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KAUFHÄUSER Teurer Traum

Wenig Freude hatten die Eigentümer der Horten AG in den letzten Jahren an ihrer Kaufhaus-Kette: Das Management machte Fehler in Serie. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Die Einladung für Helmut Horten, 77, war an den Steuerwohnsitz gerichtet, die Besitzung »Villalta« im Tessiner Gebirgsort Madonna del Piano bei Lugano. Es ging um die Jubiläumsfeier zum Fünfzigjährigen der Horten AG am 9. Mai.

Doch der Gründer des nach Karstadt, Kaufhof und Hertie viertgrößten Warenhauskonzerns

überwintert noch auf den Bahamas. Und selbst wenn er in Europa weilte, zur Jubiläumsfeier in Düsseldorf würde er nicht erscheinen. »Herr Horten hat«, so sein Generalbevollmächtigter Hans-Dietrich Schwahn, »mit seiner früheren Firma nichts mehr gemein.«

Das Handelshaus gehört heute zu 51 Prozent der in Hamburg ansässigen Batig, der Deutschland-Tochter des britischen Mischkonzerns BAT. Ein Viertel der Horten-Aktien halten die Deutsche Bank und die Commerzbank über ihre Gemeinschaftsfirma Degav, der Rest verteilt sich auf 40000 Kleinaktionäre.

Der Konzerngründer Horten hatte sich rechtzeitig von seinem Firmenbesitz getrennt, bevor die Warenhäuser durch die lang anhaltende Kaufflaute und die preisaggressiven Verbrauchermärkte in die Krise gerieten.

Besonders traurig sahen die Horten-Bilanzen in den letzten Jahren aus. Für 1982 gab es nichts, ein Jahr später sechs Mark je 50-Mark-Aktie, für 1984 wurden nur vier Mark gezahlt. Bei einem Umsatz von knapp drei Milliarden Mark hatte Horten einen Jahresüberschuß von nur 20 Millionen Mark erwirtschaftet.

Beim Abschluß des Geschäftsjahres 1985/86 im Februar war kaum Gewinn in der Kasse. Um ausgerechnet im Jubiläumsjahr nicht blank vor die Aktionäre treten zu müssen, beraten die Horten-Manager derzeit, ob sie wenigstens eine Mini-Dividende zahlen. Das soll mit einem Griff in die Rücklagen gedeichselt werden.

Dem Kleinsten unter den Warenhaus-Konzernen könnte es besser gehen, wenn er sich nicht beim Erwerb zweier Firmen gewaltig vertan hätte. Das 1980 gekaufte Versandhaus Peter Hahn und die ein Jahr später erworbene Dogmoch-Gruppe mit ihren 107 »Ypsilon«-Boutiquen machten 1985 rund 60 Millionen Mark Verlust.

Diese Ausfälle konnten im angestammten Warenhausgeschäft nicht wettgemacht werden. In den 58 Horten-Häusern von Kiel bis Kempten gab es nur ein Umsatzplus von 1,2 Prozent; die Preissteigerungsrate rausgerechnet, lag der Horten-Umsatz sogar im Minus.

Die Verantwortung für die Fehlleistungen lastet auf einem Manager, der

seit Oktober vergangenen Jahres nicht mehr dabei ist. Bernd Hebbering, 47, seit August 1973 im Horten-Vorstand und seit 1977 Sprecher des Vorstands, wechselte zum Branchenführer Karstadt nach Essen.

Der wortgewandte Handelsmann stand lange Zeit in seiner Branche wie auch bei den Banken im besten Ruf. Vor allem Friedrich Wilhelm Christians Sprecher der Deutschen Bank und bei Karstadt bis letzten Sommer Aufsichtsratschef, hielt viel von Hebbering. Er holte ihn nach Essen, als Stellvertreter des Karstadt-Chefs Walter Deuss.

Zu Horten war Hebbering vor 13 Jahren gekommen von Karstadt, wo er als Lehrling angefangen hatte. Er stemmte sich bei der Düsseldorfer Kaufhaus-Kette sogleich mit Sparprogrammen gegen die Kaufkrise, von der alle Warenhäuser erfaßt wurden. Früher als die Konkurrenz zog er die Notbremse und schloß 16 unrentable Warenhäuser.

