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Medien Teure Heirat

Mit Milliardengeboten kämpfen US-Konzerne um den gewinnträchtigen Markt der Telekommunikation.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Er selbst gilt in den USA als einer der mächtigsten Männer der Medienbranche, und für Leute, die mit der Macht umzugehen wissen, hat er viel Sympathie. Nur Politiker kann John Malone, 52, nicht leiden: »Ich habe Mühe, das zu verbergen.«

Da wird er sich in Zukunft ein wenig plagen müssen: Malone, Teilhaber und Chef der Tele-Communications Inc. (TCI), des größten Kabelfernseh-Anbieters der USA, wird die Politiker noch brauchen.

Gemeinsam mit Raymond Smith, dem Chef der in Philadelphia ansässigen Telefongesellschaft Bell Atlantic, hat Malone die größte Firmenübernahme in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte eingefädelt. Die Behörden in Washington müssen dieser neuen Machtkonzentration im Medienmarkt noch zustimmen.

Bell Atlantic, eine der sieben amerikanischen Regional-Telefongesellschaften, will TCI übernehmen, den größten Anbieter von Kabelfernsehen im Lande. Die beiden Firmen wollen sich so auf den riesigen Zukunftsmarkt einstellen, auf dem Fernsehen, Video, Telefon und Computer zu einem Mediengemisch zusammenwachsen.

Bell will 30,9 Milliarden Dollar für die TCI ausgeben, einschließlich der übernommenen Schulden von 9,6 Milliarden. Damit wird sogar der Verkauf des Nahrungsmittel- und Tabackonzerns Nabisco übertroffen, bei dem es um eine Summe von 30,6 Milliarden Dollar ging - 24,6 Milliarden (siehe Grafik) plus Schuldenübernahme.

Die jüngste Mammutfusion hat Wettbewerbspolitiker und Verbraucherschützer in den USA aufgeschreckt. Bell Atlantic beherrscht praktisch ein Monopol für lokale Telefondienste in sechs Bundesstaaten an der Ostküste und in der Hauptstadt Washington. TCI beliefert jeden vierten verkabelten US-Haushalt - auch im Bell-Gebiet.

Howard Metzenbaum, ein prominenter Wettbewerbspolitiker im US-Senat, bezeichnet das neue Gebilde als »Megamonster«, das die Leute zwingen werde, höhere Telefon- und Kabelgebühren zu zahlen. Für den Verbraucher sei das neue Gebilde »eine Ohrfeige«.

Doch für den Bell-Chef Smith ist diese Verbindung einfach ideal: »Wir halten das für die perfekte Heirat im Informationszeitalter.«

In der Tat liegt die spektakuläre Liaison im Trend. Woche für Woche werden die Amerikaner von neuen Übernahmen, Fusionen und Beteiligungen in der Telefon- und Medienindustrie überrascht.

So möchte der Kabelfernseh-Anbieter Viacom den Filmkonzern Paramount schlucken; das Angebot: 8,2 Milliarden Dollar hat er dafür geboten. Das TV-Versandhaus QVC (siehe Seite 135), das ebenfalls an der Hollywood-Firma interessiert ist, hat auf 9,5 Milliarden erhöht.

Um Viacom zu unterstützen, will die Telefongesellschaft Nynex aus New York sich mit 1,2 Milliarden Dollar an dem Kabelunternehmen beteiligen. Bellsouth aus Atlanta hingegen möchte eine Milliarde Dollar ausgeben, um QVC beim Paramount-Erwerb zu helfen.

Im August beschloß AT & T, der größte Telefonkonzern der USA, 12,6 Milliarden Dollar für McCaw, die führende amerikanische Mobiltelefon-Gesellschaft zu zahlen. Schon im Mai hatte die regionale Telefongesellschaft US West aus Englewood (Colorado) mitgeteilt, daß sie 2,5 Milliarden für eine Beteiligung an dem Medienkonzern Time Warner ausgeben will.

Der technische Wandel stellt die Branche auf den Kopf und sorgt für Nervosität und Hektik in den Firmenspitzen. Die Telefongesellschaften sehen sich zunehmend von den Fernsehkabelgesellschaften bedroht - und umgekehrt. Bilder, Filme, Computerspiele oder Daten können in Zukunft auch über Telefonkabel geleitet werden. Andererseits werden Kabelgesellschaften demnächst Ferngespräche über ihre Netze vermitteln.

Gleichzeitig werden die konventionellen Telefonkabel von der Mobiltelefontechnik bedroht. Und die zukünftigen Fernsehkabel brauchen viel Programmstoff. In Zukunft wird es möglich sein, den Kunden 500 TV-Programme über eine Leitung ins Haus zu schicken. Über diese digitalen »Superhighways«, wie die Kabel der Zukunft in den USA genannt werden, sollen die Konsumenten Fernseh- oder Spielprogramme nach Belieben selbst abrufen können. Dafür sind natürlich Gebühren zu zahlen.

In der Hoffnung auf Milliardengewinne suchen die Medienmanager hektisch nach Übernahmekandidaten, mit deren Hilfe sie demnächst die Konsumenten mit der schönen neuen Fernsehvielfalt beglücken können. »Wer in Zukunft erfolgreich sein will, braucht Fähigkeiten in verschiedenen Schlüsselbereichen«, sagt Victor A. Pelson vom AT & T-Vorstand.

Ob die Milliarden, die derzeit für Übernahmen fließen, tatsächlich gut angelegt sind, ist indes keineswegs ausgemacht. Der technische Fortschritt habe ein solches Tempo, meint Robert W. Crandall, Ökonom und Medienexperte des Washingtoner Forschungsinstituts Brookings, daß teure Investitionen schnell wertlos sein könnten: »Es weiß doch niemand, wie diese Märkte in 10 oder 15 Jahren aussehen werden.« Aber immer bleibt etwas hängen. TCI-Chef Malone wird, wenn die Fusion mit Bell gelingt, auch seine Beteiligung an der Firma verkaufen: Sein persönliches Vermögen wächst damit um 300 Millionen auf eine Milliarde Dollar. Y

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_151_ USA: Größte Firmenübernahmen in den USA

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