Telekom-Briefduell David gegen Obermann

Der Berliner Telekom-Techniker, der sich per Mail beim Vorstand beschwerte, findet auch außerhalb seines Konzerns Sympathie: Dutzende SPIEGEL-ONLINE-Leser loben seine Courage und fühlen sich an Zustände in ihren eigenen Firmen erinnert. Andere klagen über miesen Service im "Chaosladen" Telekom.

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Hamburg – Nicht jeder war so euphorisch wie Egon Friebus. In einer Lesermail an SPIEGEL ONLINE schrieb er: "Man sollte den Mut des Mannes, der diesen Brief verfasst hat, mit dem Bundesverdienstkreuz ehren." Aber auch ein Leser aus Halle kommentierte: "Arbeitet der Mitarbeiter noch bei der Telekom? Er sollte ein Denkmal bekommen."

Telekom-Chef Obermann: "Austauschbar wie Trainer einer Fußballmannschaft"
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Telekom-Chef Obermann: "Austauschbar wie Trainer einer Fußballmannschaft"

Gemünzt war das auf einen T-Com-Techniker aus Berlin – er hatte am 9. März eine E-Mail an Telekom-Chef René Obermann, weitere Vorstände, die Gewerkschaft und einige andere Empfänger geschickt, um gegen den Sparkurs des Managements zu protestieren. In den Tagen danach verbreitete sich der Brandbrief im Konzern so rasant, dass sich Obermann zu einer Replik veranlasst sah. Gestern ging sie per Mail allen Telekom-Mitarbeitern zu.

Gleich nachdem SPIEGEL ONLINE beide Briefe im Wortlaut dokumentiert hatte, erhielt die Redaktion Dutzende Lesermails zum Thema. Mehr als zwei Drittel schlugen sich auf die Seite des Berliner T-Com-Mitarbeiters. Viele fanden, dass seine Kritik am Telekom-Management auch auf andere Konzerne passe.

Urplötzlich ein Bannerträger

"Manchen deutschen Unternehmen ist nicht zu helfen. Sie taumeln zwischen Aktienmarkt und McKinsey. Beides sind kalte und schlechte Berater", schrieb zum Beispiel Carsten Geyer aus Hamburg. Eine Bahn-Mitarbeiterin kommentierte: "Wir als EisenbahnerInnen haben den Börsengang noch vor uns, und oh Schreck, schon heute geht es bei uns in vielen Bereichen so zu (wie bei der Deutschen Telekom)".

Der Berliner Techniker – sein Name ist der Redaktion bekannt – ist innerhalb der Telekom von einer Woche auf die andere prominent geworden. Sein Brief wurde in Mittagspausen und auf Betriebsversammlungen diskutiert. Inzwischen haben ihn Fernsehen und "Bild"-Zeitung um Interviews gebeten – was er bisher ablehnte. Der End-Vierziger war Mitte der siebziger Jahre zum Unternehmen gekommen - damals gehörte es noch zur Post - und hatte dort Fernmeldetechniker gelernt. Nach eigenen Angaben ist auch er von den Sanierungsplänen Obermanns betroffen, der rund 50.000 Mitarbeiter in die neue Sparte T-Service auslagern will.

Immerhin einige Leser ließen Sympathie für Obermann erkennen - und für seine Bemühungen, die Telekom zu modernisieren. Obermann sei sicher keine "Heuschrecke", schreibt der Leser Uwe Post. Die Kostensenkungen seien notwendig, weil die Telekom den Diktaten der Globalisierung und des Kapitalmarktes gehorchen müsse. Auch Obermann und seine Kollegen seien letztlich Getriebene, "austauschbar wie Trainer einer Fußballmannschaft".

Ein anderer Leser kritisiert den Tonfall des Berliner Briefes. Die "öffentliche Beschimpfung" des Telekom-Vorstandes sei ein Zeichen einer "veränderten kulturellen Welt". Der Berliner T-Com-Mitarbeiter zeige wenig Respekt und überschätze sich selbst. "Ich weiß nur, dass ich eine Menge Probleme mit Telekom-Mitarbeitern hatte, sowohl im Unternehmen selbst als auch in den T-Com-Shops. Unzuverlässig, unfreundlich und inkompetent", schreibt dieser Leser. Überhaupt klagen viele über den Service. "Die Telekom ist weit von ihren Kunden entfernt und ein unglaublich desorganisierter Chaosladen", heißt es in einem typischen Passus.

Ab heute verhandelt das Telekom-Management mit der Gewerkschaft Ver.di über die Auslagerungspläne. In ihrer neuen Service-Sparte - von manchen schon als T-Servus verspottet - will die Telekom die wöchentliche Arbeitszeit von derzeit 34 auf 38 Stunden oder mehr verlängern.

Vorab sagte der Ver.di-Verhandlungsführer Lothar Schröder: "Den Konzern auf dem Rücken der Beschäftigten sanieren zu wollen, ist ein Unding." Im schlimmsten Fall werde es Streik geben.



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