Neues Bestellerprinzip Die Vertreibung der Makler aus dem Paradies

Ab 1. Juni müssen Mieter nicht mehr automatisch die Maklerprovision zahlen, die paradiesischen Zeiten für die Vermittler sind dann vorbei. Doch Vorsicht: Die Agenten suchen Tricks und Wege, weiter an ihr Geld zu kommen - und finden sie.
Mieterdemo in Hamburg (Archiv): Strategien vor der Besichtigung zurechtlegen

Mieterdemo in Hamburg (Archiv): Strategien vor der Besichtigung zurechtlegen

Foto: Angelika Warmuth/ dpa

Diese Woche drängeln Makler noch ein wenig mehr als sonst. Für eine schicke 90-Quadratmeter-Wohnung lädt ein Berliner Vermittler am 30. Mai zur Rudelbesichtigung an den Leipziger Platz. Nebenkosten der neuen Wohnung kennt die Firma noch nicht, zu Heizkosten kann sie keine Angaben machen, der Energieausweis liegt noch nicht vor. Aber die Courtage kennt sie schon: Knapp 3200 Euro Provision inklusive Mehrwertsteuer werden fällig, sollte man der glückliche Mieter werden.

Dabei hat keiner der Wohnungsinteressenten den Makler beauftragt. Wenn's nach den Suchenden ginge, könnte der Makler bleiben, wo der Pfeffer wächst. Und das wissen auch die Makler und wollen schnell noch kassieren, bevor das neue Gesetz greift. Denn Mieter werden ab dem 1. Juni keine Courtage mehr zahlen müssen, sofern sie nicht selbst den Makler beauftragt haben. Der Gesetzgeber schätzt, dass die Wohnungssuchenden mehr als 300 Millionen Euro im Jahr sparen werden.

Seit Langem schon ist das Geschäftsgebaren eines großen Teils der Immobilienbranche den Kunden ein Graus: Sie müssen nicht nur eine Dienstleistung bezahlen, die sie nicht bestellt haben, sie müssen auch unverschämt viel dafür zahlen. Das kann man daran ablesen, dass viele Hausverwaltungen ihren Eigentümern die Suche nach einem Nachmieter zu deutlich niedrigeren Preisen anbieten als die heute üblichen zwei Monatsmieten plus Mehrwertsteuer. Für ein paar Hundert Euro sucht die Wohnungsverwaltung dem Eigentümer einen neuen Mieter, inklusive Vertrag, Wohnungsabnahme und Schlüsselübergabe.

Den Maklern ist daher völlig klar, dass künftig viele Wohnungseigentümer die Vermietung selbst übernehmen werden, anstatt einen von ihnen zu beauftragen. Das kam zuletzt bei Befragungen der Maklerbranche heraus.

Dennoch: So leicht wollen sich die Makler das Roastbeef nicht vom Brot nehmen lassen. Auf allen Ebenen haben sie zuletzt mobil gemacht, sind vors Bundesverfassungsgericht gezogen und sehen durch die neue klare - und eigentliche natürliche - Regel für die Beziehung zwischen Kunde und Dienstleister (nur wer bestellt, bezahlt) ihre Berufsfreiheit gefährdet. Das Verfassungsgericht ist einem Eilantrag zweier Immobilienmakler am Mittwoch trotzdem nicht nachgekommen. Hinter den Kulissen diskutieren manche Makler deshalb Strategien, mit denen sie die Entscheidung des Bundestags zum Schutz der Wohnungssuchenden umgehen wollen.

Makler nutzten legale und illegale Tricks

  • Legitim ist noch, wenn Makler künftig nicht mehr einzelne Wohnungen inserieren wollen, sondern sich als Experte für Berlin-Prenzlauer Berg, Hamburg-Ottensen oder den Münchner Stadtteil Schwabing präsentieren. Wohnungssuchende können dann den Expertenstatus anerkennen, den Makler beauftragen und auch bezahlen. Ganz im Sinne des Gesetzes.

