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EURO Teures Epsilon

Die Umstellung der Währung verursacht für die Betriebe nicht nur hohe Kosten, sondern auch jede Menge Probleme. Die größte Last tragen kleine Unternehmen.
aus DER SPIEGEL 21/1998

Mathematisch gesehen, ist die Umstellung der Mark auf den Euro eine simple Division. Am 1. Januar 1999 ist jeder Mark-Betrag durch die letzte Notierung der europäischen Leitwährung Ecu vom Tag zuvor zu teilen. Das ist alles.

In der Praxis entwickelt sich dieser Vorgang zur kompliziertesten, teuersten und folgenreichsten Rechenaufgabe der Geschichte Europas.

Dreihundert Milliarden Mark kostet die Europäer die Umstellung ihrer Währungen, schätzt IBM-Deutschland Geschäftsführer Hermann-Josef Lamberti. Der Arbeitsmarkt an Informatikern, die EDV-Programmen die Euro-Division beibringen können, ist leergefegt. Allein in Deutschland fehlen schätzungsweise 20 000 von ihnen.

Softwareunternehmen arbeiten rund um die Uhr. Um 63 Prozent stieg der Umsatz im ersten Quartal 1998 beim weltgrößten Hersteller betriebswirtschaftlicher Standardsoftware SAP in Walldorf. SAP-Vorstand Henning Kagermann: »Der Euro heizt unser Geschäft kräftig an.«

Die Umstellung kostet jedes Unternehmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern über 50 Millionen Mark, schätzt die Managementberatungsgesellschaft KPMG. Konzerne wie Siemens, Daimler-Benz oder die Allianz rechnen gleich mit dreistelligen Millionenbeträgen.

Allein bei der Bankgesellschaft Berlin sind 800 Leute mit der Euro-Rechnung beschäftigt. Da rund 90 Prozent aller Geschäftsprozesse in der Wirtschaft inzwischen von Software gesteuert werden, müssen Rechner und Programme, die den Euro-Switch nicht mehr schaffen, vorzeitig erneuert werden.

Die Konsequenz: Die Umschlagzeit der Computertechnik - normalerweise wird alle sieben bis acht Jahre ausgetauscht - verkürzt sich dank Euro und Jahrhundertwende im Schnitt um zwei Jahre. Ein milliardenschweres Investitionsprogramm ist in vollem Gange.

Besonders kompliziert wird es für Unternehmen, die mehrgleisig ins Euroland reisen müssen. Ein Versicherungsriese wie die Münchner Allianz etwa muß als Anleger vom 1. Januar 1999 an, wenn die Finanzmärkte der Euro-Länder nur noch mit dem Euro arbeiten, auf die neue Währung umgestellt haben. Gleichzeitig laufen alte Versicherungspolicen in der Übergangszeit bis zum 31. Dezember 2001, wenn die Mark verschwindet und die Euroscheine verteilt werden, in nationaler Währung weiter, neue Versicherungen werden bereits auf Euro abgeschlossen.

Zu allem Überfluß wollen gesetzliche Sozialversicherungen und Finanzämter erst von 2002 an Beiträge und Steuererklärungen in Euro akzeptieren. Bis dahin müßten Personalabteilungen und Gehaltsbuchhaltungen voll Markfähig bleiben.

Die Lösung ist teuer und birgt eine große Fehlergefahr. Während der dreijährigen Übergangsfrist bis zum Verschwinden der Mark müssen alle Systeme zwei Währungen verarbeiten können - bei 32 000 einzelnen Softwaremodulen, die etwa die Allianz fährt, um 31 Millionen Versicherungspolicen zu bearbeiten, eine immense Last.

Die Rechenaufgabe des Jahrhunderts birgt viele verborgene Probleme. Um den Verbraucher vor versteckten Preiserhöhungen zu schützen, hat Brüssel in einer Verordnung die centgenaue Umrechnung der nationalen Währungen in Euro vorgeschrieben - mit schwerwiegenden Folgen.

Zum Beispiel hat der Bonner Finanzminister den Höchstbeitrag für die betriebliche, steuerbegünstigte Direktversicherung bei 3408 Mark festgeschrieben. Die Umrechnung mit einem krummen Ecu-Leitkurs von zum Beispiel 1,97738 Mark (Stand 16. März) ergäbe eine Höchstgrenze für die Direktversicherung von 1723,4927 Euro.

Hier muß gerundet werden, und die Rundung muß auch noch durch zwölf zu teilen sein, damit die Deutschen auch in Zukunft ihre Beiträge zur Direktversicherung monatlich leisten können. Solche Beispiele gibt es zu Tausenden.

Überhaupt steht den Versicherern viel Rechenarbeit bevor. Alle Policen sind auf volle Zahlen abgeschlossen - die nach der Umstellung krumm werden. Eine Lebensversicherung, fällig im Jahre 2006 über 100 000 Mark, kann unmöglich in Zukunft auf 50 571, 97 Euro lauten.

Die Allianz wird deshalb ihre Millionen Policen zunächst centgenau umrechnen und dann ihren Kunden ein neues Angebot für Rundung und Prämien vorlegen.

