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STAHLINDUSTRIE Teures Bündnis

In den alten Hoesch-Stahlwerken läßt sich nur noch mit Verlust produzieren, doch für neue Anlagen fehlt das Geld. Die Regierungen von Land und Bund sollen nun 10 000 Arbeitsplätze bei Hoesch retten.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Draußen vor der Hauptverwaltung der Dortmunder Hoesch-Werke skandierten 1500 Stahlarbeiter: »Stahlwerk jetzt, Stahlwerk jetzt]«

Drinnen, im holzgetäfelten Sitzungssaal, plädierte Hoesch-Chef Detlev Karsten Rohwedder gegenüber seinen 21 Aufsichtsräten mit aller Energie, zu der der smarte Ex-Staatssekretär fähig ist, für das Gegenteil: Das geplante Blasstahlwerk, 500 Millionen Mark teuer, solle erst mal nicht gebaut werden.

Wie für Fixer eine Überdosis, warnte der Manager seine Kontrolleure, könnte für Hoesch der Neubau »ein goldener Schuß« werden.

Doch der Aufsichtsrat entschied gegen den Generaldirektor, die Hütte soll, so beschloß der Hoesch-Rat am Freitag vor acht Tagen einstimmig, gebaut werden.

Für die Investition spricht einiges. Die völlig veralteten Siemens-Martin-Öfen in der Westfalenhütte des Konzerns sind nur noch begrenzte Zeit einsatzbereit. Unrentabel produzieren auch die Anlagen im Werk Phoenix. Müßte Phoenix aber schließen, dann wären auch die Walzstraßen von einer Stillegung bedroht. Insgesamt stehen bei Hoesch rund 10 000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Doch trotz des klaren Aufsichtsratsbeschlusses, trotz aller triftigen Arbeitsplatz-Argumente ist höchst zweifelhaft, ob die halbe Milliarde in neue Stahlfabriken investiert wird. Der Aufsichtsrat, zur Hälfte mit Arbeitnehmervertretern besetzt, hat nach Meinung von Branchen-Experten dem Projekt nur zugestimmt, um erst einmal die aufgebrachte Arbeitnehmerschaft zu beruhigen. Passieren wird wohl nichts.

Kann auch nicht. Denn niemand unter den 21 Hoesch-Räten weiß, wie die neuen Anlagen bezahlt werden sollen.

Zwar boten bereits vor Monaten die Bonner Bundes- und die Düsseldorfer Landesregierung dem Hoesch-Management einen 250-Millionen-Kredit zu einmaligen Sonderkonditionen an. Doch für die restlichen 250 Millionen ist ein Spender nicht in Sicht.

Das Unternehmen selbst kann die Mittel jedenfalls nicht aufbringen. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres verbuchte die Stahlfirma einen Rekordverlust von 365 Millionen Mark. Rohwedder vor Betriebsräten: »Ich stehe mit dem Rücken an der Wand.«

Jahrelanger Schlendrian im Management und überalterte Produktionsstätten haben das Dortmunder Unternehmen mit dem großen Namen in die fast ausweglose Lage gebracht.

Nur dem holländischen Hoesch-Partner Hoogovens verdanke es Rohwedder, so ein Aufsichtsrat, daß er den Gang zum Konkursrichter noch nicht habe antreten müssen. Hoogovens ist seit 1972 mit dem deutschen Hütten-Trust verschmolzen; ein Zusatzvertrag verpflichtet die Niederländer zur Übernahme von Verlusten.

Und davon gab es genug: Über 800 Millionen Mark kostete es die Holländer bisher, den Kompagnon am Leben zu erhalten. Für einen Neubau bei Hoesch haben daher auch die Holländer kein Geld mehr, zumal auch ihre eigene Hütte bis Oktober ein Minus von 95 Millionen Mark anhäufte.

»Notfalls«, meint deshalb Betriebsratschef Dankward Börngen, »müssen die Regierungen in Bonn und Düsseldorf ran.« Die aber sind weniger denn je geneigt, mehr als die bereits zugesagten 250 Millionen Mark zu opfern: Sie wissen, daß sie eine Fehlinvestition finanzieren müßten.

Durch das Brüsseler Stahlkartell wurde gerade amtlich bestätigt, daß in Europa weit mehr Stahl produziert werden kann, als verbraucht wird. Rohwedder: »Da können wir doch nicht anfangen zu bauen.«

Ein neues Stahlwerk in Dortmund wäre überdies wegen des ungünstigen Standorts kaum konkurrenzfähig. Hoesch muß seine Erze mit teurer Bahnfracht von den Nordsee- oder Rheinhäfen heranschaffen, während andere Firmen, Hoogovens in Ijmuiden an der Nordsee etwa, sich das Erz direkt aus Übersee-Frachtern holen können.

Den Holländern wäre es daher am liebsten, wenn Hoesch zu einem Zweigwerk abmagert, in dem ausschließlich weiterverarbeitet wird. Andernfalls solle das kostspielige Stahlbündnis aufgelöst werden.

Rohwedder hat für den Fall der Trennung vorgedacht. Zusammen mit den Kollegen von Krupp läßt er prüfen, in welchen Sparten die beiden Ruhr-Konzerne Produktionen zusammenlegen oder aufteilen können.

Krupp soll dann, so die Überlegungen, Edelstähle produzieren, Hoesch seine Fertigung von feuerverzinkten oder kunststoffbeschichteten Blechen ausbauen. Allerdings: Den Rohstahl würde die wesentlich kostengünstiger arbeitende Krupp-Hütte in Rheinhausen liefern, die Hoesch-Stahlwerke müßten dichtmachen.

Für die Belegschaftsvertreter im Aufsichtsrat sind die Krupp-Pläne Rohwedders daher völlig unakzeptabel. Auch den Politikern in Bonn und Düsseldorf würden sie wenig helfen.

Für sie zählt, daß Hoesch mit seinen 25 000 Beschäftigten der weitaus größte Arbeitgeber im östlichen Revier ist. Würden die Stahlwerke tatsächlich dichtgemacht und fast die halbe Hoesch-Belegschaft entlassen, dann müßten sich die in der Bundes- wie auch der zuständigen Landeshauptstadt regierenden Solzialdemokraten auf Protestaktionen gefaßt machen, die den Bergarbeiter-Demonstrationen in den S.130 sechziger Jahren gewiß um nichts nachstünden.

Wie es ihnen bei Zahlungsverweigerung ergehen wird, konnten die Düsseldorfer vorige Woche erahnen. »Damit Dortmund nicht zum Elendsviertel der Nation« werde, drohte IG-Metall-Funktionär Werner Diederich mit Widerstand bis hin zum Generalstreik. Hoesch-Vertrauensleute forderten die sofortige Verstaatlichung ihres Unternehmens.

S.129Mit einem Spaten, den ihm demonstrierende Arbeiter überreichten,damit er mit dem Bau beginne; rechts neben ihm NRW-SozialministerFriedhelm Farthmann.*

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