Teuerung Experte schätzt subjektive Inflationsrate auf 8,8 Prozent

Die Statistiken verkünden es seit Monaten: Die Preise steigen auf breiter Front. Doch die nackten Zahlen der Statistiker vermitteln nur die halbe Wahrheit. Die Verbraucher empfinden die Teuerungswelle noch viel dramatischer.


Frankfurt am Main - Im Prinzip ist es seit der Einführung des Euro jedes Jahr das Gleiche: die Verbraucher stöhnen wegen der ihrer Meinung nach deutlich gestiegenen Preise, die Statistiker aber geben Entwarnung. Die Inflationsrate liegt jedes Mal deutlich unter dem Wert, den der Mann auf der Straße schätzt.

Einkaufsmeile in Köln: Verbraucher messen Inflation an Butter, Brötchen und Benzin
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Einkaufsmeile in Köln: Verbraucher messen Inflation an Butter, Brötchen und Benzin

Dem Phänomen ist der Schweizer Wissenschaftler Hans Wolfgang Brachinger nachgegangen - und er hat festgestellt, dass durchaus beide Perspektiven ihre Berechtigung haben. Der Statistik-Professor hat den "Index der wahrgenommenen Inflation" entwickelt, der aussagt, wie die Preisentwicklung von den Verbrauchern empfunden wird. "Vor allem die Waren des täglichen Bedarfs wie Butter, Brötchen oder Benzin haben sich in der letzten Zeit zum Teil stark verteuert", erklärt Brachinger. Das falle den Menschen natürlich sofort auf "und macht sich in den Geldbörsen auch ganz konkret bemerkbar". Schließlich würden solche Waren ja besonders häufig gekauft.

Tatsächlich günstiger wurden zuletzt nach Brachingers Erkenntnissen vor allem solche Produkte, die seltener angeschafft und deren Preise damit eben auch weniger stark wahrgenommen würden, wie etwa Flachbildschirme, PCs oder Camcorder. Außerdem bewerten laut Brachinger Verbraucher Verluste stärker als Gewinne, was dazu führe, dass Preissenkungen zugunsten der Haushaltskasse schlicht weniger Beachtung finden. Solche psychologischen Aspekte werden bei der Berechnung der amtlichen Teuerungsrate aber nicht berücksichtigt. Hier werden alle Preisveränderungen eines repräsentativen Warenkorbs gleich behandelt und entsprechend den jährlichen Ausgaben eines Durchschnittshaushalts gewichtet.

"Inflationsgefühl wird hoch bleiben"

Im Dezember 2007 lag die wahrgenommene Inflation bei 8,8 Prozent, fast dreimal so hoch wie der amtliche Wert von 3,2 Prozent. Dieses Phänomen erinnert Brachinger an die Einführung des Euros. Damals erreichte sein Wahrnehmungsindex ähnlich hohe Werte, und rasch war vom "Teuro" die Rede.

Die subjektiven Wahrnehmungen als bloße Befindlichkeit abzutun, sei jedoch unangebracht. Denn sie hätten durchaus konkrete Folgen, erklärt der Statistiker: "Die Käufer halten sich eher zurück und stellen angesichts einer hohen gefühlten Inflation größere Investitionen erst einmal zurück" - auch wenn nicht gerade alltägliche Güter wie technische Geräte nachweislich günstiger geworden sind.

Teures Deutschland - Inflation im Januar 2008

Veränderung geg. Vorjahresmonat
in Prozent
Veränderung geg. Vormonat
in Prozent
Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke 7,2 1,4
Alkoholische Getränke, Tabakwaren 1,0 0,3
Bekleidung und Schuhe 0,5 -2,6
Wohnung, Wasser, Strom, Gas, usw. 2,7 0,8
Einrichtungsgegenstände, Haushaltsgeräte u.ä. 1,5 0,0
Gesundheitspflege 1,8 0,8
Verkehr 4,9 0,6
Nachrichtenübermittlung -2,9 -0,4
Freizeit, Unterhaltung u.ä. -0,3 -4,7
Bildungswesen 34,2 0,5
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen 2,2 -4,3
andere Waren und Dienstleistungen 2,2 0,8
Inflation gesamt 2,8 -0,4

Quelle: Statistisches Bundesamt

"Es gab aber auch Zeiten, in denen die wahrgenommene Inflation unter dem Wert der amtlichen Inflationsrate lag", betont der Indexspezialist. Dies sei zum Beispiel vor der Euro-Einführung so gewesen. Seinerzeit hätten sich viele Anbieter vor allem im Lebensmittelbereich - einen starken Wettbewerb mit sinkenden Preisen auf breiter Front geliefert.

Mit Blick auf die weitere Preisentwicklung in diesem Jahr geht Brachinger von einer weiteren Steigerung aus: "Eine Jahresinflation um 2.5 Prozent ist realistisch", sagte Brachinger. "Und das Inflationsgefühl wird hoch bleiben."

Von Daniel Rademacher, AP



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