Terrorismus-Versicherung Schachern um den Preis der Angst

Washington und die Wall Street streiten sich darum, wie die Wirtschaft gegen Terrorismus versichert werden kann. Denn ein neuer Anschlag könnte die US-Versicherungsbranche in die Knie zwingen. Doch das Weiße Haus sperrt sich gegen eine Beteiligung des Staates am Risiko.

Von , New York


New York - Die Terroranschläge des 11. September 2001 waren der teuerste Schadensfall der Geschichte. Sie kosteten die US-Wirtschaft rund 500 Milliarden Dollar. Bis zu 58 Milliarden Dollar allein gingen aufs Konto von Versicherungen und Rückversicherungen. Das schlug den bisherigen Branchenrekord, Floridas Hurrikan "Andrew" von 1992, der bei 21 Milliarden Dollar lag. Die Branche lag am Boden.

Feuerwehrmänner am Ground Zero: Supergau für Versicherungen
AP

Feuerwehrmänner am Ground Zero: Supergau für Versicherungen

Dabei scheint es auch heute noch makaber, ein Ereignis wie den 11. September auf nackte Dollar-Summen zu reduzieren. Doch genau darüber streiten Washington und die Wall Street gerade: Sie schachern um den Preis der Angst.

Denn während die Präsidentschaftskandidaten beider Parteien wetteifern, wer denn der beste Mann oder die beste Frau ist, einen neuen Anschlag zu verhindern und "sie zu stoppen, bevor sie es tun können" (Rudy Giuliani), geht man hinter den Kulissen längst vom nächsten Terror-Gau aus. Hier herrscht ein ganz anderer Streit: Wie teuer wird es die USA kommen, wenn "es" tatsächlich wieder passiert? Und wer bezahlt dann die Rechnung?

Ohne viel Aufhebens billigte das US-Repräsentantenhaus jetzt eine Gesetzesvorlage mit dem Bandwurmtitel "Terrorism Risk Insurance Revision and Extension Act of 2007" (TRIREA). Dieses Gesetz würde die derzeitige Risikobeteiligung der Regierung an einer TerrorismusvVersicherung für Unternehmen - eine Beteiligung, die Ende dieses Jahres ausläuft - auf 15 weitere Jahre festschreiben. Ob die Vorlage aber durch den Senat kommt, ist fraglich. Und selbst wenn, hat das Weiße Haus angedroht, sie per Veto zu killen.

780 Milliarden Dollar Schaden in New York

Nach der bisherigen Regelung würde die Regierung im Falle eines neuen Anschlags einen Teil der anfallenden Versicherungskosten übernehmen, weil die Konzerne alleine überfordert wären. Diese Abmachung, von US-Präsident George W. Bush Ende 2002 in Kraft gesetzt, war eine Reaktion auf 9/11, der die Versicherungsriesen in die Knie gezwungen hatte. Jetzt will Bush die Last wieder ganz auf den Privatsektor abwälzen. Doch ohne Kostenteilung fürchtet die Branche den Versicherungs-Gau.

Dabei ist es ein sperriges Thema, das mit endlosen Zahlenkolonnen, komplexen Formeln und kaum lesbaren Fachberichten daherkommt und sich kaum für die großen Wellen eignet, die solche Reizthemen sonst schlagen. Und doch geht es an die Nerven der ganzen Nation.

Im Klartext lautet die Frage: Was kostet der Terror? Die American Academy of Actuaries, die Lobby der US-Versicherungsmathematiker, beziffert den Schaden eines nuklearen, biologischen, chemischen oder radiologischen Ernstfalls (NBCR) kürzlich auf Hunderte Milliarden Dollar. Allein in New York könnte ein NBCR-Angriff bis zu 780 Milliarden Verlust anrichten. Selbst eine Lkw-Bombe würde noch Versicherungskosten von zwölf Milliarden Dollar verursachen. Zum Vergleich: Der größte US-Versicherungskonzern AIG verdiente voriges Jahr 113 Milliarden Dollar, bei einem Marktwert von 177 Milliarden Dollar.

Das sind keine abstrakten Rechnungen. "Das US-Heimatland", hieß es im jüngsten National Intelligence Estimate (NIE), dem Bericht der Geheimdienste vom Juli, "wird über die nächsten drei Jahre mit einer dauerhaften und sich weiter entwickelnden Terrorbedrohung konfrontiert sein". Dank des Irak-Kriegs habe sich das Heer der Dschihadisten "sowohl in Zahl wie auch in geografischer Verteilung vergrößert". Es sei mit "vermehrten Anschlägen" zu rechnen.

Nicht messbares Risiko

Sich dagegen zu versichern, scheint auf den ersten Blick fast irrwitzig. Und doch denken immer mehr US-Konzerne darüber nach - trotz der Kosten. Die "take-up rate", der Anteil von Unternehmen, die sich eine Terrorismusversicherung zulegen, hat sich nach Angaben der Broker-Firma Marsh seit 2003 mehr als verdoppelt: von 27 auf 59 Prozent. Besonders beliebt seien diese Terror-Policen - oft in Kombination mit einer Gebäudeversicherung - bei Großkonzernen wie Wall-Street-Banken, Immobilienfirmen und Energieunternehmen in Städten, die als Terrorziele gelten: New York, Washington, Chicago, Los Angeles, Houston.