  • Getrickst werden sollte dabei aber nicht. Greift der Makler nämlich zum Beispiel auf eine interne Datenbank mit Wohnungen zu, die Vermieter ihm gemeldet haben, haben ja diese Vermieter eigentlich den Auftrag erteilt und müssten ihn bezahlen. Beim Wohnungssuchenden zu kassieren ist nur erlaubt, wenn der Makler "ausschließlich" für den Wohnungssuchenden tätig gewesen ist .

  • Und auch der Trick, die Wohnungssuchenden bei der Besichtigung unterschreiben zu lassen, dass eigentlich sie den Makler beauftragt haben, ist ganz sicher nicht im Sinne des Gesetzgebers. Dabei wird die Not der Wohnungssuchenden ausgenutzt.

  • Noch perfider ist eine schon heute zu beobachtende Praxis: Vermieter nutzen den Wohnungsnotstand und verlangen hohe Abstandszahlungen für Küchen, Teppiche oder gebrauchte Möbel. Makler animieren dazu. Das ist zwar verboten. Aber wer den Vermieter darauf anspricht, der riskiert, bei der Vermietung nicht berücksichtigt zu werden.

Wer jetzt eine Wohnung sucht, sollte sich also auf solche Versuche vorbereiten und sich eine kleine Strategie zurechtlegen.

Cleverer als die einfache Verweigerung ist es, Vereinbarungen für zu hohe Abstände zu unterschreiben und dann die überzogenen Preise nicht zu zahlen. Sie können sogar etwaige erste Raten auf die Ablöse zurückverlangen. Zu hoch ist eine Ablöse, sobald der Kaufpreis in einem auffälligen Missverhältnis zum Wert der Gegenstände steht (§ 4a Abs. 2 WoVermittG) . Das gilt zum Beispiel, wenn der Preis einer gebrauchten Küche mehr als die Hälfte über dem Zeitwert (BGH, Urteil vom 23. April 1997, Az. VIII ZR 212/96)  liegt.

Verlangt der Vermieter, dass Wohnungssuchende auf ihr Kündigungsrecht verzichten (für bis zu vier Jahre ist das erlaubt), sollten Wohnungsinteressenten darauf bestehen, dass sie im Zweifel einen Nachmieter stellen dürfen.

Makler werden für den Vermieter versuchen, eine höhere Miete zu vereinbaren, um sich damit die Provision zu verdienen - zumindest in Städten, in denen preislich noch Luft nach oben ist. Das wird zukünftig aber in vielen Städten durch die Mietpreisbremse begrenzt werden. In Berlin gilt ab dem 1. Juni, dass der Preis pro Quadratmeter bei Neuvermietungen nicht mehr als zehn Prozent über dem Mietspiegel liegen darf. Über den Mietspiegel wird derzeit allerdings gestritten.

Noch einfacher wird in Zukunft die Suche von Wohnungen über Immobilienportale. Immobilienscout24 und Immowelt präsentieren heute schon Suchenden die Wohnungen, wie es früher nur Makler konnten. Provisionsfreie Wohnungen suchen konnte man dort schon länger. Um Wohnungssuchende und Vermieter noch passgenauer zusammenzubringen, haben neue Anbieter wie wohnungsboerse.net die Möglichkeit geschaffen, als Wohnungssuchender von sich ein Mieterprofil anzulegen, mit dem Vermieter besser entscheiden können, ob der Interessent zu der Wohnung passt. Und junge Leute mit kleinem Geldbeutel suchen Wohnungen schon länger bei Ebay-Kleinanzeigen .

Das Maklerparadies verschwindet, die Welt für Wohnungssuchende wird etwas einfacher. An diesem Wochenende sollten Wohnungsinteressenten aber noch die Füße stillhalten, keinen Kontakt zu neuen Maklern pflegen und nicht zu Besichtigungsterminen wie am Leipziger Platz in Berlin gehen und sich auch nicht registrieren lassen. Vermeiden Sie bis Montag einfach jeden Kontakt mit einem Makler - sonst könnte auch nach dem 1. Juni die Courtage für diesen Makler noch ganz legal fällig werden.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

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