauen und die Quartalszahlen zu liefern, mit denen Börsenchef Seifert für Transparenz sorgen wollte.

Schließlich ging der Mittelständler auf Einkaufstour, er wollte die nächste SAP aufbauen. Bäurer schluckte innerhalb kürzester Zeit 18 Software-Unternehmen. "Wir haben nichts ausgelassen", bekennt Bäurer, der sich im März 2000 kurzfristig sogar als Börsenmilliardär fühlen konnte. Wenig später kam der Absturz. Der Finanzvorstand ging, weil er die kreative Buchführung im Hause Bäurer nicht verantworten wollte. Zum Jahresende waren nur noch 2,8 Millionen Mark in der Kasse.

Seitdem wird wie früher gespart bei den Bäurers. Was noch zu verkaufen ist, wird liquidiert. Auslandsfilialen werden geschlossen, Leute entlassen. Die Landesbank Baden-Württemberg, die den Börsengang organisiert hatte, musste als Kreditgeber einsteigen. Sie will noch bis zum Herbst das Sanierungskonzept mittragen.

Weg zum Kapitalmarkt abgeschnitten

Unternehmen wie Bäurer haben sich zu lange darauf verlassen, dass sich immer wieder frisches Kapital an der Börse beschaffen lässt. Doch der Weg an den Kapitalmarkt ist zurzeit verschlossen.

Viele Unternehmen werden nicht überleben. Wenn der E-Dienstleister Prodacta nicht in den nächsten Wochen einen Retter findet, bleibt wohl nur der Gang zum Konkursrichter. Nach dem Börsengang im Juni 1999 hatte der damalige Vorstand das Geld in vollen Zügen ausgegeben. "Lauter kleine Haffas", brummelt ein Banker missmutig.

Auch beim Software-Hersteller Brokat, der mit einer Börsenbewertung von 4,5 Milliarden Mark zu den Stars des Neuen Marktes gehörte, liegt die Überlebenschance darin, dass sich eine renommierte Industrieadresse als Retter anbietet. Siemens investierte im vergangenen Oktober 72 Millionen Euro für drei Prozent der Brokat-Aktien, um dem Geschäftspartner zu helfen. Die beiden Unternehmen entwickeln beispielsweise Software für das Bezahlen via Handy gemeinsam.

Mittlerweile könnte Siemens für den gleichen Betrag fast das ganze Unternehmen erwerben. Allerdings hat die Braut einen Schönheitsfehler, der eine Heirat wohl unmöglich macht: Brokat-Chef Stefan Röver hat bei seiner Einkaufstour, die ihn bis ins Silicon Valley führte, Schulden in Höhe von über 200 Millionen Mark aufgetürmt.

Längst ist der Neue Markt auch ein Fall für den Staatsanwalt: Gegen viele Firmen wird ermittelt. Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel hat seit Beginn des Jahres bei 17 Firmen förmliche Untersuchungen eingeleitet. Im gesamten vergangenen Jahr gab es dagegen nur 19 Untersuchungen. Nur Börsenchef Seifert schaut dem Niedergang seines einstigen Vorzeigeobjektes tatenlos zu.

Die Börse wird zur Spielhalle

An der New Yorker Nasdaq, dem Vorbild des Neuen Marktes, werden Aktien, die längere Zeit unter einem Dollar notieren, von der Börse verbannt. Solche Pennystocks neigen zu heftigen Kursausschlägen. Deshalb ziehen sie Zocker magisch an, für seriöse Investments taugen sie jedoch nicht.

Am Neuen Markt rutschte am 30. November die Aktie von Letsbuyit als erster Wert unter die Ein-Euro-Marke. Seitdem kamen 24 weitere dazu ­ das sind sieben Prozent aller Aktien. Selbst im Nemax-50-Index, der doch die Blue Chips der Wachstumswerte repräsentieren soll, findet sich mit Fantastic ein Pfennigwert.

Je mehr Billigaktien sich am Neuen Markt tummeln, desto mehr wird die Börse zur Spielhalle. Größter Verlierer: die Deutsche Börse. Sie verspielt ihren guten Ruf.

Noch weigert sich Seifert einzuschreiten. Ein solcher Schritt würde, so die offizielle Begründung, in die Eigentumsrechte der Aktionäre eingreifen. Die Befürchtung, dass der Neue Markt beim Rausschmiss der Billigaktien allzu sehr schrumpfen könnte, dürfte auch eine Rolle spielen.

Geradezu lächerlich finden es Aktionärsschützer, wie die Börse gegen Firmen vorgeht, die nicht rechtzeitig ihre Zahlen vorlegen: Sie müssen im Höchstfall 100 000 Euro zahlen. Und warum müssen Firmengründer und -vorstände nicht, wie in den USA, vorher melden, wenn sie sich von Aktien ihres Unternehmens trennen wollen? Dann hätte zwar Peter Kabel nicht so ein gutes Geschäft gemacht, aber vielen Aktionären wären hohe Verluste erspart geblieben. Dann hätte EM.TV-Chef Thomas Haffa sich nicht heimlich von Anteilen trennen können ­ und viele Anleger wären rechtzeitig misstrauisch geworden.

Halbherzige Lösungen

Erst vor kurzem entschied sich die Deutsche Börse zu einer eher halbherzigen Lösung des Problems. Seither werden die Aktienverkäufe von Neuer-Markt-Unternehmern veröffentlicht ­ nachträglich.

Experten fordern deshalb eine harte Sanierung. So müssten Aktienverkäufe wie in den USA künftig vorher angemeldet, Regelverstöße hart ­ schlimmstenfalls mit einer Auslistung ­ bestraft, Pennystocks rigoros entfernt und der Nemax-50-Index auf 30 wirkliche Qualitätstitel verkleinert werden.

Seifert aber sieht bislang keinen Handlungsbedarf. "Der Neue Markt ist der am schärfsten regulierte Markt in Europa", behauptet er ­ dass der eigentliche Maßstab nur die amerikanische Nasdaq sein kann, verschweigt er wohlweislich.

Stattdessen belehrt der Börsenchef die Anleger. In Deutschland, meint er, müssten alle erst lernen, Risiken zu bewerten. Die Anleger haben die Lektion begriffen: Sie strafen Seiferts einstiges Lieblingskind ab.

ARMIN MAHLER, CHRISTOPH PAULY, WOLFGANG REUTER



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