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17. Januar 2006, 10:13 Uhr

Teurer Leben in New York

Wohnschloss des Geldadels

Von , New York

Der neue Reichtum der Wall-Street-Banker verwandelt ein Wahrzeichen New Yorks: Das Plaza Hotel, Schauplatz vieler Hollywood-Filme, wird zum Apartmenthaus der Luxusliga umgebaut. Inzwischen sind die ersten Wohnungen auf dem Markt - und gehen weg wie Google-Aktien.

New York - Noch ist alles eine Baustelle. Die Fassade ist bis zum Dach hinter einem Stahlgerüst verschwunden. Drinnen ist die Lobby mit Rigipsplatten verbrettert. Begehbar sind nur der Edwardian Room, der Speisesaal mit Eichendecke und Fenstern zur Fifth Avenue, und der Grand Army Plaza, der dem Haus seinen Namen gab. Es riecht nach Zement und Sägemehl.

"Willkommen im Plaza des 21. Jahrhunderts", begrüßt Miki Naftali seine Besucher. Naftali ist ein jugendlicher, lebhafter Mann mit Kurzhaarschnitt. Der Akzent verrät seine Herkunft: Israel. Sein Aussehen - Designer-Anzug, senfgelbe Seidenkrawatte - zeigt, dass Geld für ihn kein Thema ist.

Plaza-Fassade (im April 2005): Spek! Ta! Ku! Lär!
AP

Plaza-Fassade (im April 2005): Spek! Ta! Ku! Lär!

Understatement wäre auch unpassend. Naftali, Multimillionär und Immobilienmagnat, ist der neue Hausherr des New Yorker Plaza Hotels. Beziehungsweise dessen, was davon übrig geblieben ist. Das legendäre Grand Hotel, seit April 2005 geschlossen, wird es seiner alten Form nie mehr geben.

Ikone ihrer Zunft

Stattdessen lässt Naftali das neobarocke Architekturmonument am Central Park, das in vielen Hollywood-Filmen eine Hauptrolle spielte ("Plaza Suite", "Barfuß im Park"), zum Symbol des neuen Börsenwohlstands umbauen. Zum 100. Geburtstag im kommenden Jahr soll es wiederauferstehen - als eines der teuersten Luxusapartmenthäuser der Stadt, mit 182 Wohnungen für bis zu 33 Millionen Dollar. Schon seit Ende voriger Woche sind die Apartments auf dem Markt - und gehen weg wie Google-Aktien. 25 Prozent wurden bereits verkauft.

Das Kapital für solch astronomisch teuren Immobilien ist reichlich vorhanden: Zur Jahreswende meldete die Wall Street die höchsten Boni ihrer Geschichte, mit Sonderausschüttungen von insgesamt 21,5 Milliarden Dollar für Broker und Banker - zehn Prozent mehr als beim letzten Rekord vor dem Dotcom-Crash von 2000. Die Bilanzzahlen mehrerer Investmentbanken, die diese Woche anstehen, dürften den Trend nur bestätigen.

Per Computer durch die Zimmerfluchten

Der Plaza-Nobelbau steht stellvertretend für einen Luxus-Immobilienboom in ganz Manhattan. Die VIP-Maklerin Elizabeth Stribling, eine Ikone ihrer Zunft, ist beim Rundgang behilflich. Weil der Großteil des Gebäudes noch unbegehbar ist, nutzt sie für den Rest die Virtual Reality: Via Computergrafik führt sie Interessenten durch ihre potentiellen Luxus-Heimstätten. "Spectacular!", ruft sie dazu in Südstaatendialekt. "Spec! Ta! Cu! Lar!"

In der Tat. Apartment 309 zum Beispiel, die Ecksuite im dritten Stock, die sowohl die Grand Army Plaza wie den Central Park überblickt. 422 Quadratmeter, zwei Schlafzimmer, zwei Bäder, Marmorküche, Bibliothek.

Der Computer leitet einen verführerisch im Schritttempo durch die Zimmerfluchten nach oben. "Schauen Sie nur hier, die Originalmonturen des alten Plaza Hotels! Und da, die liebevoll rekonstruierten Caracatta-Steinmosaike! 24 Millionen Dollar", säuselt Stribling, "ein Schnäppchen und noch zu haben."

