Telekom-Spionage Warum die T-Affäre der Börse egal ist

Ehemalige Stasi-Spitzel spionieren Gewerkschafter aus, ein Journalist wird per Kamera verfolgt - und das alles im Auftrag der Telekom. Doch wie reagiert die Börse? Fast gar nicht: Der Kurs der T-Aktie dümpelt vor sich hin, Moral spielt für die Anleger keine Rolle.

Von Grit Beecken und


Hamburg - Juni 2005: Ein Pressebericht enthüllt Schmiergeldzahlungen bei der Volkswagen-Tochter Skoda. Es kommt ins Rollen, was die Öffentlichkeit und die Gerichte noch Jahre später als VW-Rotlichtaffäre beschäftigen wird. Und was macht die VW-Aktie Chart zeigen? Von Mitte Juni bis Ende Juli 2005 verzeichnet das Papier ein Kursplus von gut 21 Prozent. Einen ordentlichen Schub gibt es, als VW-Personalvorstand Peter Hartz wegen seiner Verstrickung in die Angelegenheit zurücktreten muss.

Telekom-Zentrale: Die Aktie notiert leicht im Plus
DPA

Telekom-Zentrale: Die Aktie notiert leicht im Plus

15. November 2006: Razzia bei Siemens Chart zeigen in München. Die Schmiergeldaffäre, die den Konzern bis heute in Atem hält, nimmt ihren Anfang. Und die Siemens-Aktie? Der Kurs reagiert kaum auf die Ereignisse. Eine Woche nach dem Besuch durch die Fahnder und täglicher Berichterstattung in den Medien notiert das Papier sogar leicht im Plus. Bis heute hält die Aktie das Niveau - nach einer zwischenzeitlichen Hausse auf mehr als 110 Euro.

24. Mai 2008: Der SPIEGEL berichtet erstmals über die Bespitzelungen der Deutschen Telekom Chart zeigen. Seitdem ist eine Woche vergangen, in der sich die Affäre kontinuierlich ausgeweitet hat. Offenbar wollte das Unternehmen mit Spionagemethoden herausbekommen, wer aus den eigenen Reihen vertrauliche Informationen an die Presse gegeben hatte. Auch Bankdaten sollen zu dem Zweck ausgeforscht und sogar Bewegungsprotokolle verdächtigter Aufsichtsräte und Journalisten erstellt worden sein.

Ausgeführt hatten die Aktion ausgerechnet frühere Stasi-Mitarbeiter. Der Staatsanwalt ermittelt mittlerweile gegen ehemalige Telekom-Vorstände. Und zu allem Überfluss bestellt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) Telekom-Chef René Obermann auch noch ein, um mit ihm über Datenschutz zu diskutieren.

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Reichlich schlechte Nachrichten also. Und was macht die Aktie? Nichts. Jedenfalls so gut wie nichts. Am Freitag, den 23. Mai 2008, dem letzten von der Affäre unberührten Tag also, schloss das Papier bei 10,76 Euro. Eine Woche später kostet eine Telekom-Aktie 10,83 Euro - ein leichtes Plus von 0,65 Prozent.

Woran liegt das bloß? Weshalb ignorieren die Anleger negative Neuigkeiten, die Medien und Öffentlichkeit jenseits der Börse in helle Aufregung versetzen? Klar ist: Auf dem Parkett werden Erwartungen gehandelt. Nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft ist entscheidend. Wie wird sich ein Unternehmen entwickeln, welche Aussichten bestehen für einen Markt, wohin bewegt sich die Gesamtwirtschaft - das sind die Fragen, die Börsianer interessieren. Da erscheint es einleuchtend, wenn wegen Ereignissen, die zwei Jahre zurückliegen, heute kaum noch ein Aktionär mit der Wimper zuckt.

"So schlimm die Vorwürfe auch sind, wir sehen derzeit keine größeren Auswirkungen auf das operative Geschäft und bleiben bei unserer Empfehlung, die Papiere zu halten", argumentiert denn auch Stefan Borscheid, Analyst bei der WestLB. Und Jochen Intelmann, Analyst bei der Hamburger Sparkasse, sagt: "Der Telekom-Kurs ist schon recht weit unten. Wer raus wollte, ist schon draußen." Schließlich seien die Nachrichten schon im vergangenen Jahr nicht besonders gut gewesen.

Bleibt die Frage nach der Moral der Aktionäre. An einem solchen Unternehmen Geld zu verdienen, das offensichtlich gegen Gesetze verstößt und Grundrechte mit Füßen tritt - wer macht denn so was? Fondsgesellschaften wollten sich dazu auf Anfrage nicht äußern.

Klar aber ist: Selbst, wer zurzeit die Augen zukneift und anstatt die Meldungen zu lesen auf die Dividende schielt, wird vielleicht irgendwann handeln. Denn die Beispiele Volkswagen und Siemens zeigen, wie lange sich solche Affären hinziehen können. Und nicht immer müssen sie langfristig so wenig Einfluss auf die Aktienperformance haben, wie in diesen Fällen.

Der Imageschaden der Deutschen Telekom jedenfalls dürfte mit jedem weiteren Detail, das bekannt wird, größer werden. Und sobald noch mehr Kunden als bisher schon dem Unternehmen den Rücken kehren, dürfte sich dies auch in den Geschäftszahlen niederschlagen. Spätestens dann könnten die schlechten Nachrichten auch die Börse erreichen.

Telekom: "Eine Kaste von Paranoikern"



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