Testpäpstin Dem Design-Unfug auf der Spur

Videorekorder, Einpark-Assistent, Lamellenvorhänge: Birgit Spanner-Ulmer untersucht, ob neue Produkte das Leben leichter machen - oder ob sie die Menschen zum Wahnsinn treiben, weil keiner sie richtig bedienen kann. Eine Hommage an Deutschlands wichtigste Design-Kritikerin.

Wenn Frau Professor Dr. Dr. Birgit Spanner-Ulmer ihren Job erklärt, muss man zuerst zuhören, dann aufstehen und mitkommen. Nachdem sie kurz und ganz nebenbei erzählt hat, dass sie die einzige weibliche Professur für Arbeitswissenschaft hat, geht’s an die Arbeit: "Hier haben Sie einen Lamellenvorhang, wie Sie ihn wahrscheinlich kennen. Ich möchte Sie nun bitten: Öffnen Sie diesen Lamellenvorhang, aber ohne dass die Lamellen hinterher in ihrem Drehwinkel verändert sind."

Frau Professor steht da und wartet. Und wartet. Und wartet, während ich schwitze. Verdammt, so ein blöder Vorhang, ruckelruckel, muss doch aufzukriegen sein. Frau Professor bricht den Versuch ab. "Lassen Sie’s. Hier haben wir ein Bedienelement mit zwei Funktionen. Sie müssen erst die Lamellenwinkelschnur drehen, bis zum Anschlag, erst dann öffnet sich ein Mechanismus, der auch den Vorhang öffnet. Früher hatten die Vorhänge zwei Schnüre: eine öffnete den Vorhang, eine veränderte den Lamellenwinkel. Das haben sie jetzt auf eine Schnur reduziert. Ich werde nie wieder bei dieser Firma Lamellenvorhänge bestellen."

So kann es für Unternehmen enden, wenn Spanner-Ulmer ihre Produkte untersucht. Entwicklungsleiter, mit denen die 43-Jährige telefoniert, bekommen dann nicht etwa einen Anraunzer. Oh nein, Spanner-Ulmer ist freundlich. Fröhlich und bestimmt wird sie dem Mann klarmachen: Das Ding, das du entwickelt hast, ist Schrott, konstruiere es künftig so, dass ungeübte Lamellenbenutzer auf Anhieb verstehen, wie es funktioniert.

Und ebenso fröhlich und bestimmt erklärt die Professorin jedem Besucher, wie ihre Forschung funktioniert, nach welchen Kriterien sie entscheidet, ob es sich bei dem eckigen Knopf um geniale Ergonomie handelt – oder nur um effektheischerisches Design: "Ergonomie bedeutet, alles mit geschlossenen Augen zu finden – Design ist, wenn man trotzdem hinschaut" sagt sie. "Und diesen Lamellen hilft nicht einmal das genaue Hinschauen mehr."

Eigentlich müsste die Menschheit der Professorin am Institut für Betriebswissenschaften und Fabriksysteme (IBF) der TU Chemnitz dankbar sein – auch wenn sich ihre Arbeit nur schwer in Zahlen fassen lässt. Denn wie, bitte schön, ist die Maßeinheit für Nervenschweiß?

Die Sinnhaftigkeit von Spanner-Ulmers Arbeit umschreibt die TU Chemnitz so: "Mit der Ausbildung in diesen Studienrichtungen verfolgt das Institut das Ziel, einen ganzheitlich denkenden, interdisziplinär und damit kooperativ arbeitenden Ingenieur auszubilden, der in der Lage ist, Produktionsstätten zu gründen, zu entwerfen sowie die Geschäfts- und Produktionsprozesse der Unternehmen zu gestalten und wirtschaftlich zu betreiben." Verfolgt wird dieses hehre Vorhaben in einem der praxisbezogensten Lehrstühle Deutschlands.

Spanner-Ulmer betreibt keine Grundlagenforschung, sondern nimmt das Designmotto "form follows function" wörtlich. "Design ist in letzter Konsequenz nicht entscheidend für Kundenzufriedenheit", glaubt sie, die 1995 "für hervorragendes technisches Wissen" als erste Frau den Ehrenring des Vereins Deutscher Ingenieure erhielt.

1999 wurde ihre Habilitation über rechnergestütztes Lernen beim Arbeitsschutz mit dem IAS-Preis geehrt. Die Karlsruher Stiftung rühmt damit herausragende Arbeiten, die dazu beitragen, Gesundheit und Sicherheit in Betrieben und Betriebsstrukturen zu fördern. Kein Wunder also, dass Spanner-Ulmer für Unternehmen seit Jahren einer der gefragtesten Gesprächspartner ist.

Viele technische Optimierungen ziehen fast zwangsweise das Thema Benutzerfreundlichkeit nach sich. Die Auswüchse der Machbarkeit, die hochgradige Technologie-Degenerierung im Zaum zu halten, das wird im neu eingerichteten Usability Labor in Chemnitz tagtäglich versucht.

