Telekom-Chef Ricke vor dem Rauswurf?

Seit Wochen reißen die Spekulationen um eine bevorstehende Ablösung von Telekom-Chef Ricke nicht ab. Jetzt ist nach Berichten von "Bild" und "Süddeutscher Zeitung" eine Entscheidung gefallen. Noch im November werde T-Mobile-Chef Obermann die Führung des Konzerns übernehmen.

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Hamburg - Der Vorstandsvorsitzende der Deutsche Telekom AG, Kai-Uwe Ricke, steht übereinstimmenden Berichten von "Bild" und "Süddeutscher Zeitung" zufolge kurz vor der Ablösung. Im Amt nachfolgen soll demnach der Chef der Mobilfunktochter T-Mobile, René Obermann.

Telekom-Chef Ricke: Entscheidung in der zweiten Novemberhälfte
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Telekom-Chef Ricke: Entscheidung in der zweiten Novemberhälfte

Der Wechsel an der Telekom-Spitze soll bereits auf einer Aufsichtsratssitzung Mitte November beschlossen werden. Die Deutsche Telekom wollte sich zu den Berichten nicht äußern. Es handele sich um Spekulationen, die das Unternehmen nicht kommentiere, sagte ein Sprecher am Abend.

Auch die Bundesregierung lehnte einen Kommentar zu den Meldungen ab. "Wir nehmen das zur Kenntnis." Das sei eine Angelegenheit des Aufsichtsrates, die die Regierung nicht kommentiere, sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums.

Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt unter Berufung auf informierte Kreise, das Präsidium des Aufsichtsrates habe auf seiner Sitzung am vergangenen Mittwoch entschieden, die Verlängerung von Rickes Vertrag nicht auf die Tagesordnung der nächsten Aufsichtsratssitzung zu setzen. Dieses Treffen sei ursprünglich für den 5. Dezember vorgesehen gewesen.

Stattdessen werde das Gremium nun aber schon in der zweiten Novemberhälfte tagen. Dies hätten "mehrere mit der Sache Vertraute" bestätigt. Als Termin für diese außerordentliche Aufsichtsratssitzung werde der 19. November angestrebt. Den Aufsehern könnte dann auch der Vorschlag unterbreitet werden, René Obermann zum neuen Telekom-Chef zu berufen. Formal gebe es über den Wechsel an der Telekom-Spitze aber noch keinen Beschluss, hieß es laut der Zeitung.

Der 45-jährige Ricke hat eine steile Karriere hinter sich. Nach Stationen als Vorstandsassistent bei Bertelsmann, Manager-Jobs beim Scandinavian Music Club in Malmö und beim Telekom-Konkurrenten Talkline übernahm er 1998 übernimmt mit erst 36 Jahren den Chefposten bei der Telekom-Mobilfunktochter T-Mobile. Als der damalige Telekom-Chef Ron Sommer Mitte 2002 gefeuert wurde, weil er den riesigen Schuldenberg und die Kursverluste des Konzerns zu verantworten hatte, bekam Ricke seine große Chance.

Zunächst muss er sich als Sanierer profilieren. Milliardenverluste und eine gewaltige Zinslast verhageln seine erste Quartalsbilanz. Ricke probiert den Mittelweg: Er will nicht alles über Bord werfen, aber doch die alten eingefahrenen Strukturen aufbrechen. Doch eine konkrete Strategie präsentiert er nie, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Sein Management gleicht einem Eiertanz zwischen Fondsmanagern und Finanzinvestoren auf der einen Seite, denen es nur um Renditen geht und selbstbewussten Gewerkschaftern auf der anderen.

Umbau eines schwerfälligen Apparats

Auch die Politik ist nicht weit. Und die Regierenden leiten aus der Tatsache, dass die Kreditanstalt für Wiederaufbau noch 31 Prozent der T-Anteile hält, eine gerüttelt Maß an Mitsprachrechten ab. Trotzdem gelingt es Ricke, den schwerfälligen öffentlich-rechtlich geprägten Apparat umzukrempeln. Die Telekom macht die vermutlich größte Transformation eines Unternehmens in der deutschen Wirtschaftsgeschichte durch. Triebfeder sind aber nicht allein die ökonomischen Notwendigkeiten, sondern in erster Linie auch technische: Das Geschäft verlagert sich immer mehr in Richtung Mobilfunk und Internet.

Die Wachstumssparten sind es auch, die Ricke Massenentlassungen ersparen. Jobs die im Bereich Festnetz wegfallen - rund 10.000 pro Jahr - entstehen in den anderen Bereichen neu. Gleichwohl mussten sich viele Mitarbeiter mit Vorruhestandsregelungen und Abfindungen verabschieden. Die - unkündbaren - ehemaligen Beamten wurden in die Beschäftigungsgesellschaft Vivento abgeschoben. Nicht wenige von ihnen sind seitdem ohne Aufgabe.

Doch auch Vivento bietet immer weniger die Möglichkeit als Auffangbecken. Ende Oktober verkündete die Telekom, dass fast die halbe Belegschaft der Festnetzsparte in Service-Gesellschaften ausgelagert werden sollen, mit dem Ziel, Löhne zu drücken. Insgesamt 45.000 Mitarbeiter sind davon betroffen.

T-Aktie im Sturzflug

Nicht eben hilfreich ist die Entwicklung der Geschäfte: Im Festnetz machen billige Paketangebot der Konkurrenz der Telekom schwer zu schaffen. Fast scheint es, die Kunden hätten nur auf eine solche Gelegenheit gewartet. Fast eine Million kündigt innerhalb der ersten neun Monate des Geschäftsjahres den Vertrag. Der Ausbau des DSL-Netzes kommt nicht voran, weil sich die EU-Kommission in Brüssel gegen Exklusivrechte ausspricht. Wettbewerber sollen das Netz von Anfang an nutzen dürfen. Aber auch im Mobilfunk bröckeln die Preise.

Die Situation vertreibt auch die Anleger in Scharen, der Kurs der Telekom-Aktie kennt nur noch eine Richtung: Abwärts. Daran ändert auch die jetzt angekündigte Ausschüttung einer üppigen Dividende nichts. Keine einfache Situation für Ricke, der dafür von dem Finanzinvestor Blackstone persönlich verantwortlich gemacht wird. Dieser hatte im Frühjahr 4,5 Prozent der T-Aktien gekauft und seither mit dem Investment heftige Verluste gemacht.

Ein Umstand dürfte in diesem Zusammenhang die Position des Telekom-Chefs nicht eben stärken: Sein Vorgänger Sommer berät Blackstone - und er soll Ricke immer noch nicht verziehen haben, dass dieser 2002 die Chance ergriff, ihn im Amt abzulösen.

dpa/AFP/vwd



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