Telekom-Streik "Dieses Dorf ist vorübergehend nicht erreichbar"

Telefon tot, Internet auch: Seit einem Sturm vor fast vier Wochen sind die Kommunikationsleitungen ins hessische Birkert gekappt. Die Hilferufe der Dorfbewohner verhallen ungehört - der Kundendienst der Telekom kommt nicht.

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Waltraud Müller kann nicht mal vor Wut den Hörer aufs Telefon knallen. Das Telefon in der Schlosserei Müller im südhessischen Örtchen Birkert funktioniert nämlich nicht - seit drei Wochen ist die Leitung tot. "Das Internet geht nicht mehr, wir können niemanden anrufen, und wenn uns jemand anruft, geht sofort der Anrufbeantworter an." Bis vor ein paar Tagen sei es noch schlimmer gewesen: "Da hörte man die Ansage: 'Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar'. Was sollen da unsere Kunden denken? Dass uns das Telefon abgestellt wurde, weil wir unsere Rechnung nicht bezahlt haben?"

Dorf Birkert: "Ein Riesenproblem"
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Dorf Birkert: "Ein Riesenproblem"

Dafür dürfte die Mobiltelefonrechnung der Müllers in diesem Monat kräftig steigen. "Wir sind ja nur noch übers Handy erreichbar. Aber die meisten Leute wissen das natürlich nicht", sagt Müller. "Das ist ein Riesenproblem."

Das halbe Dorf im Odenwald, etwa 100 Personen, ist davon betroffen, seitdem ein Unwetter eine von zwei Leitungen lahm gelegt hat. "Natürlich haben wir die Telekom informiert, dass es hier eine technische Störung gibt. Aber bisher hat sich nichts getan", sagt Janosch Contag. Der 19-jährige Schüler fährt seither ins Nachbardorf zu Freunden, um E-Mails abzurufen und auszudrucken. "In der heutigen Zeit leidet man schon extrem darunter, wenn Telefon und Internet nicht mehr funktionieren."

Bei manchen Einwohnern funktioniert immerhin das Telefon, andere wiederum können nur angerufen werden, aber nicht selbst jemanden anrufen. "Und dann gibt es Leute, bei denen rauscht es in der Leitung", sagt Ursula Krug. Bei ihr ist derzeit nur das Internet nicht funktionsfähig. "Wir bezahlen eine Menge Geld an die Telekom und kriegen nichts dafür", schimpft sie. "Eine Woche wäre ja noch in Ordnung, aber jetzt sind es bald vier Wochen - das ist ein Unding!"

Nach Auskunft der Dorfbewohner war eine Woche nach dem Sturm ein Mitarbeiter des technischen Dienstes vor Ort und hat am Verteilerkasten gearbeitet. "Bis dahin ging bei mir nur das Internet nicht - jetzt ist auch die Telefonleitung hin", sagt Schüler Contag. Ein weiterer Termin, den er mit der Telekom vereinbart habe, sei nicht eingehalten worden.

"Arbeitskampf trifft die Falschen"

"Inzwischen erreicht man niemanden mehr beim Störungsdienst der Telekom", sagt Waltraud Müller. "Da hängt man dann ewig in der Warteschleife und kommt zu niemandem durch." Jeder weitere Tag, den die Störung andauere, sei für die Schlosserei inzwischen eine enorme wirtschaftliche Belastung. "Streik hin, Streik her - wenigstens einen Notdienst muss es geben, den man erreichen kann."

Auch Ursula Krug sagt, dass der Arbeitskampf die Falschen treffe. "Ich kann die Leute, die streiken, schon verstehen. Aber sie treffen damit die kleinen Leute, nicht die Politiker und die Telekom-Oberen."

Die Gewerkschaft Ver.di hatte gestern gedroht, den Streik notfalls bis in den Herbst hinein fortzuführen. Die Telekom-Angestellten protestieren gegen eine geplante Auslagerung von 50.000 Mitarbeitern in Service-Gesellschaften, in denen sie für neun Prozent weniger Einkommen 38 statt bisher 34 Stunden arbeiten sollen.

Telekom-Chef René Obermann hatte am Dienstag noch erklärt, der Konzern sei "im Zweifelsfall auch gerüstet für einen längeren Arbeitskampf". Die Service-Einschränkungen durch die seit über zwei Wochen andauernden Streiks nannte er "überschaubar". "Wir sind noch nicht auf einem Niveau, das unsere Kunden allzu sehr belastet." Die Telekom habe noch "einen existierenden Kundenservice", trotz der Streiksituation.

Ver.di betont dagegen, der Streik zeige schon enorme Wirkungen. "Ziel der Telekom ist es, dass 90 von 100 Personen, die bei einer Hotline anrufen, auch durchkommen. Derzeit liegt die Quote aber nur bei 15 Prozent", sagt ein Ver.di-Sprecher. "Das bedeutet: 85 Prozent bleiben auf ihrem Problem sitzen." Schätzungen zufolge würden sich mehrere 10.000 Entstör- und Installationsaufträge bei der Telekom stapeln. Ob wie in Birkert komplette Orte betroffen sind, sei aber nicht bekannt.

Eine Telekom-Sprecherin räumt ein, dass sich der Streik tatsächlich auf den technischen Kundendienst auswirkt. "In normalen Zeiten dauert es im Durchschnitt drei bis fünf Tage, bis jemand kommt, um eine Störung zu beseitigen. Diese Zeit hat sich jetzt im Schnitt auf acht bis zehn Tage erhöht."

Telekom-Streik: Der Service sei kaum eingeschränkt, heißt es bei der Telekom
DPA

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"Es soll Fälle geben, in denen unerledigte Aufträge von Führungskräften gelöscht werden, damit die Liste nicht komplett überläuft", behauptet ein Ver.di-Sprecher. Solche Tricks würden aber auch in normalen Zeiten angewandt, um Vorgaben von der Telekom-Spitze einzuhalten. "Das sind jene Fälle, wenn man bei erneutem Anruf hört: 'Was? Diesen Fall habe ich gar nicht im System.'"

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE weiß der technische Kundendienst der Deutschen Telekom Chart zeigen nichts von dem Dorf ohne Anschluss in Südhessen. "Birkert? Hab ich nicht im System", sagt die Mitarbeiterin. "Ich nehm's aber gern mal auf."

Die Einwohner von Birkert hoffen, dass sie bald wieder übers Festnetz telefonieren und im Internet surfen können. "Es nützt nichts, zu einem anderen Anbieter zu wechseln - das Netz ist ja trotzdem gestört", sagt einer von ihnen. "Diese Dauerstörung hat ja aber auch was Gutes: Vielleicht lernen wir in diesen Wochen wieder, Briefe per Hand zu schreiben."



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