Die meisten Versicherungen scheuen allerdings davor zurück, Terror-Policen anzubieten. Nach Schätzung der US-Versicherungslobby AAI schließen 80 Prozent aller Firmen Terrorismus ausdrücklich von ihren Verträgen aus, angesichts der kaum lösbaren Probleme.

Denn Terrorismus ist anders als jedes andere Versicherungsrisiko: statistisch nicht messbar und in seiner Wahrscheinlichkeit nicht abzuschätzen - im Gegensatz etwa zu Autounfällen oder Unwetterschäden. Auch lässt sich das Risiko rechnerisch nicht allein durch Prämien abdecken. Und: Bisher weiß ja keiner, wie ein Worst-Case-Szenario wirklich aussähe.

Also verabschiedete der Kongress 2002 den Terrorism Risk Insurance Act (TRIA), um Versicherungen und Versicherungsnehmern unter die Arme zu greifen. Das Gesetz, das 2005 noch mal um zwei Jahre verlängert wurde, verteilt die Versicherungslast nach einer komplizierten Formel auf Privatbranche und Staat. Ähnliche Regeln gibt es in vielen europäischen Ländern. In Deutschland endet die Staatsgarantie für den Terrorversicherer Extremus, eine Gemeinschaftsinitiative der Versicherungswirtschaft, ebenfalls Ende 2007.

Warnung vom Rechnungshof

TRIREA, das neue US-Anschlussgesetz, würde das staatliche Netz bis 2023 strecken und die Schadenssumme, ab der die Regierung einspringt, von derzeit 100 auf 50 Millionen Dollar senken, um so auch kleinere Firmen zu schützen. Überdies hat es eine NBCR-Klausel - die bisher völlig gefehlt hatte - und deckt erstmals auch Terrorakte ab, wenn sie von Amerikanern in Amerika an Amerikanern verübt werden. Eine Expertenkommission solle darüber hinaus eine dauerhafte Lösung finden.

"Dieses Gesetz ist kritisch für die Branche und die wirtschaftliche Stabilität unserer Nation", sagt Robert Rusbuldt, der Chef der Brokerlobby IIABA. Doch schon im Repräsentantenhaus war die Vorlage ins Stocken geraten, nachdem der US-Rechnungshof GAO davor gewarnt hatte, dass das Gesetz die Staatsverschuldung noch weiter erhöhen würde und womöglich eine Steuererhöhung zur Folge haben könnte.

Das ist Gift für die Republikaner. "Sie könnten gut mehr als ein paar republikanische Stimmen verlieren", unkte der Abgeordnete Richard Baker über die Chancen von TRIEA im Senat. "Sie könnten das ganze Gesetz verlieren."

Noch 2002 hatte Bush das Ursprungsgesetz über allen Klee gelobt, mit den üblichen Schlagworten "Arbeitsplätze" und "Investitionen": "Terrorismusversicherung wird neue Jobs für amerikanische Arbeiter schaffen und Milliarden an neuen Investitionen für Bauprojekte im ganzen Land anfachen. Dieses Gesetz kommt zu einer wichtigen Zeit."

4,5 Milliarden Dollar für die Twin Towers

Fünf Jahre später ist all das offenbar nicht mehr so wichtig. Bushs Finanzministerium lehnte das Anschlussgesetz in seiner jetzigen Form ab: "Die Verlängerung widerspricht dem Ziel, die Rolle des Staates im Markt der Terrorismusversicherung zu reduzieren und zu eliminieren." Welche Ironie: US-Finanzminister Henry Paulson hatte sich, als er noch CEO des größten Wall-Street-Hauses Goldman Sachs war, vehement für eine Staatsbeteiligung an einer Terrorismusversicherung engagiert.

Das Office of Management and Budget des Weißen Hauses kündigte folglich an, man werde Bush ein Veto nahelegen, falls das Verlängerungsgesetz durch den Senat kommt und wirklich auf seinem Schreibtisch landet. Es wäre Bushs viertes Veto in diesem Jahr.

Wie chaotisch die Versicherungsfrage nach einem Terroranschlag aber ohne klärende Gesetze sein kann, zeigt der prominenteste Streitfall nach 9/11 - der von Larry Silverstein, dem Pächter des World Trade Centers. Silverstein, der Policen mit 24 verschiedenen Versicherungskonzernen hatte, bekam am Ende 4,6 Milliarden Dollar - aber erst nach jahrelangem Gerichtsstreit, bei dem es unter anderem darum ging, ob die Zerstörung der Twin Towers ein oder zwei Schadensfälle war.

Die Summe deckt nicht mal die Hälfte der Wiederaufbaukosten für Ground Zero ab.



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