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BANKEN Teurer Kauf

Der Gehälterwahnsinn geht weiter: Der Chef einer kleinen US-Bank bekommt von der Deutschen Bank eine Jahresvergütung von über 40 Millionen Mark garantiert.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Wer die Internet-Seite der amerikanischen Online-Bank National Discount Broker (ndb.com) aufruft, hört eine Ente quaken. Die Ente ist Kult. An manchen Tagen haben zusätzlich über 400 000 Amerikaner auf dem Anrufbeantworter der Bank aus New Jersey das Quaken hören wollen.

Für Arthur Kontos, den Präsidenten von National Discount Broker (NDB), ist das Maskottchen seiner Firma »ein Symbol für Reichtum«.

Zumindest ihm persönlich, das steht fest, wird die Ente jede Menge Geld einbringen. Mitte Oktober hat die Deutsche Bank angekündigt, dass sie die elftgrößte Online-Bank der USA für rund eine Milliarde Dollar übernehmen will. Kontos hat bereits die Offerte akzeptiert. Er besitzt immer noch 13,6 Prozent der Aktien. Wenn die Angebotsfrist Ende November ausläuft und nichts dazwischen kommt, wird Kontos rund 300 Millionen Mark kassieren können.

Damit nicht genug. Wenn Kontos und weitere zehn Manager der amerikanischen Minibank bei ihrem neuen Eigentümer aus Deutschland durchhalten, wird ihnen ein Gehaltspaket von jährlich rund 140 Millionen Mark zunächst bis 2002 in Aussicht gestellt. Kontos allein stehen über 40 Millionen Mark zu. Der Gehälterwahnsinn geht in eine neue Runde.

Dabei steht der National Discount Broker nicht gerade glänzend da. Trotz Discountpreisen für die Abwicklung von Wertpapiergeschäften aller Art haben die Amerikaner bisher nur rund 270 000 Depots bei der Bank eröffnet, auf denen insgesamt gut elf Milliarden Dollar liegen. Statt eines Gewinns von neun Cent je Aktie musste NDB zum 31. August einen Verlust von sechs Cent für das vergangene Quartal ausweisen.

Die Zahl der Kunden hat sich in diesem Zeitraum nur um 23 300 erhöht, während deutsche Discountbanken wie die Nürnberger Consors mehr als doppelt so viel Zulauf hatten. Gegen die großen Marktführer in Amerika wie Charles Schwab oder Fidelity hat die Online-Bank, die in Amerika auf einen Marktanteil von einem Prozent kommt, kaum eine Chance.

Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer nannte denn auch den Einstieg bei NDB »einen ersten, kleinen Schritt«, nachdem sich die Deutsche Bank im Mai mit zunächst 16 Prozent an der Bank mit ihren mittlerweile 900 Beschäftigten beteiligt hatte. Sein Vorstandskollege Michael Philipp, damals noch der für das weltweite Aktiengeschäft zuständige Investmentbanker, war da wesentlich enthusiastischer: »Unsere Platzierungskraft wird durch diese Allianz sehr gefördert.«

Die Investmentbanker, die der Deutschen Bank gerade ein Rekordergebnis vor Steuern von 5,9 Milliarden Euro für die ersten neun Monate beschert haben, wollten die NDB unbedingt übernehmen. Denn über eine Tochtergesellschaft ist Kontos Firma auch als einer der größeren Aktienhändler an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq aktiv. Zurzeit kaufen Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Merrill Lynch viele freie Händler auf, um auch diesen Geschäftszweig zu kontrollieren.

Als sich Ende Juli der erste Übernahmeinteressent für die NDB meldete, war der ehemalige Wertpapierhändler Kontos in seinem Element. Der Preis für sein Unternehmen ging immer mehr in die Höhe, als sich im September weitere Interessenten an dem Wettstreit um seine Firma beteiligten.

Der Bieter mit den tiefsten Taschen war die Deutsche Bank. In dem entscheidenden Treffen am 6. Oktober lockte Kevin Parker, für die Deutsche Bank im Verwaltungsrat der National Discount Broker, mit einem Gehaltstopf von 60 Millionen Dollar an zusätzlichen Prämien für die Topmanager im Unternehmen. Nur die zunächst gebotenen 46,50 Dollar je Aktie behagten Kontos nicht. Schließlich erhöhte Parker auf 49 Dollar. Damit war die Deutsche Bank bereit, gegenüber dem Börsenkurs eine Prämie von fast 100 Prozent zu zahlen.

Am 10. Oktober stimmte der Vorstand der Deutschen Bank dem Deal zu. Wenn bis zum 21. November genug Aktionäre von NBD die Offerte akzeptieren, können Kontos und seine Leute jubeln. Unter der Überschrift »Interests of Certain Persons« sind in dem Übernahmedokument fein säuberlich die gewaltigen Millionengehälter dokumentiert. Kontos selbst führt die Liste mit einem Garantiegehalt für 2001/2002 von gut 18 Millionen Mark an. Dazu kommen noch Deutsche-Bank-Aktien im Wert von fast 23 Millionen Mark. Sein oberster Aktienhändler erhält insgesamt 23 Millionen Mark. Weitere neun Spitzenmanager sollen rund 60 Millionen Mark in cash und in Aktien erhalten, wenn sie der Bank die Treue halten.

Auf der Sitzung des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, die der Übernahmeofferte bereits zustimmte, wurden die Wahnsinnsgehälter nicht erwähnt. cHRISTOPH PAULY

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