Hinter einer halbdurchsichtigen Glasscheibe sitzen Spanner-Ulmers Studenten und beobachten, wie sich Probanden damit schwer tun, einen digitalen Wecker ohne Bedienungsanleitung zu programmieren oder gar einen Videorekorder intuitiv zu bedienen. Und je hilfloser die Versuche sind, desto inhaltsreicher werden die Optimierungsvorschläge an die Produktentwicklung der auftraggebenden Hersteller.

Dabei geht es längst nicht nur um so ärgerliche, aber letztlich banale Probleme wie fehlende Bedienungsanleitungen für Digitalwecker. Gibt es zum Beispiel in einem Flugzeug einen Knopf mit zwei Funktionen (einmal drücken: beschleunigen, zweimal drücken: Richtung wechseln), untersucht Spanner-Ulmer, welch verheerende Wirkung im Falle einer Verwechslung eintreten kann. "Das ist kein Luxusproblem, das wir erforschen. In den USA sterben jedes Jahr 80.000 bis 100.000 Menschen aufgrund menschlichen Versagens bei der Bedienung der Medizintechnik", sagt sie, "und wenn man sich nur mal die Bereiche Atomkraftwerke, Flugzeugtechnologie oder Maschinensteuerungssysteme anschaut, dann weiß jeder um die Brisanz meines Faches."

Im Moment arbeitet Spanner-Ulmer hauptsächlich für die Automobilindustrie und deren Zulieferer. "Gerade weil so viele Laien ein Todeswerkzeug unter ihrem Hintern haben, muss man sehr genau im Vorfeld prüfen, was mehr Konfusion erzeugt als Erleichterung bringt." Da ist zum Beispiel der neu entwickelte Fahrassistent im Auto: Verlässt das Fahrzeug die Spur, ruckelt das Lenkrad. Sekundenschläfer sollen so wachgerüttelt werden, bevor sie das Auto gegen eine Leitplanke setzen.

Allerdings, und das ist der größte Einwand von Spanner-Ulmer, wird diese vermeintliche Sicherheit schnell durch den Zusatzstress aufgehoben, wenn verschiedene Anzeigen diese Funktion innehaben. "Man kann den Spurhalteassistenten als eine Art Popometer in den Sitz installieren, wie beim Citroën", sagt Spanner-Ulmer, "oder als Audi-Version: das wäre dann eine Lenkradvibration. Woher soll aber zum Beispiel ein Kunde, der ein Auto mietet, wissen, wie der Spurwarner in diesem, ihm unbekannten Auto genau funktioniert?"

Autonärrin seit der Kindheit

Spanner-Ulmer liebt Autos, besonders ihren Audi A6 3,0 TDI. Die Vorliebe fürs Fahrbare war schon im Alter von fünf Jahren ausgeprägt, als sie alle Automarken aufsagen konnte und ihre Eltern ratlos werden ließ: In ihrer Familie gab es keinen einzigen Autonarren. Ihre Mutter war Geschichts- und Deutschlehrerin und brachte der Tochter die Liebe für Kultur und Literatur bei.

Der Vater, ein Bankdirektor, tüftelte gern und lebte seinen Kindern vor, dass man "manches einfach ausprobieren muss und nicht ewig darüber nachdenken soll". Nach dem Abitur wollte sie eigentlich Medizin studieren, bekam aber keinen Studienplatz und schrieb sich so erst einmal in Karlsruhe für Betriebs- und Wirtschaftsingenieurwesen ein, später kam die Weiterqualifizierung zur Arbeitswissenschaft dazu. "In diesem Fach fällst du allein durch dein Geschlecht auf. Sagst du was Dummes, fällt das mehr auf als bei Männern, sagst du etwas Gescheites, auch. Also muss man als Frau immer ein Stückchen besser sein." Und das war sie.

Nach Promotion und Habilitation arbeitete Spanner-Ulmer fast sechs Jahre bei Audi im Bereich der Produktplanung und der technischen Entwicklung. Welche Knöpfe sollten rund, welche eckig sein? Wie groß müssen die Schriftgrößen auf den Anzeigen sein? Wie müssen Autositze konstruiert sein, damit der Fahrer möglichst keine Rückenschmerzen bekommt? Mit derartigen Fragen der Produktergonomie sollen sich auch ihre Studenten beschäftigen.

Weiter zu Teil zwei: "Männer verzeihen der Technik mehr. Frauen sind da ungeduldiger."

Seit 2004 leitet Spanner-Ulmer das Institut mit 16 Mitarbeitern, das sie nahezu paritätisch besetzt hat. "Es sind zwar mehr Männer in diesem Fachgebiet – aber sie forschen eindeutig mehr für Frauen", sagt die Professorin. "Männer verzeihen einer schlecht funktionierenden Technik mehr. Nie würden sie zugeben, dass sie eine Bedienungsanleitung nicht verstehen. Sie tüfteln so lange, bis es klappt. Frauen sind da ungeduldiger."