350 Millionen Dollar für den Prinzen

Für etwas bescheidenere Börsengewinner gäbe es das Apartment 1009, zehnter Stock, das mit der runden Ecke. 262 Quadratmeter, Foyer, Marmorbäder, Dienstboteneingang - 14 Millionen Dollar. Und natürlich, wie alle Wohnungen, mit eigenem Butler-Etagenservice und einem Flachbildschirm, auf dem man nicht nur sieht, wer unten Einlass begehrt, sondern auch mit ein paar Klicks Tische in den besten Restaurants reservieren kann. "Enorm beliebt", berichtetet Stribling.

Und das Billigste? Fenster zum Hof, zwei Millionen Dollar, sagt die Maklerin, "aber da habe ich nichts mehr. Legen Sie mir 2,5 Millionen auf den Tisch, und wir kommen ins Gespräch". So ist das eben in diesen Tagen, da der Dow Jones um die 11.000-Puntke-Marke pendelt. Für zwei Millionen Dollar kriegt man schon nichts Vernünftiges zum Wohnen mehr.

Europäisch-kosmopolitischer Stil: So nennt Bauherr Naftali sein Konzept, den Königen der Wall Street würdige Gemächer zu bauen - inmitten einer kitschigen Kinokulisse, die zu einer Art Disneyland einer verflossener Jetset-Ära renoviert werden soll.

Als Naftalis Immobiliengesellschaft Elad das Plaza im Oktober 2004 für 675 Millionen Dollar kaufte, brach ein Proteststurm los. Denkmalschützer, Historiker und betroffene Bürger fürchteten um den Bestand ihres Wahrzeichens. Sie witterten pure Geschäftemacherei - schließlich hatten die Vorbesitzer, der saudische Prinz Walid Ibn Talal und der Hotelkonzern Millennium & Copthorne, mit dem Deal 350 Millionen Dollar Gewinn gemacht.

Dann feuerte Naftali die altgediente Plaza-Belegschaft, machte den Laden dicht und gab seinen Penthouse-Plan bekannt - ein neuer Sturm brach los. Doch an der Sache war nicht mehr zu rütteln. Zumal das Plaza längst heruntergekommen war und seit 9/11 jedes Jahr Millionenverluste eingefahren hatte.

Filetcracker und Käse-Torteletts

Inzwischen regt sich keiner mehr darüber auf, dass der einstige Treff für Weltenbummler zum Privatdomizil des Geldadels werden soll. Naftali dämpfte die Kritik, indem er versprach, die denkmalgeschützten Festsäle originalgetreu zu restaurieren und auf der Rückseite seiner Apartmentburg ein Mini-Hotel (282 Zimmer) einzuplanen, allerdings mit dem Eingang diskret nach hinten raus, zur 58th Street. Die einstige, güldene Hotellobby am Central Park dagegen, in der Hitchcock 1959 die ersten Szenen seines Kultfilms "Der unsichtbare Dritte" drehte, wird künftig zum Foyer für die Wohnungsbesitzer.

Erste Probebesichtigungen zur Jahreswende, sagt Naftali, hätten "sehr, sehr gute Reaktionen von Käufern" erbracht. Etwa die Hälfte der bisher verkauften Wohnungen sei an US-Interessenten gegangen, der Rest unter anderem an Käufer aus Indien, Italien, Russland und Südkorea. Über die Identität schweigt man sich selbstverständlich aus, "unsere Klienten schätzen ihre Privatsphäre".

Zum Abschied lässt Naftali in der "Hitchcock-Lobby" stilgerecht Pino Grigio und Casa-de-Campo-Rotwein servieren, dazu Cracker mit Filet-Mignon-Spitzen und Käse-Torteletts. An der Marmorwand hinter den vergoldeten Aufzügen hängt in der Ecke noch ein altes Preisschild des alten Plaza: Einzelzimmer ab 235 Dollar, Suiten ab 400 Dollar. Das galt mal als teuer.

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