Telekom-Schnüffelaffäre Ex-Vorstand greift Ricke und Zumwinkel an

Der frühere Telekom-Vorstand Heinz Klinkhammer erhebt in der Schnüffelaffäre Anschuldigungen gegen die ehemalige Konzernspitze. Der Auftrag, Info-Lecks zu suchen, sei aus dem Umfeld der damaligen Vorstands- und Aufsichtsratschefs Ricke und Zumwinkel gekommen - die weisen die Vorwürfe zurück.


Düsseldorf/Berlin - Die Vorwürfe gegen Kai-Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel kommen ausgerechnet aus ihrer eigenen früheren Konzernführung. Der frühere Vorstands- und Aufsichtsratschef dementieren jede Kenntnis der Schnüffelaktionen bei der Telekom - nun aber sagt der damalige Personalvorstand Heinz Klinkhammer dem "Handelsblatt": "Dieser Auftrag, die Lücken für Indiskretionen zu finden und zu schließen, ist an mir sowie am Chef der Konzernsicherheit vorbei aus dem Umfeld Ricke und Zumwinkel erteilt worden. Der Mann, der diesen Auftrag hatte, durfte weder mit mir noch mit seinem Chef darüber sprechen."

Ex-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke (Archivbild): "Vorwürfe sind unwahr und haltlos"
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Ex-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke (Archivbild): "Vorwürfe sind unwahr und haltlos"

Der Mitarbeiter der Konzernsicherheit habe "mir versichert, dass Ricke und Zumwinkel ihm in dieser Angelegenheit einen Maulkorb erteilt haben", sagte Klinkhammer. Er war als Personalvorstand von 1996 bis 2006 auch für die Konzernsicherheit verantwortlich.

Der Zeitung zufolge ist allerdings völlig unklar, wie genau der Auftrag an den Mitarbeiter ausgesehen haben soll, ob er wirklich zu den illegalen Machenschaften angestiftet wurde oder dies womöglich ohne Wissen seiner Auftraggeber tat. Die Telekom hatte am Wochenende nach einem SPIEGEL-Bericht öffentlich eingeräumt, dass zwischen 2005 und 2006 mindestens ein Jahr lang Telefondaten ausspioniert wurden. Betroffen waren wohl vor allem Aufsichtsräte, deren Kontakte zum Beispiel zu Journalisten geprüft wurden.

Ricke und Zumwinkel wehren sich

Ricke wies Klinkhammers Behauptungen zurück: "Diese Vorwürfe sind unwahr und haltlos", sagte er dem "Handelsblatt". Schon im SPIEGEL hatte Ricke erklärt, er habe "niemals illegale Aufträge erteilt und erst recht zu keinem Zeitpunkt angeordnet, Telefonverbindungsdaten auszuspähen".

Auch Zumwinkel beteuerte über seinen Sprecher erneut, keinen persönlichen Auftrag für die Auswertung der Telefon-Verbindungsdaten von Managern und Aufsichtsräten gegeben zu haben. Die behaupteten Datenspeicherungen seien, wenn geschehen, nicht mit dem Einverständnis des damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden erfolgt. Zumwinkel begrüßte es zugleich, dass die Vorgänge untersucht werden. Der Sprecher verwies auf die Verantwortung des Vorstands: "Die Geschäfte eines Unternehmens führt der Vorstand."

Ricke hatte im SPIEGEL eingeräumt, dass der Vorstand beschlossen hatte, aktiv gegen Indiskretionen der Presse vorzugehen. In Absprache mit Aufsichtsratschef Zumwinkel sei die Konzernsicherheit "etliche Male mit entsprechenden Untersuchungen beauftragt" worden. So seien Vorstandsvorlagen mit individuellen geheimen Kürzeln versehen worden, um Informanten zu enttarnen. Bisweilen seien vor Vorstandssitzungen auch gezielt Dokumente mit falschen Informationen verteilt worden, um feststellen zu können "welche Informationen bei welchen Presseorganen ankommen".

Der Aufsichtsrat der Telekom will sich an diesem Mittwoch in einer außerordentlichen Sitzung mit dem Thema beschäftigen. Die 20 Mitglieder des Kontrollgremiums sollen über den Stand der Dinge informiert werden und das weitere Vorgehen beraten.

BDI-Chef spricht von Stasi-Methoden

Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth forderte in Berlin den Telekom-Vorstandsvorsitzenden René Obermann auf, "zu erklären, was er wusste, und schleunigst Konsequenzen aus dem Skandal zu ziehen". Die Vorgänge bei der Telekom bestärkten die Grünen in ihrer Klage gegen die Vorratsdatenspeicherung. "Offensichtlich werden solche Gesetze als Freibrief für Schnüffelei verstanden", sagte Roth.

Der Grüne Hans-Christian Ströbele forderte, den Datenschutz ins Grundgesetz aufzunehmen. Er kündigte in der "Passauer Neuen Presse" eine Initiative für eine Verfassungsänderung an: "Die Unternehmen scheinen jedes Gefühl für Anstand und Verhältnismäßigkeit verloren zu haben." Es müsse dafür gesorgt werden, "dass der Datenschutz auch in der Wirtschaft ausreichend garantiert ist und Verstöße geahndet werden".

Der frühere BDI-Vorsitzende Hans-Olaf Henkel sprach angesichts der Telekom-Affäre von Stasi-Methoden. Der "Thüringer Allgemeinen" sagte er: "Ich finde diese Methoden, die offenbar bei der Telekom angewendet worden sind, genau so verwerflich und ekelhaft wie die Stasi-Methoden der DDR." Er glaube aber nicht, dass Bespitzelungen in der deutschen Wirtschaft häufiger seien als früher. "Sie kommen nur einfach häufiger raus."

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) schlug vor, die Verbindungsdaten sämtlicher Telefonkunden in einer zentralen Datei unter Aufsicht des Datenschutzbeauftragten zu speichern. Der BDK-Vorsitzende Klaus Jansen sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", es sei doch offensichtlich, dass sensible Kundendaten bei privaten Unternehmen "mehr als schlecht aufgehoben sind".

phw/dpa/AP/Reuters

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