Um seine schwache Bilanz zu entlasten, vermietete Hebbering die chronisch defizitären Lebensmittel-Abteilungen in den Horten-Häusern an die Edeka. Der Mietvertrag bekam weder der Edeka noch Horten.

Die Lebensmittel-Abteilungen gelten bei allen Warenhäusern als Attraktion; nicht so bei Horten. Um die Kunden anzulocken, müßten vor allem Delikatessen angeboten werden. Doch die biedere Edeka kann da nichts bieten. Mit ihrer Hausmannskost vergraulte sie manchen Stammkunden von Horten.

Einen anderen Untermieter mußte Horten aufkaufen. Dem Syrer Mohammed Jassin Dogmoch hatte Hebbering zunächst Verkaufsläden für seine Geschenkartikel in 36 Horten-Filialen freigemacht. Weil die Geschäfte mit den in Fernost und in Dogmochs Heimat eingekauften Artikeln einem Sammelsurium aus Kitsch und Nützlichem, nicht gingen, übernahm Hebbering in Etappen 90 Prozent der insgesamt 107 »Ypsilon«-Läden sowie Dogmochs Hongkonger Einkaufsbüro Sono. Der Syrer setzte sich mit einem zweistelligen Millionenbetrag als Berater seiner Regierung nach Paris ab.

Als Flop entpuppte sich Hebberings Ausflug in den Versandhandel. Das Familienunternehmen Peter Hahn, ein Spezialversender für elegante Kleidung, kam auch unter Horten-Regie nicht aus den roten Zahlen.

Im Warenhaus-Bereich änderte der Düsseldorfer Chef laufend die Konzeptionen. Mal verbannte er die Grabbeltische aus seinen Häusern, weil er das Image aufmöbeln wollte; dann, als der Absatz noch stärker absackte, ließ er die Ramschtheken wieder aufstellen.

Schließlich meinte Hebbering, auch seine Firma müsse mit einem Weltstadt-Haus repräsentieren können. Karstadt hat schließlich sein protziges »Oberpollinger« in München, der Kaufhof ein Spitzenhaus an Kölns Hoher Straße, und Hertie hat sein KaDeWe in Berlin. In

Düsseldorf, am Sitz der Zentrale, verwirklichte Hebbering seinen Traum eines Glitzerbaus.

Es wurde ein teurer Traum. Die Düsseldorfer Stadtplaner hatten wegen des U-Bahn-Baus nicht gestattet, das Carsch-Haus am Heinrich-Heine-Platz einfach auszubauen. Also ließ Hebbering den Komplex mit der neoklassizistischen Fassade abtragen und 23 Meter weiter hinten originalgetreu wieder aufbauen. Kosten des innen mit Marmor und Spiegeldecken ausstaffierten Kaufpalastes: 70 Millionen Mark.

Die stehen, so Insider, in keiner Relation zu den 10500 Quadratmetern Verkaufsfläche. Das KaDeWe zum Beispiel ist viermal größer, sein Umbau kostete nicht einmal das Doppelte.

Die Verkaufskonzeption des Carsch-Hauses ging nicht auf. Das Beste vom Besten sollte angeboten werden. Doch Hebbering gelang es nicht, Renommiermarken wie Bogner oder Burberry als Lieferanten zu gewinnen. So kauft die Düsseldorfer Schickeria weiterhin in den Boutiquen auf der nahe gelegenen Königsallee. Statt wie geplant 70 Millionen Mark Umsatz machte das Carsch-Haus im ersten Jahr weniger als 60 Millionen Mark. Das hinderte Hebbering nicht, in Wiesbaden eine Kopie des Carsch-Hauses zu errichten.

Nach Hebberings Abgang tat sich der amtierende Aufsichtsratschef, Harald Erichsen von der Batig, schwer, einen Nachfolger zu finden. Er mußte schließlich einen Oldtimer aus dem Konzern nehmen: Heinz Garsoffky, 59, ist bereits die Hälfte seines Lebens bei Horten.

Bevor der altgediente Handelsmann im Konzern aufräumt, muß er nun erst mal mit fröhlicher Miene bei den Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Jubiläum repräsentieren. Helmut Horten, der Mann mit dem richtigen Riecher, wird ihm dabei gewiß fehlen.

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