Inzwischen gibt es aber eine neue Zielgruppe, die nicht unreflektiert, sondern konsequent reduziert konsumiert. Man könnte sie als "Manufactum-Klientel" beschreiben – Menschen, die gute Gebrauchsgegenstände ohne überflüssigen Zusatz wollen. Gerade für eine ständig alternde Gesellschaft ist es wichtig, dass die Geräte nicht mehr Funktionen haben, sondern auf das Nötigste reduziert sind. "Senioren-Handy zum Beispiel – das klingt nach Behinderung. Wenn es der Industrie gelingt, ein robustes Handy mit Minimal- Funktionen auf den Markt zu bringen, das gerade auch für jüngere Menschen in seiner Reduktion attraktiv erscheint, dann kaufen es auch die Alten."

Ihren Studentinnen und Studenten geht der Forschungsstoff nie aus. Das liegt vor allem daran, weil Spanner-Ulmer den Kontakt zur Industrie sucht und immer wieder mit konkreten Aufgaben betraut wird, etwa zum Thema Arbeitszufriedenheit. Zu den einzelnen Schwerpunkten "Ausführbarkeit", "Erträglichkeit", "Zumutbarkeit" liefert sie Forschungsergebnisse, die später in Methodikverbesserungsvorschlägen münden.

Zusammen mit Siemens entwickelte Spanner-Ulmer so ein Verfahren zur Verbesserung der Teamarbeit. Und mit mittelständischen Unternehmen der Region entwarf Spanner-Ulmer ein Zeiterfassungssystem, das Produktionsabläufe optimiert. In ihre Vorlesungen marschieren denn auch schon mal Werksleiter, um den Studenten zu erzählen, was sie genau in ihrem Unternehmen machen.

Rote Türen, sterbende Blumen

Wenn man sich die Räume anschaut, in denen Spanner-Ulmer täglich arbeitet, hat sie diese Optimierungsprinzipien – Ausführbarkeit, Erträglichkeit, Zumutbarkeit – auch bei sich umgesetzt. Das IBF sieht futuristisch aus: Glas, lange Flure, schlichte rote Türen als Blickfang. Schreibtisch-Fitnessprogramme dienen als Bildschirmschoner.

Die Bücher stehen geordnet in Regalen, Grünpflanzen gibt es nur wenige, die Schreibtische sind konferenztauglich und haben, ebenso wie kleine Regale, Rollen unter den Füßen – für den schnellen Arbeitsplatzumbau, wenn es denn nötig sein soll. Ein gestalteter Gebäudekomplex, von dem Geisteswissenschaftler sagen würden, hier fehlt die Seele – und die sich dann doch in den Räumen wohl fühlen würden.

"Ursprünglich wollte der Architekt noch Safrangelb und Blau in die Inneneinrichtung integrieren, aber da habe ich gestreikt", sagt Spanner- Ulmer, "die Farbgebung sollte technikaffin und klar sein." In ihrem eigenen Büro die einzige Inkonsequenz: keine Grünpflanzen, und wenn die Sekretärin nicht da ist, nur sterbenskranke Schnittblumen.

Spanner-Ulmers Vorgänger in Chemnitz hat sich vor allem mit der Fertigung am Arbeitsplatz beschäftigt, sie selbst arbeitet mehr an der Systemoptimierung in der Fahrzeugbranche. Ein Einpark-Assistent bei Fahrzeugen? Grundsätzlich eine gute Idee – nur: Wo soll er installiert werden?

Leuchtdioden im Rück-Dachhimmel würden den Fahrer dazu zwingen, trotz Assistent den Kopf zu drehen. Fallen die Dioden aus, würde er also gleich in die richtige Richtung schauen. Möglich ist es auch, eine kleine Radarfigur auf dem Fahrerdisplay erscheinen zu lassen. Oder, das ist die dritte Möglichkeit, an der Spanner-Ulmer zurzeit forscht, im Auto ist eine Rückwärtskamera installiert – "die geschickteste Variante, weil sie sich der Realität am meisten annähert und der Fahrer diesen Bezug am ehesten versteht. Zu abstrakt, zu virtuell dürfen die Einpark-Hilfen nicht sein, sonst funktionieren sie nicht."

Designer und Ingenieure haben häufig Scheuklappen auf, sie merken nicht, dass sie vielfach übers Ziel hinausschießen. Spanner-Ulmers Aufgabe ist es, diese Klappen abzunehmen und die übersteigerte Funktionalität eines Gerätes zu hinterfragen. Getreu einem Goethe-Wort, das als Motto im Eingang des IBF hängt: "Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun."

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