Das nach der Umstellung nötige Aufrunden der Beträge muß übrigens stets, so ist es für die Versicherungen festgelegt worden, zugunsten des Kunden vorgenommen werden. Für den einzelnen Versicherungsnehmer sind das Peanuts. In der Masse kommt einiges zusammen. Die Allianz rechnet mit einem Rückstellungsbedarf in Millionenhöhe.

Viel Ärger könnte vermieden werden, wenn die Mark am Jahresende mit einem runden Betrag - zum Beispiel ein Euro für zwei Mark - umgerechnet werden könnte. Doch diesen Glücksfall wird wohl nur der Spielevertrieb Hasbro in Dietzenbach genießen können. Immobilien auf der Parkstraße und an der Schloßallee beim Monopoly kosten in Zukunft nur noch die Hälfte - in Euro.

Im richtigen Leben sieht es anders aus. Nach dem Maastrichter Vertrag erhält der Euro den Wert der letzten Notierung der einheitlichen Korbwährung Ecu vom 31. Dezember 1998.

Da im Korb des Ecu aber nicht nur die seit Anfang Mai bereits gegeneinander festgeschriebenen elf Währungen der Währungsunion enthalten sind, sondern auch noch die drei Nicht-Euro-Länder Großbritannien, Dänemark und Griechenland, schwankt der Ecu-Wert bis zum letzten Tag seiner Existenz.

Vor allem das Britische Pfund mit einem Anteil von immerhin 13,4 Prozent im Ecu-Korb (die Mark hält 31,6 Prozent) kann noch für Veränderungen sorgen. Steigt zum Beispiel das Pfund gegenüber der Mark, so verliert diese relativ zum Ecu an Wert.

Um den Euro allerdings auf zwei Mark zu schieben, müßte das Pfund bis zum Jahresende bei rund 3,25 Mark (jetzt 2,90 Mark) landen - eine recht unwahrscheinliche Annahme.

Also wird es wohl krumm zugehen am 1. Januar 1999 - zum Verdruß der Softwareentwickler.

Noch ist nicht in jedem Fall klar, was mit den krummen Ergebnissen zu geschehen hat. So zahlen die Deutschen in der Regel 15 Prozent Versicherungsteuer auf ihre Beiträge. Allein die Allianz kassiert in Deutschland 17 Milliarden Mark Prämien im Jahr. Nach den derzeitigen Bestimmungen wird auf zehn Pfennig gerundet. Soll das in Zukunft für zehn Cent gelten?

Doch bei all den Klagen über die komplizierte und kostspielige Umstellung - unterm Strich wird der Euro zumindest für die Großen ein sicheres Geschäft.

Im Daimler-Benz-Konzern, so haben Rechercheure des US-Magazins »Newsweek« gezählt, muß die beeindruckende Zahl von 350 Milliarden Bytes umprogrammiert werden. Das kostet etwa 200 Millionen Mark. Allein mit ersparten Währungstauschkosten holt Daimler pro Jahr aber 100 Millionen Mark wieder herein.

Tag für Tag müssen die Anlageexperten der Allianz aus einem Anlagevolumen von 500 Milliarden Mark im Schnitt 100 Millionen Mark neu plazieren - und davon zu 80 Prozent in der Währung, in der die Versicherten abgeschlossen haben, wie das deutsche Versicherungsaufsichtsgesetz vorschreibt.

Da fiel es oft schwer, soviel Geld auf dem kleinen Mark-Markt unterzubringen. Oft mußten Anlagen gewählt werden, die im internationalen Vergleich eher zweitklassig waren.

Der Euro wird das zweieinhalbfache Marktvolumen bieten und damit beste Voraussetzungen für lukrative Anlagegeschäfte. Die Umstellungskosten sind da schnell wieder in der Kasse.

Die größte Last der Jahrhundertdivision tragen zweifelsfrei kleine und mittelständische Unternehmen, die wegen ihrer regionalen Gebundenheit vom Euro kaum profitieren, gleichwohl aber die hohen Kosten der Umstellung zu tragen haben. Und viele von ihnen können sich nicht einmal Zeit dabei lassen. Die Großen im Lande bestimmen das Tempo.

So haben Siemens und Daimler, die beide zum frühestmöglichen Termin den Euro in ihre Bücher einführen, ihre Zulieferer bereits intern wissen lassen, daß auch sie gefälligst vom 1. Januar 1999 an in Euro abrechnen müßten.

Die großen Konzerne sind es auch, die weltweit für Umstellungszwang sorgen werden, auch in Ländern, die nicht zum Euro-Club gehören.

Rund zwei Drittel des Handels etwa wickelt die Schweiz mit den Ländern des Euro-Blocks ab, in Zukunft fakturiert in der neuen Währung. Die Multis des kleinen Frankenlandes wollen Löhne und Rechnungen auch ihrer nationalen Zulieferer in Euro begleichen.

Und so müssen die Schweizer auch ohne EU-Mitgliedschaft von Januar 1999 an ihre Computer mit neuen Symbolen laden. Denn anders als die Mark erhält der Euro sein eigenes Währungszeichen. Das rundliche Epsilon mit zwei Querstrichen ist eine Erfindung der europäischen Finanzminister auf ihrem Gipfel Ende 1996 in Dublin.

Ein schlichtes großes »E« statt des in keinem Computer vorhandenen Epsilon wäre um einige Millionen billiger gewesen.

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