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13. Juli 2007, 17:57 Uhr

Teure Energie

Warum der Ölpreisschock seinen Schrecken verloren hat

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Der Ölpreis steht kurz vor einem neuen Rekord - doch diesmal scheint das niemand so recht zu erschrecken. Obwohl hohe Energiekosten Unternehmen auf Dauer belasten, setzen die Börsen ungerührt ihre Rekordjagd fort. Einige Firmen könnten sogar zu Profiteuren der Ölpreis-Hausse werden.

Hamburg - Autofahrer spüren es bereits. Erdöl, das schwarze Gold, das die ganze Wirtschaft wie auch ihre Motoren antreibt, ist wieder deutlich teurer geworden. Benzinpreise von mehr als 1,40 Euro pro Liter verderben vielen die Urlaubslaune. Heute kostete ein Fass (159 Liter) Erdöl der wichtigsten Nordseesorte Brent bis zu 77,31 Dollar. Viel fehlt nicht mehr bis zum Rekordwert von 78,63 Dollar, der im August 2006 erreicht wurde.

Katastrophenstimmung kommt jenseits der Tankstellen trotzdem nicht auf. "Vor fünf Jahren wäre man bei einem Ölpreis von 75 Dollar vom Stuhl gefallen", sagt Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Jetzt reagieren die Börsen kaum noch auf neue Preissteigerungen. Selbst Schreckensmeldungen, wie sie die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem neuen Monatsbericht verbreitete, sorgen nur kurzzeitig für Unruhe: In fünf Jahren werde das Öl knapp, so die IEA. Das Angebot wachse langsamer, die Nachfrage aber schneller als gedacht. Die Pumpe der Weltwirtschaft droht lahm zu werden.

43 Prozent weniger Energie für gleiche Leistung

Das Wort "Ölpreisschock" hat viel von seinem Schrecken verloren. Ein Grund dafür liegt darin, dass der Ölpreis in den vergangenen Jahren ohne große Sprünge nach oben kletterte. Die Wirtschaft konnte sich daran gewöhnen, dass ihr wichtigster Treibstoff teurer wird. Die Verbraucher sind sparsamer geworden, selbst der Benzinabsatz ging zurück.

Für deutsche Unternehmen gibt es einen besonderen Grund zur Gelassenheit. "Wir sind nicht mehr so abhängig vom Öl wie noch vor 30 Jahren", sagt Kemfert. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft werden heute gut 43 Prozent weniger Energie als vor der ersten Ölkrise 1973 für die gleiche Wirtschaftsleistung benötigt. Die Unternehmen haben Energie gespart, um ihre Kosten zu senken.

Diese Entwicklung lief zwar weltweit ab, doch offenbar war der Kostendruck nicht überall so hoch wie hier. Möglicherweise hat sogar die vergleichsweise hohe Mineralölsteuer Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit befördert. Jedenfalls ist die hiesige Wirtschaft deutlich weniger energieintensiv als die der USA oder des Schwellenlandes China.

Unwahrscheinlich ist eine neue Ölkrise vor allem deshalb, weil der Anstieg der Ölpreise die Wirtschaft im Aufschwung trifft. Die Angebotsschocks von 1973, als die Opec-Länder die Ölförderung drosselten, und 1979 nach der iranischen Revolution konnten so große Wirkung entfalten, weil die Weltkonjunktur ohnehin zum Abschwung ansetzte.

100 Dollar "nur eine Frage der Zeit"

Sogar der starke Euro , der zurzeit die Exportindustrie bekümmert, erweist sich als Standortvorteil, wenn es ums Öl geht. Denn im gleichen Maß, wie Waren aus der Eurozone im Ausland teurer werden, sinkt der Preis für Güter, die wie Öl in Dollar verkauft werden, hierzulande. Also bekommt die deutsche Wirtschaft dank des starken Euros den Ölpreisanstieg nur gedämpft mit. Außerdem profitiert sie von der wachsenden Kaufkraft in den Öllieferländern, die ihre Petrodollars vorzugsweise in deutsche Maschinen und Industrieanlagen zurückfließen lassen.

Doch auch wenn er keinen Schock auslöst, belastet der hohe Ölpreis auf Dauer Unternehmensgewinne und Bruttoinlandsprodukt. Außerdem könnte er Inflationsängste in der Zentralbank und damit den Anstieg der Zinsen befördern. Im Januar lag der Ölpreis auf seinem Zwischentief von 50 Dollar pro Fass im Rahmen der meisten Modellrechnungen von Unternehmen, Anlagestrategen und Wirtschaftsforschern.

DIW-Forscherin Kemfert nennt als Faustregel, dass die Wirtschaft um 0,2 Prozentpunkte weniger wächst, wenn der Ölpreis in sechs Monaten 20 Dollar zulegt. Das war seit Januar der Fall. Sollte der Ölpreis sein Niveau bis Jahresende halten, wären Deutschland also 2007 immerhin rund vier Milliarden Euro entgangen. Wirkliche Krisenzeichen sieht Kemfert aber noch weit entfernt. "Von 100 Dollar aufwärts", sagt sie, "wird es für die deutsche Wirtschaft schmerzhaft".

