SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. November 2008, 12:44 Uhr

Teure Energie

Verbraucherschützer rechnen mit Gaspreishoch bis zum Frühjahr

Von

Zum Winteranfang wird Gas an vielen Orten noch teurer. Die wenigen Versorger, die jetzt Gebühren senken, haben sie zuvor erhöht. Verbraucherschützer fürchten, dass das Preishoch bis zum Frühjahr anhält. SPIEGEL ONLINE zeigt, mit welchem Anbieter Sie jetzt Geld sparen können.

Hamburg - Der Winter kommt, die Nächte werden kälter - doch eine warme Wohnung erscheint aufgrund der Rekordpreise fast wie Luxus. Vor allem wenn man mit Gas heizt, gefriert einem beim Blick auf die Heizkostenabrechnung schier das Blut in den Adern.

Gasverdichterstation bei Erfurt: Keine signifikanten Preissenkungen bis zum Frühling
DPA

Gasverdichterstation bei Erfurt: Keine signifikanten Preissenkungen bis zum Frühling

Durchschnittlich 20.000 kWh Gas verbraucht eine drei- bis vierköpfige Familie im Jahr. Im Oktober musste sie für diese Menge im Schnitt 1571 Euro zahlen, berichtet das unabhängige Verbraucherportal Verivox.de. Anfang 2008 waren es noch 1361 Euro - das entspricht einer Steigerung von rund 15,4 Prozent.

Das Ende des Preishochs ist noch lange nicht absehbar: 75 regionale Anbieter haben laut Verivox zum 1. November ihre Preise noch einmal erhöht, viele von ihnen verlangen über ein Zehntel mehr Gebühren. Dutzende weitere wollen zum 1. Dezember oder zum 1. Januar die Preise erhöhen.

Nur wenige Versorger wollen dagegen ihre Kunden entlasten. Bis zum 7. November kündigten gerade 24 von ihnen Preissenkungen an - das sind nur etwa drei Prozent der insgesamt rund 750 Anbieter. Und diese geben oft nicht an, wie viel weniger sie konkret verlangen wollen (siehe Tabelle 1).

Am Dienstagvormittag hat nun auch der Essener Energiekonzern RWE seinen Kunden eine Gaspreissenkung für Anfang kommenden Jahres in Aussicht gestellt. Zum Umfang wollte sich Finanzchef Rolf Pohlig aber ebenfalls nicht äußern.

Nach Meinung von Verbraucherschützern sind die Preissenkungen zwar begrüßenswert - aber dennoch Mogelpackungen. Viele Versorger, die jetzt Nachlässe gewähren, haben ihren Kunden zuvor starke Aufschläge zugemutet. Die meisten erhöhten ihre Gaspreise seit Jahresbeginn um 20 bis 30 Prozent.

Die jetzigen Senkungen gleichen das nicht aus. Für Januar taxiert Verivox den durchschnittlichen Gaspreis auf 1578 Euro für 20.000 kWh. Gerade fünf der 24 Preissenker werden mit ihren Gebühren diesen Durchschnittswert unterschreiten. Bei allen anderen kosten 20.000 kWh zwischen 1600 und 1800 Euro - und damit überdurchschnittlich viel.

Diese Rechnung gilt in Teilen auch für den Versorger EnBW . Das Unternehmen teilte auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage mit, dass es alle Tarife, die zum 1. November erhöht wurden, zum 1. Januar in einem vergleichbaren Umfang wie der Tarif ErdgasPlus wieder gesenkt werden. Das entspräche einer Senkung von vier Prozent. Demgegenüber stehen teils saftige Erhöhungen. So hat EnBW den Tarif Erdgas Flex Online zum 1. November von 1342 auf jetzt 1602 Euro erhöht. Das entspricht einer Preissteigerung von 19,3 Prozent.

Signifikante Preissenkungen erst im Frühjahr

Auch in den kommenden Monaten können die meisten Kunden offenbar nicht mit Entlastungen rechnen. Thorsten Kasper, Energiefachmann beim Verbraucherzentrale Bundesverband, rechnet erst mit deutlichen Preisnachlässen, wenn es draußen wieder wärmer wird - und folglich weniger geheizt werden muss.

"Es steht zu befürchten, dass die Preissenkungen, die aufgrund des sinkenden Ölpreises eigentlich anstehen müssten, bis ins Frühjahr verschleppt werden", sagt Kasper SPIEGEL ONLINE. Auch Verivox rechnet erst im März und April mit deutlichen Kostennachlässen.

Der Gaspreis ist in Deutschland an den Ölpreis gekoppelt. Preissteigerungen und -senkungen werden mit einer Verzögerung von ungefähr sechs Monaten wirksam (nähere Hintergründe siehe Info-Box). Der Ölpreis hat sich seit Mitte Juli halbiert. Damals stand er noch auf einem Rekordhoch von rund 147 Dollar pro Barrel (159 Liter). Aktuell tendiert die Referenzsorte WTI um die 65 Dollar.

Verbraucherschützer kritisieren die uneinheitliche Preispolitik der Energieversorger. Bei einem Anstieg des Ölkurses werde der Gaspreis zügig angeglichen, bei einem Absinken komme es dagegen oft zu Verzögerungen, monieren sie. Die Energieversorger begründen das oft damit, dass sie unnötig vielen Preisanpassungen vorbeugen wollen. Würde der Ölkurs in absehbarer Zeit wieder steigen, müsste man die Gaspreise erneut korrigieren - wovon auch der Verbraucher nichts hätte.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos forderte die Versorger jetzt dennoch auf, schnell auf den Verfall des Ölkurses zu reagieren. Die Anbieter müssten die Preise noch vor Wintereinbruch senken, sagte der CSU-Politiker am Montag der "Bild"-Zeitung. "Man darf nicht nur schnell reagieren, wenn die Preise erhöht werden", sagte Glos. Sonst entstehe der Eindruck, dass die Preise über den Winter hochgehalten werden sollten.

Geld sparen durch Anbieterwechsel

Verbraucherschützer raten, nicht allzu stark auf in die Wirksamkeit solcher Appelle zu hoffen. Eher sollten Kunden selbst aktiv werden. Sie wollten überprüfen, ob sie bei ihrem derzeitigen Anbieter schon den günstigsten Tarif gebucht hätten, rät ein Verivox-Sprecher. Diese Tarife böten die meisten Unternehmen nicht von sich aus an. Auch der Wechsel zu einem anderen Anbieter könne viel Geld sparen. "Allmählich nimmt der Wettbewerb unter den Gasversorgern zu", sagte der Sprecher.

Grundsätzlich sollte man beim Wechsel des Energieanbieters einige Faustregeln berücksichtigen. Kunden sollten zum Beispiel darauf achten, dass im neuen Vertrag eine Preisgarantie für mindestens ein halbes Jahr steht. Außerdem sollte man nicht per Vorkasse bezahlen und keine Kaution hinterlegen (siehe Info-Box).

Wo kostet Gas wie viel? SPIEGEL ONLINE gibt den Überblick.

URL:


Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung