Telekom-Spitzelaffäre Gruner + Jahr stellt Anzeige gegen Unbekannt

Wenn freiwillig nichts kommt, braucht es eben Druck: Der Hamburger Verlag Gruner + Jahr hat eine Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht. Adressat der Anzeige ist die Telekom, die zwei Journalisten des Verlags bespitzelt haben soll.


Hamburg - Sie wollten Auskunft, doch die haben sie bislang nicht bekommen: Das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr hat deshalb bei der Staatsanwaltschaft Bonn Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Das bestätigte die Verlagsgeschäftsführerin Wirtschaftsmedien, Ingrid Haas. Der Grund: Gruner + Jahr habe die Telekom gleich nach Bekanntwerden der Spitzelaffäre um Auskunft gebeten - bislang aber keine Antwort erhalten.

Fahnen mit Telekom-Logo: Bislang keine Reaktion des Konzerns
DPA

Fahnen mit Telekom-Logo: Bislang keine Reaktion des Konzerns

Grund für die Bitte war, dass zwei Mitarbeiter des Verlags, von der Finanzzeitschrift "Capital" und von der Tageszeitung "Financial Times Deutschland", von den Abhöraktionen betroffen waren. Die Telekom Chart zeigen hatte eingeräumt, dass in den Jahren 2005 und 2006 Telefonate mit Journalisten ausgewertet worden seien, um undichten Stellen aus dem Hause des Telekommunikationsriesen auf die Spur zu kommen.

In der Strafanzeige erhebt Gruner+Jahr laut der "Süddeutschen Zeitung" auch den Vorwurf des Hausfriedensbruchs. Das beziehe sich darauf, dass auf Veranlassung von Mitarbeitern der Telekom ein "Maulwurf" in die Redaktion von "Capital" eingeschleust worden sein soll. Außerdem sollen Mitarbeiter einer Detektei heimlich Filmaufnahmen bei der "Financial Times Deutschland" gemacht oder dies zumindest versucht haben.

Unklar, wer Anweisungen gegeben hat

Im Auftrag der Telekom hatte die Firma Network Deutschland die beiden Journalisten bespitzelt. Dabei soll das Unternehmen Telefondaten von der Telekom erhalten haben. Damit hätte der Konzern gegen das Fernmeldegeheimnis verstoßen.

Trotz der langen internen und jetzt auch justiziellen Ermittlungen ist bisher allerdings nicht geklärt, wer die Anweisung zur illegalen Überwachung der Journalisten gegeben hat. Klaus Trzeschan, ehemaliger Sicherheitschef der Telekom, will Mitte 2007 alle Dokumente und Daten zu den Schnüffelaktionen vernichtet haben. Er belastete allerdings die früheren Chefs von Aufsichtsrat und Vorstand, Zumwinkel und Kai-Uwe Ricke, in einer Anhörung im Konzern schwer.

In der Anhörung, deren Erkenntnisse der Bonner Staatsanwaltschaft vorliegen, sagte Trzeschan, dass ihm die Ermittlungsaufträge von Ricke und Zumwinkel erteilt worden seien. Sie sollen später jedoch nicht über konkrete Modalitäten der Ausführung unterrichtet worden sein.

Auch die bespitzelten Redaktionen sind bis heute im Unklaren darüber, was die Telekom-Späher bei ihnen unternommen haben. Die Leitung des Wirtschaftsmagazins "Capital" sucht nach einem Maulwurf, der im Auftrag der Telekom Redaktionsinterna an die Konzernsicherheit berichtet haben soll.

sam/dpa/AFP



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