20 Dollar in sechs Monaten kosten 0,2 Prozent Wachstum

Unbeirrt auf Rekordkurs: Deutscher Aktienmarkt
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Unbeirrt auf Rekordkurs: Deutscher Aktienmarkt

Genau das ist aber für Nikolaus Keis, Volkswirt der HypoVereinsbank, "nur eine Frage der Zeit", wenn auch in diesem und dem kommenden Jahr noch unwahrscheinlich. Spekulation spiele beim Auf und Ab der Ölpreise sicher auch eine Rolle, sagt Keis. Für den Trend nach oben gebe es aber genügend fundamentale Gründe.

Für den kurzfristigen Anstieg macht der Ökonom die relativ geringen Benzinvorräte zu Beginn der US-Ferienreisezeit, die politische Unsicherheit in manchen Ölförderländern und die Prognose einer heftigen Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko verantwortlich. In wenigen Wochen werde der Ölpreis sein zyklisches Hoch erreichen. "Wenn wirklich ein Hurrikan kommt, der Produktionsanlagen zum Ausfall bringt, sind die 80 Dollar keine Frage", meint Keis.

Das wäre aber nur der Auftakt zu einem längeren Anstieg, der vom wachsenden Energiehunger von Ländern wie China und Indien einerseits, der begrenzten Produktionskapazität andererseits angetrieben wird. Die These, dass die auf Öl basierende Wirtschaft ihren Höhepunkt bald überschreitet, weil die Fördermengen abnehmen (bekannt als Peak Oil), ist inzwischen aus der Spinnerecke heraus.

"Der Peak steht unmittelbar bevor", sagt Keis. Aus den US-Ölfeldern sprudelt schon seit den 70ern immer weniger Öl, inzwischen haben auch die Nordsee und Mexiko ihren Peak gemeldet. "Viele haben das nicht wahrhaben wollen", so Keis.

Selbst wenn die düstere Prognose zutrifft, gibt es für Anleger noch etwas zu gewinnen: indem sie auf diejenigen Unternehmen setzen, die am besten auf eine Ökonomie knapper werdenden Öls vorbereitet sind.

Wie man vom teuren Öl profitiert

Der Weltnachfrage von 86 Millionen Fass pro Tag stehen Produktionskapazitäten von nur 88 Millionen Fass gegenüber, schreibt die US-Investmentgesellschaft Invesco in ihrem neuen Marktbericht. Weil jedes Wachstum der Weltwirtschaft um 2 Prozent den Bedarf um eine Million Fass pro Tag erhöhe, müssten gewaltige Summen in Produktionsanlagen investiert werden.

Wer am meisten davon profitiert, ist für die Analysten klar. "Ein großer Anteil dieser Mittel fließt direkt den Öldienstleistern zu", heißt es in dem Bericht. Die Aktien dieser Unternehmen seien außerdem noch vergleichsweise günstig. Als mögliche Gewinner neben den Ölkonzernen selbst sieht Invesco die Anbieter alternativer Energiequellen wie Flüssiggas oder Ethanol. Wegen der niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnisse sei der Zeitpunkt zum Einstieg gut. Für den deutschen Aktienmarkt ist diese Nachricht allerdings nur wenig erfrischend: Keine dieser Branchen hat einen Vertreter im Dax .

Auch Cominvest-Fondsmanager Klaus Breil setzt in erster Linie auf Öldienstleister und die Ölkonzerne selbst als Profiteure steigender Ölpreise. Die französische Total und Norwegens Staatskonzern Statoil haben nach Breils Einschätzung das größte Potenzial, ihre Förderkapazität auszuweiten.

Doch Gewinner des höheren Ölpreises lassen sich quer durch alle Branchen finden. "Gewinner sind all die Unternehmen, die ihre Hausaufgaben beim Energiesparen gemacht haben", sagt Breil. Dadurch gewinnen sie Vorteile gegenüber ihren Wettbewerbern.

Für Dienstleistungsfirmen, die ohnehin nicht viel Energie verbrauchen, ist dieser Faktor zu vernachlässigen. In den energieintensiven Branchen hat der Dax aber einige Trümpfe zu bieten. In der Autoindustrie sei der Trend zu sparsameren Motoren "noch nicht ganz offenkundig", räumt Breil ein. "Aber wir spüren ein Umdenken." Unter den Dax-Titeln liegen Volkswagen und BMW in ihrer jeweiligen Produktklasse vorn - oder am wenigsten hinten, je nach Sichtweise.

Lufthansa am Öltropf

Sogar in der Luftfahrt, die am direktesten am Öltropf hängt, sieht Breil Fortschritte, weil sie den Verbrauch pro Sitzplatz kräftig reduziert hat. Da die Branche ihre Kosten insgesamt stark senken konnte, würden höhere Energiepreise sie nicht mehr so schnell in die Krise treiben. Hier ist die Lufthansa einziger Vertreter im Dax.

Die Chemieindustrie, ebenfalls einer der größten Ölverbraucher, hat ihre Produktivität besonders stark erhöht. "BASF ist ein Musterbeispiel", sagt Breil. Außerdem könnten die deutschen Hersteller hochwertiger Produkte steigende Preise leicht an ihre Kunden weitergeben. Zudem profitiert die BASF über ihre Tochter Wintershall auch direkt von steigenden Energiepreisen.

Anlagenbauer wie Siemens profitieren zudem vom Petrodollar-Recycling. Peak Oil bedeutet zwar ein Schreckensszenario für die deutsche und die Weltwirtschaft, aber auch eine Chance für anpassungsfähige Anleger.

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